Der KI-Ausbruch aus dem Testlabor zeigt: Europa hat die Revolution verschlafen
In der KI-Welt hat sich vergangene Woche Spektakuläres zugetragen: Eine noch unveröffentlichte Künstliche Intelligenz des US-Herstellers OpenAI ist aus einer abgeschotteten Testumgebung ins offene Internet ausgebrochen und hat einen Hackerangriff auf das IT-System eines anderen Unternehmens durchgeführt. Die KI dachte, die ihr gestellten Aufgaben so besser erledigen zu können.
Für OpenAI ist der Vorfall beides: Schock und Kompliment zugleich. Ersteres, weil sich die KI eigenmächtig über auferlegte Regeln hinwegsetzte. Und ein Kompliment, weil eindrücklich aufgezeigt wurde, wozu die neuen Modelle mittlerweile fähig sind.
Europa ist bei KI abwesend
Dass es einmal so weit kommen würde und sich eine KI verselbstständigt, erstaunt Experten nicht. Das sei zu erwarten gewesen, sagt Fritz Espenlaub, Leiter des KI-Podcasts der ARD in den «Tagesthemen». Man sei aber noch nicht an dem Punkt, an dem der Mensch die Kontrolle verloren habe.
Die Haupterkenntnis aus dem Vorfall ist für den Tech-Journalisten aber eine andere: Es war ein amerikanisches Modell, das den Hackerangriff durchführte. Und es war ein chinesisches KI-Modell, welches die angegriffene Firma zur Abwehr einsetzte. «Es gibt in dieser Geschichte keine europäischen Modelle.» Und das müsste Europa zu denken geben, sagt Espenlaub.
Tatsächlich: Im globalen Wettrennen um die mächtigste KI spielt Europa keine Rolle. Sämtliche führenden KI-Firmen kommen entweder aus den USA oder aus China. Während in Amerika OpenAI mit ChatGPT und Anthropic mit Claude an der Spitze sind, sind es in China die Unternehmen DeepSeek und Moonshot AI. Letzteres hat mit seinem neuen Modell Kimi K3 vor wenigen Tagen eine KI veröffentlicht, die laut den Bewertungsplattformen erstmals an die US-Spitze heranreicht – und dabei bis zu dreimal günstiger ist als die amerikanische Konkurrenz.
Chips, Rechenleistung, Kapital
Dass die Europäer so weit abgeschlagen sind, hat mehrere Gründe.
Erstens wären da die Chips: Die besten KI-Computerchips kommen praktisch alle von einem Anbieter, nämlich der US-Firma Nvidia. Im vergangenen Jahr hat die Regierung von US-Präsident Donald Trump Exportkontrollen für die leistungsfähigsten dieser Prozessoren verhängt. China kommt nur in beschränktem Ausmass an sie heran. Auch in Europa haben nicht alle Staaten einen freien Zugang zu den begehrten Chips.
Zweitens die Rechenzentren: Künstliche Intelligenz verbraucht Unmengen an Rechenleistung. Im Vergleich zu China und den USA ist die Zahl an Datenzentren in Europa aber überschaubar. Während die beiden KI-Supermächte riesige Summen in den Ausbau investieren, fehlt es in der EU an vergleichbaren Anstrengungen. Resultat: Nur 5 Prozent der globalen KI-Rechenleistung sind in Europa angesiedelt, 75 Prozent davon finden sich in den USA.
Drittens das Kapital: Während US-Konzerne Hunderte Milliarden in Infrastruktur stecken, bremsen ein fragmentierter EU-Geldmarkt und strengere Regulierungen die Investitionen. Laut Mario Draghi, dem ehemaligen Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hängt Europa auch deshalb bei über 80 Prozent aller digitalen Produkte und Dienste von ausländischen Anbietern ab.
Für Europa wird diese Abgeschlagenheit zunehmend zum Problem. EU-Digitalkommissarin Henna Virkkunen warnt, Künstliche Intelligenz drohe zur geopolitischen Waffe zu werden. Als Beispiel nennt sie die Entscheidung der Trump-Regierung, den Zugriff auf Anthropics neueste KI-Generation für Ausländer vorübergehend zu sperren – einen Schritt, den Washington erst nach Protesten aus Europa wieder rückgängig machte.
KI als geopolitische Waffe
Auch militärisch baut sich ein Risiko auf: Im laufenden Konflikt um Iran griff das US-Militär mithilfe von KI-gestützten Systemen wie Palantirs «Maven» innerhalb weniger Tage über 2000 Ziele an – ein Tempo, das ohne maschinelle Zielauswertung undenkbar wäre. In der Ukraine steuert KI Kamikazedrohnen autonom ans Ziel. Die Verarbeitung riesiger Datenmengen aus modernen Waffensystemen werde zur Überlebensfrage, betonen Nato-Insider in Brüssel.
Umso wichtiger wäre eine eigene europäische KI-Infrastruktur. Diese zu fördern, ist der Zweck eines Massnahmenpakets, welches die EU-Kommission letzten Monat vorgestellt hat.
Ganz von Null anfangen müssen die Europäer dabei nicht. Mit Mistral in Frankreich gibt es ein KI-Unternehmen, das mit dem Sprachmodell «Le Chat» einen Achtungserfolg feiert. Am vergangenen Dienstag gab der US-Softwareriese Microsoft bekannt, mit den Franzosen eine strategische Partnerschaft eingehen zu wollen. Parallel verhandelt Mistral über eine neue Finanzierungsrunde, bei der auch der südkoreanische Techkonzern Samsung einsteigen könnte. Konkretisiert sich das, dürfte Mistrals Börsenwert auf rund 20 Milliarden Euro steigen, was fast eine Verdopplung bedeuten würde.
Und auch bei der Hardware hat Europa mit dem niederländischen Chip-Bauer ASML einen Trumpf. Seine Hochpräzisionsmaschinen sind weltweit einzigartig und für die Massenproduktion moderner KI‑Chips unentbehrlich.
Zweite KI-Runde ist noch nicht verloren
Ob Europa seinen strukturellen Rückstand aber noch aufholen kann, bleibt fraglich. Vieles deutet darauf hin, dass der KI-Zug bereits abgefahren ist.
Aber vielleicht muss Europa auch nicht alles nachbauen, was die USA und China bereits erfunden haben. Die zweite Runde der KI-Revolution gewinnt laut Beobachtern nicht derjenige mit dem stärksten Sprachmodell oder dem grössten Rechenzentrum. Sondern der, der die Technologie am besten in seine Wirtschaft integriert. Und hier hat Europa mit seinen Industrieunternehmen und hoch spezialisierten KMUs bessere Chancen, nicht erneut völlig abgehängt zu werden. (schweizheute.ch)
