USA vor Midterms: «Wir sind dumm und haben verdient, was uns widerfährt»
Alexis und True betreiben einen Secondhand-Laden in der Innenstadt von Olympia. Mit Tattoos am Körper und «I hate Elon Musk»-Aufklebern an den Wänden verkörpern sie eine unkonventionelle, punkige Jugend, die ihre kleine, progressive Stadt im amerikanischen Nordwesten liebt. Olympia hat zwar nur 56'000 Einwohner, ist aber die Hauptstadt des Bundesstaates Washington und schmiegt sich an seine grosse Schwester Seattle.
Eine Region, die von den Tech-Giganten erobert wurde (Hallo Microsoft und Amazon!), aber auch die Wiege einer historischen Gegenkultur, aus der unvergessliche Bewegungen hervorgingen – vom Grunge von Kurt Cobain bis hin zum kraftvollen und lauten Feminismus der Riot Grrrl.
Die USA werden am kommenden 3. November ihr Repräsentantenhaus neu wählen – in einem angespannten politischen Klima und mit einem Präsidenten Trump, der weiss, dass er straucheln könnte.
Zwanzig Tage lang durchstreift watson, bewaffnet mit kleinen Geschichten, um die grosse besser zu verstehen, ein von Turbulenzen erschüttertes Land, dessen Bevölkerung um ihre Zukunft besorgt ist. Dabei begegnen wir dem Zorn und den Hoffnungen einer Bevölkerung, die in einem unsicheren wirtschaftlichen Umfeld ihren Kühlschrank füllen, tanken und über die Runden kommen muss.
Willkommen an Bord!
Nachdem wir bei ihnen eine Vintage-Jacke und eine «Tiger Cubs»-Mütze der Boy Scouts of America gekauft haben, erkundigen wir uns nach der Stimmung der beiden Mädels nach zwei Jahren der zweiten Amtszeit von Trump: «Es ist die reinste Scheisse, aber wir wussten ganz genau, dass es so kommen würde. Wir sind natürlich wütend auf den Verrückten, der an der Macht ist. Aber wir haben auch Angst.»
Diese Unzufriedenheit ist alles andere als blosse Rhetorik. Alexis erklärt uns beispielsweise, dass sich die Inflation direkt auf ihre wöchentlichen Einkäufe auswirkt. Schon eine kleine Einkaufstüte mit Lebensmitteln bedeutet «100 Dollar weniger im Portemonnaie». Es ist ihr nicht mehr möglich, im Supermarkt zu bummeln, ohne stets wachsam zu sein oder auf bestimmte Produkte zu verzichten. «Und für viele Bürger dieses Landes ist es noch schlimmer, da sie sich keine angemessene Ernährung mehr leisten können.»
Alexis und True machen sich vor allem Sorgen um die harte Einwanderungspolitik von Donald Trump. Sie geben uns einen Flyer eines Bürgernetzwerks, das sich gegen die Razzien der Einwanderungsbehörde ICE ausspricht und diese dokumentiert. Sie erklären: «Selbst hier kommen Beamte mitten in der Nacht, um Menschen von ihren Familien zu trennen.» Selbst hier? Es ist wichtig zu erwähnen, dass Olympia eine sogenannte «Sanctuary City» (übersetzt: Zufluchtsstadt) ist – die erste im Bundesstaat Washington. Das bedeutet, dass die Stadt ihre Zusammenarbeit mit der US-Bundesregierung in Einwanderungsfragen bewusst einschränkt.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Seit 2025 ist Olympia ausserdem offiziell eine «Sanctuary City» für die queere und transgeschlechtliche Community.
Man muss nur durch die Wohnviertel dieser Stadt spazieren, in denen Kurt Cobain den Grossteil des Repertoires von Nirvana (darunter den Hit «Smells Like Teen Spirit») geschrieben hat, um zu erkennen, dass Olympia eine echte Hochburg des Progressivismus ist. Es gibt kein Haus ohne ein Plakat mit der Aufschrift «Black Lives Matter» oder «No Hate in WA State», eine Regenbogenfahne oder Aufrufe, die Anwesenheit einer ICE-Patrouille zu melden.
Reicht das aus, um diese Stadt zu einer kleinen Oase der Ruhe und Toleranz fernab der gewalttätigen Unruhen im Rest des Landes zu machen? «Wir versuchen, uns vor all dem zu schützen, aber ganz sicher sind wir trotzdem nicht», sagt True. «Und in Olympia ist auch nicht alles perfekt!»
