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Reportage vor den US-Midterms in Montana: Warum hier Leute Trump wählen

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Keren besitzt diese kleine Buchhandlung im Bundesstaat Montana. Sie hat watson erzählt, was sie sich von den Zwischenwahlen erhofft und was sie von Donald Trumps Präsidentschaft hält.image: watson

«Man muss aufhören zu glauben, dass alle Trump-Wähler Idioten sind»

In einem kleinen Ort in Montana verkauft Keren gebrauchte Bücher und verteidigt Donald Trump aus Überzeugung. Vor den Zwischenwahlen treffen wir eine 68-jährige Buchhändlerin, die die Schweiz und weite Landschaften liebt – und eine Regierung, die sie in Ruhe lässt.
01.11.2026, 18:0301.11.2026, 18:03
Marine Brunner
Fred Valet
Fred Valet
Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

watson unterwegs zu den Midterms 🇺🇸

Wie ist die Stimmung in den USA?
Um besser zu verstehen, was die Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika bewegt, ist watson unterwegs von Seattle nach Austin.
Die USA wählen am kommenden 3. November ihr Repräsentantenhaus neu – in einem angespannten politischen Klima und mit einem Präsidenten Trump, den die Midterms zum Stolpern bringen könnten.

Mit kleinen Geschichten, die die politische Landschaft der USA verständlicher machen sollen, reist watson durch ein Land, das man zu kennen glaubt: ein aufgewühltes, ungeliebtes Land, das sich um seine Zukunft sorgt. Auch seine unterhaltsamen kulturellen Eigenheiten kommen dabei nicht zu kurz. Willkommen an Bord!

Montana. Eine Art Schweiz im XXXL-Format. Bergmassive, Wälder, so weit das Auge reicht, kurvenreiche Strassen und gewundene Flüsse, die in den Herbstfarben besonders zur Geltung kommen. Cowboys gibt es auch. Und einige Klischees, die man schon aus «Yellowstone» kennt, der Serie, die von 2018 bis 2024 ausgestrahlt wurde. In diesem konservativen Bundesstaat liegt der kleine Ort Alberton. Einwohnerzahl: 498.

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Eine einzige gerade Strasse, auf beiden Seiten gesäumt von kleinen Gebäuden. Es gibt eine Primarschule, ein halb verfallenes Verwaltungsgebäude, zwei Pubs namens «The Tavern» und «The Trax» sowie einen Lebensmittelladen mit Grundnahrungsmitteln (Makkaroni mit Käse als Fertiggericht und tiefgekühlte Waffeln).

Reportage à Alberton, une petite ville du Montana qui compte moins de 500 habitants.
Alberton liegt im Bundesstaat Montana und hat weniger als 500 Einwohnerinnen und Einwohner.image: watson
Reportage à Alberton, une petite ville du Montana qui compte moins de 500 habitants.
Der Lebensmittelladen im «Stadtzentrum».image: watson

Und mittendrin eine Buchhandlung. Ein etwas heruntergekommenes Gebäude mit staubigen Fenstern, hinter denen sich die Regale unter gebrauchten Büchern biegen. An der Theke mustert uns eine kleine Frau mit fortgeschrittenem Alter und weissen Haaren. Sie lächelt uns neugierig an und fragt freundlich: «Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie etwas Bestimmtes?»

Reportage à Alberton, une petite ville du Montana qui compte moins de 500 habitants.
Die Buchhandlung in Alberton.image: watson

Sie braucht keine zwei Sekunden, um zu erkennen, dass wir nicht von hier stammen. Keren lebt seit Jahrzehnten in Alberton und kennt alle.

Und eines ist sicher: Sie würde ihre Heimat um nichts in der Welt verlassen. «Montana ist vor allem Natur. Landschaft. Eine Lebenseinstellung», sagt sie. «Dieser Bundesstaat ist einfach wunderschön.»

Reportage à Alberton, une petite ville du Montana qui compte moins de 500 habitants.
Die 68-jährige Keren inmitten ihrer Bücher. Die Buchhändlerin lebt seit vielen Jahren in Alberton.image: watson

«Hier arbeiten die Menschen gerne und packen auch gerne mit den Händen an – am liebsten draussen. Auch in unserer Freizeit sind wir viel draussen: beim Fischen, Wandern, Zelten… Es kommt dann ein tief verwurzeltes Gefühl von Freiheit auf, das mit der Weite der Landschaft verbunden ist», beschreibt die 68-Jährige, die sich als konservativ und gläubig bezeichnet.

Da die Zwischenwahlen näher rücken, fragen wir Keren, was sie sich von der nahen Zukunft ihres Landes erhofft. Die Buchhändlerin gibt eine überraschende Antwort:

«Ich bin voller Hoffnung! Ich wünsche mir, dass es so weitergeht wie in den zwei Jahren seit Trumps Rückkehr ins Weisse Haus.»

Keren äussert sich ganz anders als die Bewohner des politisch deutlich weiter links stehenden Bundesstaats Washington, mit denen wir einige Stunden vor dem Überqueren der Grenze gesprochen haben.

Reportage à Alberton, une petite ville du Montana qui compte moins de 500 habitants.
Tausende gebrauchte Bücher stapeln sich in Kerens Buchhandlung. Die Leidenschaft für Bücher und den Beruf hat sie von ihren Eltern übernommen.image: watson

Keren träumt von einem Staat, der sich auf das Nötigste beschränkt und sich nicht in die Angelegenheiten der Bürger einmischt. «Solange ich mich an die Gesetze halte, möchte ich in Ruhe gelassen werden. Wenn die Menschen zu viel Unterstützung bekommen, werden sie immer unselbstständiger. Man muss sich selbst zu helfen wissen», sagt sie und zeigt auf einen Aufkleber an der Wand hinter ihr. Darauf steht ein Zitat, das häufig Thomas Jefferson zugeschrieben wird: «That government is best which governs least» oder «Die beste Regierung ist diejenige, die am wenigsten regiert».

