«Man muss aufhören zu glauben, dass alle Trump-Wähler Idioten sind»
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
watson unterwegs zu den Midterms 🇺🇸
Um besser zu verstehen, was die Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika bewegt, ist watson unterwegs von Seattle nach Austin.
Mit kleinen Geschichten, die die politische Landschaft der USA verständlicher machen sollen, reist watson durch ein Land, das man zu kennen glaubt: ein aufgewühltes, ungeliebtes Land, das sich um seine Zukunft sorgt. Auch seine unterhaltsamen kulturellen Eigenheiten kommen dabei nicht zu kurz. Willkommen an Bord!
Montana. Eine Art Schweiz im XXXL-Format. Bergmassive, Wälder, so weit das Auge reicht, kurvenreiche Strassen und gewundene Flüsse, die in den Herbstfarben besonders zur Geltung kommen. Cowboys gibt es auch. Und einige Klischees, die man schon aus «Yellowstone» kennt, der Serie, die von 2018 bis 2024 ausgestrahlt wurde. In diesem konservativen Bundesstaat liegt der kleine Ort Alberton. Einwohnerzahl: 498.
Eine einzige gerade Strasse, auf beiden Seiten gesäumt von kleinen Gebäuden. Es gibt eine Primarschule, ein halb verfallenes Verwaltungsgebäude, zwei Pubs namens «The Tavern» und «The Trax» sowie einen Lebensmittelladen mit Grundnahrungsmitteln (Makkaroni mit Käse als Fertiggericht und tiefgekühlte Waffeln).
Und mittendrin eine Buchhandlung. Ein etwas heruntergekommenes Gebäude mit staubigen Fenstern, hinter denen sich die Regale unter gebrauchten Büchern biegen. An der Theke mustert uns eine kleine Frau mit fortgeschrittenem Alter und weissen Haaren. Sie lächelt uns neugierig an und fragt freundlich: «Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie etwas Bestimmtes?»
Sie braucht keine zwei Sekunden, um zu erkennen, dass wir nicht von hier stammen. Keren lebt seit Jahrzehnten in Alberton und kennt alle.
Und eines ist sicher: Sie würde ihre Heimat um nichts in der Welt verlassen. «Montana ist vor allem Natur. Landschaft. Eine Lebenseinstellung», sagt sie. «Dieser Bundesstaat ist einfach wunderschön.»
«Hier arbeiten die Menschen gerne und packen auch gerne mit den Händen an – am liebsten draussen. Auch in unserer Freizeit sind wir viel draussen: beim Fischen, Wandern, Zelten… Es kommt dann ein tief verwurzeltes Gefühl von Freiheit auf, das mit der Weite der Landschaft verbunden ist», beschreibt die 68-Jährige, die sich als konservativ und gläubig bezeichnet.
Da die Zwischenwahlen näher rücken, fragen wir Keren, was sie sich von der nahen Zukunft ihres Landes erhofft. Die Buchhändlerin gibt eine überraschende Antwort:
Keren äussert sich ganz anders als die Bewohner des politisch deutlich weiter links stehenden Bundesstaats Washington, mit denen wir einige Stunden vor dem Überqueren der Grenze gesprochen haben.
Keren träumt von einem Staat, der sich auf das Nötigste beschränkt und sich nicht in die Angelegenheiten der Bürger einmischt. «Solange ich mich an die Gesetze halte, möchte ich in Ruhe gelassen werden. Wenn die Menschen zu viel Unterstützung bekommen, werden sie immer unselbstständiger. Man muss sich selbst zu helfen wissen», sagt sie und zeigt auf einen Aufkleber an der Wand hinter ihr. Darauf steht ein Zitat, das häufig Thomas Jefferson zugeschrieben wird: «That government is best which governs least» oder «Die beste Regierung ist diejenige, die am wenigsten regiert».
Keren ist nicht nur zufrieden, sie macht auch kein Geheimnis aus ihrer Bewunderung für ihren Präsidenten:
Trump sei ein Geschäftsmann. Er habe gearbeitet, wisse, wie die Wirtschaft funktioniere, und bringe einiges in Bewegung, so Keren. Natürlich könne er manchmal über das Ziel hinausschiessen, fügt sie an: «Ich kann verstehen, dass das im Ausland irritiert.»
«Seine Kritiker sagen, er sei verrückt, weil das bequem ist. Aber er ist ein kluger Geschäftsmann. Er hat an der University of Pennsylvania Wirtschaft studiert, genau wie mein Vater. Ich weiss, wie schwierig es ist, diesen Abschluss zu machen», fährt Keren fort. Sie sieht in Trump nicht den Lügner und Manipulator, als den ihn seine Kritiker ständig darstellen.
In diesem Moment schaltet sich Lilian in das Gespräch ein, eine Stammkundin mit sechs oder sieben Büchern unter dem Arm. Die etwa 50-jährige Englischlehrerin lebt seit 1992 in der Region. Nachdem sie uns erzählt hat, dass ihr Sohn zwei Jahre in Genf studiert hat, bezeichnet sie sich als «etwas weiter links» als ihre Freundin. Das heisst aber nicht, dass die gebürtige Kalifornierin die Demokraten wählt.
Die Lehrerin bedauert vor allem, dass «die Menschen nicht mehr miteinander reden können». Heute sei die Debatte so polarisiert. Es sei fast unmöglich geworden, mit jemandem zu sprechen, der eine andere Meinung habe. Ich vermute, das liegt zum Teil an den sozialen Medien. Jede Aussage muss schockieren, um Klicks zu erzielen», so Lilian.
Dabei müsste man sich auf das konzentrieren, was die Menschen verbinde, meint Keren. «Wir können bei 5 Prozent der Themen völlig unterschiedlicher Meinung sein, bei 20 Prozent ein wenig auseinanderliegen und beim ganzen Rest übereinstimmen!» Das sei aber nicht schlimm, findet Keren. Wichtig sei, dass man nachsichtig bleibe:
Wir können nicht anders und fragen Keren nach einem Klischee, das Trump-Anhängern anhaftet: Sie seien wenig gebildet oder gar dumm. «Nun, ich würde sagen: Nicht alle Demokraten haben studiert. Und nicht alle, die studiert haben, sind Demokraten. Ich bin der Beweis dafür», sagt sie mit einem leicht provokanten Unterton.
Die begeisterte Bücherliebhaberin erzählt uns eine Anekdote: «Ich liebe Zahlen. Als Trump 2016 gewählt wurde, habe ich mir den Spass gemacht, die Countys eines nach dem anderen zu zählen: jene, die für ihn gestimmt hatten, und jene, die für Hillary Clinton gestimmt hatten. Zuerst habe ich das für Montana gemacht, dann für andere Bundesstaaten. Es war offensichtlich, dass er gewonnen hatte, und zwar mit grossem Abstand. Wir werden sehen, wie es bei den Zwischenwahlen aussieht.»
Als wir ihr erzählen, dass wir aus der Schweiz kommen, leuchten ihre Augen auf. «Oh! Ich habe hier irgendwo Bücher aus Ihrem Land. Die habe ich von meinem Vater, der auch schon Buchhändler war. In den 60er- und 70er-Jahren kam er oft in die Schweiz. Er nahm sein Velo mit, stieg in den Zug und reiste von Stadt zu Stadt, um Bücher zu kaufen», erinnert sie sich.
Bevor wir weiterfahren, drückt uns die Keren eines ihrer Lieblingsbücher in die Hand, eine Sammlung von Texten und Gedichten, sowie eine Landkarte aus Papier von ihrem geliebten Bundesstaat Montana.
