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Fentanyl am Dollarschein und dann ab ins Spital? Was hinter der Geschichte steckt

15.08.2022, 11:0015.08.2022, 20:17

Im Juli berichtetet diverse Medien – darunter auch watson – über den Facebookpost von Renee Parsons, der weltweit viral gegangen war. Parsons behauptete, dass sie wegen eines Ein-Dollar-Scheins, den sie vom Boden aufgehoben habe, im Spital gelandet sei. Denn am Dollarschein habe sich das Medikament Fentanyl befunden. Bebildert war der Post mit einem Bild von Parsons im Spitalbett.

Dass das so passiert ist, ist äusserst unwahrscheinlich. Hier eine Einordnung:

Renees Facebookpost

Die junge Mutter ist mit ihrem Mann Justin und den gemeinsamen Kindern im Auto unterwegs. Irgendwo in Nashville, Tennessee halten sie an, damit Justin in einem McDonald's auf die Toilette gehen kann. Renee vertritt sich mit ihrem 3 Monate alten Baby auf dem Arm etwas die Füsse vor dem Lokal. Dabei sieht sie einen Dollarschein auf dem Boden, den sie aufhebt.

Im Anschluss wäscht Renee sich die Hände. Sie trocknet sie dabei nicht ab und verwendet zusätzlich ein Desinfektionstuch.

Plötzlich beginnt sich ein komisches Gefühl in Renees Körper auszubreiten. Ihr Körper wird völlig taub.

Bild: Facebook @Renee Parsons

Im Spital kommt Renee wieder zu sich. Der Polizeibeamte, der sich mit ihrem Fall auseinandersetzt, sagt ihr, dass es zwei Möglichkeiten gebe für ihren Zusammenbruch: Entweder wurde der Dollarschein versehentlich fallen gelassen, nachdem er zum Aufbewahren von Fentanyl verwendet worden war, oder er wurde absichtlich mit Drogen darauf liegen gelassen. Renee schreibt auf Facebook:

«Die Mischung aus meinen nassen Händen und dem Alkohol aus den Tüchern, gemischt mit der Reaktion meines Körpers auf die Droge, hätte mich das Leben kosten können.»

Die Einordnung der Story *

Tatsächlich ist Fentanyl ein starkes Opioid und die Gefahren einer Fentanyl-Überdosis sind real. Allerdings ist für eine Überdosis relevant, auf welche Art und Weise die Droge eingenommen wird. Dass die Überdosis per Hautkontakt geschieht, ist eher unwahrscheinlich.

Die Story von Parsons lässt sich in eine Reihe von ähnlichen Berichten einordnen. So kursierte zum Beispiel im Jahr 2017 eine Geschichte, in der behauptet wurde, dass die Griffe von Einkaufswagen mit Fentanyl verunreinigt seien, was zu einer tödlichen Überdosis führen könne. Oder im Juni 2022 warnte das Büro des Sheriffs von Perry County in einem Facebook-Post vor gefalteten Dollarnoten, die mit Fentanyl verunreinigt seien. Dieser Warnung schloss sich das Sheriff-Büro in Giles an:

Zurück zu Parsons Facebookpost: Gesichert ist, dass Parsons am besagten Tag in ein Spital eingeliefert wurde. Dies bestätigte das Metropolitan Nashville Police Department gegenüber dem Onlineportal «Snopes». Der Grund ihrer Einlieferung ist Snopes aber nicht bekannt. Der Sprecher des Metropolitan Nashville Police Department, sagte «Snopes» weiter, dass der Geldschein ohne Untersuchung entsorgt worden sei, weil es keine Beweise für ein Verbrechen gegeben habe.

In einem Positionspapier vom American College of Medical Toxicology heisst es: «Es ist unwahrscheinlich, dass eine zufällige dermale Absorption eine Opioidtoxizität verursacht.» Zu Deutsch: Es ist unwahrscheinlich, dass bei einem zufälligen Kontakt mit Fentanyl genügend Wirkstoff über die Haut aufgenommen werden kann, damit es zu einer Überdosis kommt. Begründet wird diese Aussage mit der chemischen Eigenschaften von Fentanyl sowie damit, dass es keine gesicherten Berichte zu der Behauptung gebe.

Im Positionspapier wird auch die Verwendung von Fentanyl-Pflastern besprochen. Dabei werde das Opioid tatsächlich über die Haut aufgenommen, wie die Fachpersonen schreiben. Allerdings liege der Wirkstoff dabei nicht in Pulverform vor und aufgrund der speziell für diesen Zweck entwickelten Pflaster würden erst die Bedingungen geschaffen, dass das Medikament über die Haut aufgenommen werden könne.

