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«Sehr düstere Zeit»: So surreal war Cornells Homecoming-Wochenende

ITHACA, NEW YORK, UNITED STATES - 2015/10/10: Library and McGraw bell tower on the Cornell University campus. (Photo by John Greim/LightRocket via Getty Images)
«McGraw Tower» und Uris-Bibliothek auf dem Campus der Eliteuni Cornell. Bild: LightRocket

«Sehr düstere Zeit»: So surreal war Cornells Homecoming-Wochenende

Eigentlich sollte das Homecoming-Wochenende an der Cornell University ein Fest werden. Doch nach schweren Vergewaltigungsvorwürfen gegen Mitglieder einer Studentenverbindung ist die Stimmung auf dem Campus gekippt. Eine CNN-Reportage zeigt eine Universität zwischen Wut, Misstrauen und der Frage, wie viel Macht Studentenverbindungen noch haben sollen.
19.10.2026, 04:2619.10.2026, 04:26

Auf dem Footballfeld läuft alles wie immer. Das Team trainiert für das grosse Homecoming-Spiel, das Maskottchen tanzt über den Campus, ehemalige Studierende treffen sich bei Empfängen. Wenige Meter weiter stehen sich Demonstrierende und Polizisten gegenüber. Glocken scheppern, Sprechchöre hallen über das Gelände.

So beschreibt CNN das Homecoming-Wochenende an der renommierten Cornell University im US-Bundesstaat New York. Seit Wochen erlebt die Hochschule beinahe täglich Proteste. Auslöser ist die Klage einer ehemaligen Studentin, die in Gerichtsunterlagen als Jane Doe bezeichnet wird.

Sie wirft mehreren Männern vor, sie 2024 in einem Verbindungshaus unter Drogen gesetzt und gemeinschaftlich vergewaltigt zu haben. Die Vorwürfe sind Gegenstand eines Zivilverfahrens und einer neu aufgenommenen strafrechtlichen Untersuchung. Über Schuld oder Unschuld der Beschuldigten ist damit nicht entschieden.

LONDON, ENGLAND - OCTOBER 14: A woman holds a hand made sign referencing a group chat where men could have stood up for the woman at the centre of the Cornell University law suit at Leicester Square o ...
Immer wieder kommt es auf dem Cornell-Campus zu Protesten, wie hier am 14. Oktober.Bild: Getty Images Europe

Ein Campus unter Schock

CNN sprach während des Wochenendes mit Dutzenden Studierenden, Alumni und Mitarbeitenden. Das Bild ist das einer Universität, an der sich innerhalb weniger Wochen vieles verändert hat.

«Man spürt die Spannung die ganze Zeit», sagt Student Harrison Beckwith. In seinen Vorlesungen herrschten Traurigkeit, Unsicherheit und Wut. Er selbst habe nach Bekanntwerden der Vorwürfe das Gefühl entwickelt, von seiner Universität «verraten» worden zu sein.

Besonders belastend ist für viele Studierende, dass bereits 2024 Gerüchte über einen schweren Vorfall im Haus der Verbindung Chi Phi kursierten. Eine Studentin sagt CNN, sie sei damals davon ausgegangen, dass die Universität sich darum kümmern und die Betroffene unterstützen werde. Nun frage sie sich, weshalb das volle Ausmass erst zwei Jahre später öffentlich geworden sei.

Der Bundesstaat New York hat Generalstaatsanwältin Letitia James mit einer erneuten Prüfung des Falls beauftragt. Cornell wiederum engagierte die frühere stellvertretende US-Justizministerin Sally Yates, um den Umgang der Universität mit sexueller Gewalt untersuchen zu lassen.

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Protestsiognale sind überall auf dem Campus zu sehen.Bild: The Washington Post

Selbst das Homecoming-Konzert fällt aus

Wie stark der Skandal inzwischen den Alltag bestimmt, zeigt ausgerechnet das Homecoming. Beckwith und sein Kommilitone Gustavo Ponzoa hatten monatelang das traditionelle Konzert organisiert, das im vergangenen Jahr rund 1500 Studierende anzog.

Dann zog sich die als Hauptact gebuchte Band Between Friends zurück. Weitere Musiker hätten ebenfalls abgesagt oder signalisiert, derzeit nicht mit Cornell in Verbindung gebracht werden zu wollen, berichten die Studenten CNN.

