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Das Havanna-Syndrom: Die USA rätseln nach «Mikrowellen-Attacken» auf Diplomatinnen weiter

Seit 2016 ranken sich diverse Theorien um die mysteriösen Symptome, welche US-Diplomatinnen und Diplomaten im Ausland erleiden. Die Betroffenen fordern Antworten, doch diese sind nur schwer zu finden. Das Problem erklärt in 6 Punkten.
03.06.2021, 18:41

Was ist das Havanna-Syndrom?

Die Symptome scheinen auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich: plötzliche Kopfschmerzen, Schwindelanfälle und Sehstörungen. Rätselhaft werden die Symptome erst in Kombination mit anderen Tatsachen. Beispielsweise berichten die Betroffenen während dieser Episoden von Geräuschen aus einer bestimmten Richtung, wobei sie vibrierende sensorische Reize verspüren. Laut den Betroffenen dauern diese Eindrücke zwischen 20 Sekunden und 30 Minuten. Besonders seltsam: Bei den Betroffenen handelt es sich hauptsächlich um amerikanische Diplomatinnen und Diplomaten.

Einige berichten, dass die Symptome sofort aufhörten, als sie sich in ein anderes Zimmer begaben. Andere litten noch Monate nach dem unerklärbaren Ereignis unter Schmerzen und/oder Sinnesstörungen, welche Seh-, Hör-, und Gleichgewichtsstörungen umfassten. Wiederum andere kämpfen bis heute mit den Konsequenzen.

Seit wann tritt das Syndrom auf?

Erstmals über diese unerklärlichen Gesundheitsprobleme wurde im August 2017 berichtet. Sie betrafen amerikanisches und kanadisches Diplomatenpersonal in Kuba und gingen bis auf Ende 2016 zurück. Gemäss ihren Aussagen seien die Symptome jeweils nur in ihren eigenen vier Wänden oder in ihren Hotelzimmern aufgetreten – Familienmitglieder oder andere Hotelgäste seien allerdings nie davon betroffen gewesen.

Im Oktober 2017 wurden die Ereignisse von der Trump-Administration als «Gesundheitsattacken» bezeichnet. Als Konsequenz verwies der damalige US-Präsident Donald Trump einige kubanische Diplomatinnen und Diplomaten aus Washington. Nach der kubanischen Hauptstadt benannt, wurden die mysteriösen Symptome fortan als Havanna-Syndrom bezeichnet.

Die kubanische Hauptstadt Havanna war Namensgeberin der Symptome, nachdem dort die ersten mutmasslichen Attacken stattgefunden haben.
Die kubanische Hauptstadt Havanna war Namensgeberin der Symptome, nachdem dort die ersten mutmasslichen Attacken stattgefunden haben.
Bild: Shutterstock

Auch amerikanische Diplomatinnen und Diplomaten in China berichteten 2018 von ähnlichen Erlebnissen. Laut neusten Berichten seien mittlerweile schon über 130 Vorfälle mit unerklärbaren Hirnverletzungen unter US-Offiziellen gemeldet worden, schreibt The New York Times vergangenen Monat. Darunter seien auch Vorfälle, die sich in Europa und andernorts in Asien ereignet hätten. Doch nicht nur das: Vergangenen November, kurz nach der Präsidentschaftswahl, berichteten zwei Sicherheitsbeamte des Weissen Hauses von Symptomen, nachdem sie sich auf dem Areal bewegt hatten.

Wie werden die Symptome erklärt?

21 der 24 betroffenen Diplomatinnen und Diplomaten aus Kuba erklärten sich zu einer Untersuchung bereit. Diese wurde am Zentrum für Hirnverletzungen an der University of Pennsylvania durchgeführt. Am 15. Februar 2018 wurde die Studie veröffentlicht. Sie kam zum Schluss, dass die betroffenen Personen anscheinend eine Verletzung grossflächiger Hirnnetzwerke erlitten hätten. Für Fragezeichen sorgte dabei der Fakt, dass keine der Personen je ein Kopftrauma erlitten habe, was in solchen Fällen üblich wäre.

Die Verletzungen im Hirn sind gemäss Fachleuten unumstritten und nachweisbar. Allerdings herrscht bezüglich der Ursachen noch immer keine Klarheit.
Die Verletzungen im Hirn sind gemäss Fachleuten unumstritten und nachweisbar. Allerdings herrscht bezüglich der Ursachen noch immer keine Klarheit.
Bild: Shutterstock

Die Fachleute bezweifeln, dass die von den Betroffenen gehörten Geräusche die Symptome verursacht haben. Aber:

«Vielmehr könnten die Geräusche ein zufälliger Nebeneffekt einer anderen Art von Einwirkung gewesen sein. Zum Beispiel könnte ein Gerät sowohl den Ton als auch den neurologischen Schaden verursacht haben.»