Ein Mann, den wir in einer Bar kennengelernt haben, spricht mit uns über eine galoppierende Gentrifizierung, über «immer unbezahlbareren Mieten», aber auch über «eine zunehmend sichtbare Prekarität». Dies wird auch durch das Lager von Randständigen verdeutlicht, das sich in der Nähe der Autobahn I-5 niedergelassen hat und als «The Jungle» bezeichnet wird. Olympia bildet da keine Ausnahme, denn die meisten Städte an der US-Küste haben mit einer beispiellosen Wohnungskrise zu kämpfen, die durch die verheerenden Auswirkungen von Fentanyl noch verschärft wird.
Rob, ein Buchhändler aus der Innenstadt, bestätigt, dass diese kleine blaue Blase in einem leuchtend rot erscheinenden Land «die Bevölkerung nicht vor katastrophalen politischen Entscheidungen auf nationaler Ebene schützt». Aber warum haben dann seiner Meinung nach so viele Amerikaner für den MAGA-Guru gestimmt?
Statt sich von Wut beherrschen zu lassen, gibt Rob zu, dass er «zunehmend zynisch» wird. Wenige Tage vor den Midterm-Wahlen zeigt er sich dennoch eher optimistisch: «Ich glaube, dass die Demokraten Sitze zurückgewinnen werden, aber man muss damit rechnen, dass Trump eine Niederlage nicht akzeptieren wird.» Vor allem fürchtet er ein Phänomen, das die gesamten Vereinigten Staaten schon seit Langem heimsucht: die Wahlenthaltung. «Man sollte sich vor Wahlkarten hüten, die das Land ganz in Rot zeigen, denn es sind diejenigen, die wählen gehen, die Donald Trump gewählt haben. Diesmal müssen die Amerikaner wählen gehen!»
Diese Sorge teilt auch Kathryn Rawle, eine Einwohnerin von Seattle, die bald ihren 80. Geburtstag feiert. Nachdem wir Olympia und seine äusserst progressive Atmosphäre hinter uns gelassen haben, beschliessen wir, uns auf den Weg in die grosse Metropole zu machen, die nur eine knappe Autostunde entfernt liegt und mit ihren 740'000 Einwohnern sowie ihren traditionsreichen Demokraten aufwartet.
Kathryn leitet seit fast zehn Jahren gemeinsam mit anderen die Bewegung «Postcards 4 Democracy» in West Seattle. Jede Woche bringt sie Freiwillige zusammen, um die Eintragung in die Wählerverzeichnisse zu fördern und Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Ihre Analyse ist schonungslos: «Die Leute gehen nicht nur deshalb nicht an die Urne, weil sie keine Zeit haben. Es herrscht auch grosse Trägheit.»
«Ich hoffe, dass die Demokraten beide Kammern zurückerobern, um Trump die nächsten zwei Jahre so richtig schwer zu machen», vertraut sie uns an, während der für Seattle typische Regen plötzlich auf unsere Köpfe prasselt. «Ich habe jedoch Angst davor, wie er reagieren wird, wenn er einmal verloren hat, so wie beim letzten Mal im Jahr 2020. Wie ich ihn kenne, wird mit allen Mitteln versuchen, das Ruder herumzureissen», sagt sie.
Es überrascht nicht, dass Kathryn Rawle den US-Präsidenten verabscheut: «Trump ist ein Lügner und pathologischer Manipulator, der diesem Land unermesslichen Schaden zugefügt hat. Wut, Inflation und politische Gewalt waren noch nie so gross wie heute. Er hat mit den Ängsten der Menschen gespielt.»
Aber hat sie sich schon einmal vorgestellt, wie es nach Trump im Jahr 2028 weitergehen wird? «Ich glaube, die Republikaner werden Donald Trump endgültig loswerden, sobald sie die Zwischenwahlen verloren haben. Er wird von den eigenen Leuten rausgeworfen werden.»
So weit sind wir aber noch nicht. In Washington, wo seit 1988 kein republikanischer Kandidat mehr bei den Präsidentschaftswahlen gewählt wurde, kontrollieren die Demokraten derzeit acht der zehn Wahlkreise des Staates. Am 3. November hofft die amtierende Abgeordnete Marie Gluesenkamp Perez auf eine Wiederwahl. Im vierten Wahlkreis, der konservativsten Hochburg des gesamten Staates, könnte John Duresky einem Republikaner den Sitz wegschnappen.