Auch eine Veranstaltung zum 50. Jahrestag eines legendären Grateful-Dead-Konzerts in Cornell fiel demnach aus. Beckwith und Ponzoa wollen nun stattdessen ein Konzert mit studentischen Musikern organisieren und Geld für eine Organisation gegen sexuelle Gewalt sammeln.

Es sind vergleichsweise kleine Folgen eines viel ernsteren Skandals. Sie zeigen aber, wie sehr der Ruf der Eliteuniversität gelitten hat.

Die Macht der Studentenverbindungen

Im Zentrum der Debatte steht inzwischen das sogenannte «Greek Life»: das weitverzweigte System von Fraternities und Sororities, das an vielen US-Universitäten das soziale Leben prägt.

Cornell hat Partys in Verbindungshäusern vorerst untersagt. Das Chi-Phi-Haus, in dem die mutmassliche Tat stattgefunden haben soll, steht leer. CNN beschreibt das Gebäude inzwischen als eine Art Mahnmal für die Protestbewegung.

Das geschlossene Chi-Phi-Haus, das heute als Denkmal für eine immer stärker werdende Bewegung gegen das Verbindungswesen steht.
Das geschlossene Chi-Phi-Haus, das heute als Denkmal für eine immer stärker werdende Bewegung gegen das Verbindungswesen steht.

Viele Demonstrierende fordern ein Ende der Studentenverbindungen. Sie werfen ihnen vor, durch abgeschottete Strukturen problematisches Verhalten zu schützen.

Ein anonym mit CNN sprechendes Mitglied einer Fraternity räumt ein, dass dieses Problem existiere. Menschen an Eliteinstitutionen hätten die Tendenz, Personen aus ihrem eigenen Umfeld zu schützen. Er könne deshalb verstehen, weshalb Demonstrierende «Fuck the frats» riefen.

Andere Studierende halten die Kritik für zu pauschal. Eine Studentin aus einer Sorority argumentiert, einzelne Beschuldigte dürften nicht mit dem gesamten System gleichgesetzt werden. Für sie liegt das Problem nicht grundsätzlich bei den Verbindungen, sondern bei einzelnen Männern.

Forderungen nach Rücktritt des Präsidenten

Auch Cornell-Präsident Michael Kotlikoff steht unter Druck. Er hat sich öffentlich für das Leid entschuldigt, das Jane Doe 2024 erfahren habe, und neue Sicherheitsmassnahmen angekündigt. Forderungen nach seinem Rücktritt weist er bislang zurück.

Selbst innerhalb der Studierendenschaft ist umstritten, ob ein Rücktritt etwas ändern würde. Studentenvertreter Eeshaan Chaudhuri sagt CNN, als Student würde er den Rücktritt des Präsidenten unterstützen. Als Vertreter der Studierenden sehe er die Sache komplizierter.

«Ich glaube nicht, dass der Austausch des Universitätspräsidenten sexuelle Gewalt beendet.»
Eeshaan Chaudhuri

Damit trifft er einen Kern der Debatte: Geht es um einzelne Verantwortliche – oder um ein System, das problematisches Verhalten über Jahre ermöglicht hat?

Zwischen Football-Sieg und Polizeieinsatz

Am Samstag gewinnt Cornells Footballteam überraschend gegen das zuvor ungeschlagene Lehigh. Normalerweise wäre das der Höhepunkt des Homecoming-Wochenendes.

Doch viele Mitglieder der Studentenverbindungen verfolgen das Spiel gar nicht. Stattdessen feiern Studierende in den Strassen des Viertels Collegetown – obwohl öffentliche Veranstaltungen untersagt worden waren. Für kurze Zeit sehe alles wieder nach einem gewöhnlichen College-Wochenende aus, schreibt CNN.

Dann rückt die Polizei an und löst die Versammlung auf.

Die Szene fasst die Stimmung auf dem Campus zusammen: Einerseits wollen Tausende junge Menschen weiterhin studieren, feiern und ein normales Studentenleben führen. Andererseits lässt sich der Skandal nicht mehr ausblenden.

Für Beckwith hat sich sein Blick auf Cornell dadurch grundlegend verändert. Stolz empfinde er inzwischen weniger wegen des Namens seiner Eliteuniversität als wegen jener Studierenden, die demonstrieren, recherchieren und Veränderungen fordern.

«Es ist eine sehr dunkle Zeit. Aber man sieht auch sehr viel Hoffnung.»
Harrison Beckwith

(mke)

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