Gleichzeitig betonen die Neurolog:innen, dass psychisch bedingte Ursachen für die Symptome nicht ausgeschlossen werden können. So könnte eine Massenhysterie unter den Diplomat:innen Auslöser für die Symptome gewesen sein.

Die Theorie, dass ein Gerät für die Symptome verantwortlich sein könnte, wird zudem durch eine im Dezember 2020 veröffentlichte Studie unterstützt.

Wie soll eine solche Technologie funktionieren?

Um der Sache auf den Grund zu gehen, hatte das amerikanische Aussenministerium die «Nationale Akademie der Wissenschaften» beauftragt, das Havanna-Syndrom weiter zu untersuchen. In dem darauffolgenden Bericht vom 5. Dezember 2020 wird zielgerichtete gepulste Radiofrequenzenergie als wahrscheinlichste Ursache genannt.

Mit dieser Technologie kann das weiche Gewebe im Gehirn durch schnelle Mikrowellenpulse leicht erwärmt werden, was eine Schockwelle im Gehirn verursacht. Die gemeldeten Symptome decken sich mit den Auswirkungen gepulster Radiofrequenzenergie, heisst es im Bericht. Die Fachleute wollten diese Technologie nicht zwingend als Waffe bezeichnen – sie könnte aber als solche genutzt werden.

Eine portable Mikrowellen-Waffe sei in den vergangenen Jahren von diversen Ländern entwickelt worden, so James Giordano gegenüber «The Guardian». Nach den Vorfällen in Kuba wurde der Professor für Neurologie von der US-Regierung als Berater hinzugezogen. Dabei untersuchte er unter anderem, welche Länder solche Technologien entwickelten und was sie damit bereits erreicht hatten.

Auch die USA selbst entwickelte 2004 einen Prototyp einer solchen Waffe für das Marine Corps. Die Waffe, «Medusa» getauft, sollte klein genug sein, um in ein Auto zu passen, um von dort aus einen vorübergehend kampfunfähig machenden Effekt zu verursachen. Dass die Entwicklung je über die Prototyp-Phase hinausging, kann nicht belegt werden. Aufgrund ethischer Bedenken in Bezug auf Menschenexperimente sei das Projekt auf Eis gelegt worden, berichtet «The Guardian» weiter.

Wer steckt dahinter?

Der Neurologe Giordano gibt aber zu Bedenken, dass in anderen Ländern andere politische und ethische Normen herrschen würden – so beispielsweise in Russland und China: «Diese Situation schafft einzigartige Möglichkeiten, die biowissenschaftliche und technologische Entwicklung auf eine Art und Weise voranzutreiben, die in den Vereinigten Staaten und in Nato-Programmen nicht tragbar wären.»

Während sich Trump nach den Ereignissen in Kuba überzeugt zeigte, dass das karibische Land hinter den mysteriösen Attacken steckte, deuteten spätere Hinweise in eine andere Richtung. Untersuchungen unter der Beteiligung des FBI, der CIA und anderer US-Behörden legten nahe, dass Russland für die mysteriösen Erscheinungen verantwortlich sein könnte, berichtet «NBC». Bisher liegen allerdings noch nicht genügend Beweise vor, um dies zu bestätigen. Russland streitet jegliche Verantwortung ab.

Was wird dagegen getan?

Trotz vorliegender wissenschaftlicher Beweise der Verletzungen werden diese von der US-Regierung nicht ernstgenommen, klagen US-Diplomaten. In einem Brief an das Aussenministerium teilten die Betroffenen Ende Mai ihren Frust mit – sie hätten gehofft, dass sich die neue Biden-Administration besser um sie kümmere. Stattdessen würden ihnen der Zugang zu angemessenen medizinischen Behandlungen verwehrt und keine weiteren Anstrengungen unternommen, um die Ursachen ihrer Verletzungen zu finden.

Die Betroffenen hatten sich an den Vize-Aussenminister Brian McKeon gewandt.
Die Betroffenen hatten sich an den Vize-Aussenminister Brian McKeon gewandt.
Bild: imago stock&people

Der Brief zeigte Wirkung, wie «Politico» vor zwei Tagen meldet: Vize-Aussenminister Brian McKeon habe ein Pilot-Programm angekündigt, welches neue Erkenntnisse liefern soll. Es sieht vor, dass sich Diplomatinnen und Diplomaten vor ihrem Auslandaufenthalt einem umfangreichen Gesundheits-Check unterziehen. Die Teilnahme ist freiwillig und soll unter anderem Untersuchungen des Hör- und Sehvermögens umfassen.

Sollte eine Person später Opfer dieser unerklärlichen Symptome werden, könne der Gesundheits-Check wiederholt werden. Dies ermögliche Vergleiche und helfe bei der Untersuchung möglicher Ursachen. Bis dahin wird es rund um das Havanna-Syndrom weiterhin mehr Fragen als Antworten geben.

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