Keren ist nicht nur zufrieden, sie macht auch kein Geheimnis aus ihrer Bewunderung für ihren Präsidenten:

«Mit 80 Jahren ist er unglaublich fit. Was ich an ihm mag: Er kommt überhaupt nicht aus dem politischen Establishment. Er ist kein Berufspolitiker wie Joe Biden. Man sollte es den Leuten übrigens verbieten, ein Leben lang Berufspolitiker zu sein, da sie so den Bezug zur Lebensrealität der Bürger verlieren.»

Trump sei ein Geschäftsmann. Er habe gearbeitet, wisse, wie die Wirtschaft funktioniere, und bringe einiges in Bewegung, so Keren. Natürlich könne er manchmal über das Ziel hinausschiessen, fügt sie an: «Ich kann verstehen, dass das im Ausland irritiert.»

«Seine Kritiker sagen, er sei verrückt, weil das bequem ist. Aber er ist ein kluger Geschäftsmann. Er hat an der University of Pennsylvania Wirtschaft studiert, genau wie mein Vater. Ich weiss, wie schwierig es ist, diesen Abschluss zu machen», fährt Keren fort. Sie sieht in Trump nicht den Lügner und Manipulator, als den ihn seine Kritiker ständig darstellen.

«Trump tut, was er sagt, und sagt, was er denkt. Das hat es so noch nie gegeben, und natürlich ärgert das die Demokraten.»
Keren

In diesem Moment schaltet sich Lilian in das Gespräch ein, eine Stammkundin mit sechs oder sieben Büchern unter dem Arm. Die etwa 50-jährige Englischlehrerin lebt seit 1992 in der Region. Nachdem sie uns erzählt hat, dass ihr Sohn zwei Jahre in Genf studiert hat, bezeichnet sie sich als «etwas weiter links» als ihre Freundin. Das heisst aber nicht, dass die gebürtige Kalifornierin die Demokraten wählt.

Reportage à Alberton, une petite ville du Montana qui compte moins de 500 habitants.
Die Englischlehrerin Lilian lebt seit mehr als 30 Jahren in Montana.image: watson

Die Lehrerin bedauert vor allem, dass «die Menschen nicht mehr miteinander reden können». Heute sei die Debatte so polarisiert. Es sei fast unmöglich geworden, mit jemandem zu sprechen, der eine andere Meinung habe. Ich vermute, das liegt zum Teil an den sozialen Medien. Jede Aussage muss schockieren, um Klicks zu erzielen», so Lilian.

Dabei müsste man sich auf das konzentrieren, was die Menschen verbinde, meint Keren. «Wir können bei 5 Prozent der Themen völlig unterschiedlicher Meinung sein, bei 20 Prozent ein wenig auseinanderliegen und beim ganzen Rest übereinstimmen!» Das sei aber nicht schlimm, findet Keren. Wichtig sei, dass man nachsichtig bleibe:

«Ich bin Christin, wissen Sie. Der Glaube ist wichtig in meinem Leben. Und er hat mich immer darin bestärkt, anderen gegenüber offen zu bleiben – auch denen, die meine politischen Überzeugungen nicht teilen.»
Keren 

Wir können nicht anders und fragen Keren nach einem Klischee, das Trump-Anhängern anhaftet: Sie seien wenig gebildet oder gar dumm. «Nun, ich würde sagen: Nicht alle Demokraten haben studiert. Und nicht alle, die studiert haben, sind Demokraten. Ich bin der Beweis dafür», sagt sie mit einem leicht provokanten Unterton.

«Man muss aufhören, zu glauben, dass alle, die Donald Trump gewählt haben, Idioten oder rückständige Menschen sind. Die Realität ist viel differenzierter.»
Keren

Die begeisterte Bücherliebhaberin erzählt uns eine Anekdote: «Ich liebe Zahlen. Als Trump 2016 gewählt wurde, habe ich mir den Spass gemacht, die Countys eines nach dem anderen zu zählen: jene, die für ihn gestimmt hatten, und jene, die für Hillary Clinton gestimmt hatten. Zuerst habe ich das für Montana gemacht, dann für andere Bundesstaaten. Es war offensichtlich, dass er gewonnen hatte, und zwar mit grossem Abstand. Wir werden sehen, wie es bei den Zwischenwahlen aussieht.»

Als wir ihr erzählen, dass wir aus der Schweiz kommen, leuchten ihre Augen auf. «Oh! Ich habe hier irgendwo Bücher aus Ihrem Land. Die habe ich von meinem Vater, der auch schon Buchhändler war. In den 60er- und 70er-Jahren kam er oft in die Schweiz. Er nahm sein Velo mit, stieg in den Zug und reiste von Stadt zu Stadt, um Bücher zu kaufen», erinnert sie sich.

«Ich war 2009 in der Schweiz. Die Bibliothek in St.Gallen hat mich begeistert. Wussten Sie, dass dort eine der ältesten Handschriften der Welt aufbewahrt wird?»

Bevor wir weiterfahren, drückt uns die Keren eines ihrer Lieblingsbücher in die Hand, eine Sammlung von Texten und Gedichten, sowie eine Landkarte aus Papier von ihrem geliebten Bundesstaat Montana.

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