Fazit: Die Vorstellung, dass die versehentliche Berührung von Fentanyl in Pulver- oder Tablettenform zu einer lebensbedrohlichen Überdosis führen kann, hat sich zu einer Art Mythos entwickelt, der laut Fachpersonen unbegründet ist.

Die Fentanyl-Krise in den USA

In den USA sorgt Fentanyl für zehntausende Tote.

Fentanyl ist ein günstiges und hochpotentes Opioid, das in der Medizin als Schmerzmittel, in der Anästhesie sowie zur Therapie akuter und chronischer Schmerzen verabreicht wird. Es kann bei Missbrauch hochgradig abhängig machen.

Seit 2016 hat Fentanyl in Nordamerika mehr Todesfälle als alle anderen illegalen Substanzen gefordert – inklusive Heroin. Alleine 2017 staben 29'000 Menschen in den USA aufgrund von Fentanyl-Missbrauch.

Am Anfang der Fentanylkrise in den USA standen zunehmende Armut und Ärzte, die Opioide exzessiv verschrieben. So gerieten immer mehr Menschen in den Strudel der Abhängigkeit.

Fentanyl, ein günstiges und hochpotentes Opioid.
Fentanyl, ein günstiges und hochpotentes Opioid.Bild: SHUTTERSTOCK
Drogen, Geld und Waffen. Ein kleiner Erfolg gegen die Fentanyl-Kartelle gelang der Polizei 2019 in Boston.
Drogen, Geld und Waffen. Ein kleiner Erfolg gegen die Fentanyl-Kartelle gelang der Polizei 2019 in Boston. Bild: keystone

Als die Behörden versuchten, gegen die laxe Verschreibungspraxis vorzugehen, wichen die Süchtigen einfach auf Heroin aus – das aber viel schwieriger zu bekommen ist als Fentanyl. Findige Drogenhändler importierten darum Fentanyl einfach aus China. Denn mit Fentanyl lassen sich in den USA viel höhere Profite machen als mit Heroin.

Mittlerweile beherrschen mexikanische Kartelle den Fentanyl-Handel in den USA. Mindestens seit 2006 experimentieren sie nachweislich mit Heroinsubstituten wie Fentanyl und stellen es teilweise auch in eigenen Laboren her.

Dass Fentanyl den Drogenmarkt in Europa noch nicht überschwemmt habe, liege wohl vor allem daran, dass europäische Drogen-Kartelle sich auf einen konstanten Nachschub von Heroin aus Afghanistan verlassen könnten, wie «Vice» schreibt.

* In der ersten Version des Texts wurde die Story von Parsons durch watson nicht eingeordnet. Das war nicht korrekt. Wir haben die Einordnung unterdessen ergänzt.

Hier gibt's Hilfe bei Suchtproblemen!
Alkohol und andere Drogen sind nie die Lösung. Bei Suchtproblemen gibt es in der Schweiz diverse Anlaufstellen. Beispielsweise «Sucht Schweiz» oder «Safezone.ch», die Online-Beratung des Bundesamtes für Gesundheit in Zusammenarbeit mit Kantonen und Suchtfachstellen.

(yam)

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74 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Zappenduster
14.07.2022 18:18registriert Mai 2014
Zu dieser Story würde ich gerne die Meinung einer Fachperson hören. Fast eine Überdosis durch kurzes berühren eines Geldscheins? Klingt irgendwie nicht so realistisch…
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no-Name
14.07.2022 18:44registriert Juli 2018
….sehr merkwürdige geschichte…..

perkutan durch eine optisch nicht sichtbare menge eine überdosis?

Ich verwende täglich Fenta in meinem Arbeitsaltag… und es ist hochpotent und auch mit schmaler therapeutischer breit, aber das hört sich für mich doch eher nach verschleierung an…. (einzeldosen zwischen 25-300microgram, je nach einsatz.)

unter fliesend wasser abgewaschen und da soll durch nicht abtrocknen immer noch genug an den händen sein… von der zuvor schon nicht sichtbaren dosis?? hmmm….
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osaliven
14.07.2022 18:38registriert Oktober 2014
Tatsächlich braucht es ein konzentriert Dosis mit viel Feuchtigkeit damit Fenta überhaupt durch die Haut kommt(daher wird es oft als Pflaster verschrieben) Selbst mit feuchten Händen bräuchte es Daueraussetzung von 14min bis man eine Überdosis hat. Das blosse Ankommen oder Berühren reicht also bei weitem nicht. Es ist aber so, dass Alkohol die Aufnahme massiv verstärkt, was wohl dieser Dame hier zum Verhängnis wurde. Heisst also wenn ihr eure Hände nicht gerade mit Alkohol abgerieben habt seit ihr safe. Solche Artikel helfen leider nicht und kann dafür sorgen das jemand keine Hilfe bekommt
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