Leben
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Episode 01 Unit Stills

Bei 134 Menschen, insbesondere AKW-Angestellten und Feuerwehrleuten, wurde unmittelbar nach dem Unfall eine Strahlenkrankheit diagnostiziert. bild: sky uk ltd/hbo

Review

Diese sehenswerte Serie zeigt den Horror eines Super-GAUs

Die HBO-Produktion «Chernobyl» rekonstruiert in verstörenden Bildern die grösste Nuklearkatastrophe der Geschichte. Im Zentrum: die Betroffenen.

Gregory Remez / ch media



Aus dem Schlaf gerissen von unermüdlich schrillenden Sirenen hat sich eine Menschengruppe auf der Brücke am Stadtrand von Pripjat versammelt und blickt auf die Flammen am Horizont. Rauchschwaden durchziehen den nächtlichen Himmel, Ascheflocken rieseln auf die Schaulustigen herab.

Diese scheint das infernale Schauspiel aber nicht weiter zu beunruhigen. Es ist beinahe Morgen in Pripjat, doch dämmert den Anwesenden noch nicht, welche Tragödie sich gerade vor ihren Augen abspielt. «Aber schön aussehen tut es», flüstert eine junge Frau.

Es ist diese eine Szene in der neuen Serie «Chernobyl», die das Drama in seiner ganzen Tragweite erfasst, die die Ahnungs- und Machtlosigkeit von Pripjats Bewohnern (damals etwa 48'000 Menschen) schmerzlich vor Augen führt.

«Chernobyl», Sky-Serie

Rauchschwaden über dem explodierten Reaktorblock 4 in Tschernobyl. Bild: Sky UK Ltd/HBO

Umweltschützer warnen vor verheerendem AKW-Unfall in der Schweiz

Käme es in einem Schweizer AKW zu einem grossen Unfall, würden die aktuellen Notfallpläne des Bundes die Bevölkerung zu wenig schützen. Dies ist das Fazit einer Studie von Umweltschützern. Mit einer Kampagne wollen sie den Atomausstieg zurück auf die Agenda bringen.

Die am 20. Mai 2019 publizierten Ergebnisse des Instituts Biosphère basieren auf Unfallsimulationen an den vier Schweizer AKW, realen Wetterdaten und neuen medizinischen Erkenntnissen. Die Forscher analysierten insbesondere die Ausbreitung der radioaktiven Wolke.

Demnach sind langfristig mehr als 100'000 Strahlenopfer in der Schweiz und den Nachbarländern zu erwarten, sollte sich in Beznau, Gösgen, Mühleberg, Leibstadt oder im französischen Kernkraftwerk Bugey ein grosser Unfall ereignen. Insgesamt würde die Verstrahlung rund zwanzig Millionen Personen in Europa treffen.

Die bei einem schlimmen Störfall freigesetzte Radioaktivität wird gemäss Studie auf das Dreissigfache des Wertes geschätzt, welcher der Planung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz (Babs) zugrunde liegt. «Die Schweiz ist auf einen grossen Kernkraftwerksunfall unzureichend vorbereitet», folgern deshalb Vertreter der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) und des Netzwerks für den Atomausstieg «Sortir du nucléaire». (sda)

Quelle: «Studie über die Verletzlichkeit der Schweiz im Fall eines schweren Nuklearunfalls auf ihrem Staatsgebiet» (als PDF bei institutbiosphere.ch verfügbar)

Niemand will es wahrhaben

Keiner der Schaulustigen, die sich damals auf der rund vier Kilometer vom Kraftwerk in Tschernobyl entfernten Brücke eingefunden hatten, soll überlebt haben.

Heute nennt man das verrostete Überbleibsel in der Geisterstadt die Todesbrücke. Sie ist eines der vielen Symbole in der Umgebung des explodierten Reaktorblocks 4, die an die grösste Nuklearkatastrophe der Geschichte erinnern.

Episode 01 Unit Stills

Konsternierte Gesichter im Kontrollraum des AKWs. bild: sky uk ltd/hbo

Diese ereignete sich in der Nacht des 26. April 1986 im Kernkraftwerk Tschernobyl. Bei einem Experiment am Kühlsystem begeht das Personal eine Kette verhängnisvoller Fehler, was schliesslich zu einer Explosion führt, die den Reaktor auseinanderreisst und dessen hoch radioaktive Bestandteile über die Unfallstelle verteilt.

Es ist der Super-GAU, der grösste anzunehmende Unfall, der erste seiner Art – und niemand will ihn wahrhaben. Nicht der anwesende stellvertretende Chefingenieur des Kraftwerks, Anatoli Djatlow (Paul Ritter, «Quantum of Solacet»). Und schon gar nicht der Direktor der Anlage, Viktor Brjuchanow (Con O’Neill, «Kommissar Wallander»), der die Katastrophe vor der sowjetischen Parteispitze um Generalsekretär Michail Gorbatschow (David Dencik, «Top of the Lake») verantworten muss.

Episode 01 Unit Stills

Arbeiter werden in den sicheren Tod geschickt. bild: sky uk ltd/hbo

Noch während die Feuerwehr mit der Löschung des in Flammen stehenden Daches beschäftigt ist, beginnen die Apparatschiks in Hinterzimmern damit, die Vorgänge zu verschleiern. Hierbei offenbart sich sogleich die grosse Stärke der ersten gemeinsamen Serienproduktion der Bezahlsender HBO und Sky:

Unzimperlich zoomt «Chernobyl» ins chaotische Geschehen nach der Reaktorexplosion und gibt sowohl den Vertuschern als auch den Helden von damals ein Gesicht.

Zu den Helden gehört etwa der 25-jährige Feuerwehrmann Vasil Ignatenko, der nur zwei Wochen nach seinem Einsatz an den Folgen der erhöhten Strahlenbelastung starb; oder jener Techniker, der sich bis zur Reaktorruine vorwagt, um das Ausmass des Unglücks zu ergründen, und dort seinen Tod findet – ein herbeigeeilter Kollege kann nichts weiter für ihn tun, als ihm eine letzte Zigarette zu reichen.

Fokus auf die Betroffenen

Die wenigen Spielfilme und Dokumentationen, die sich bisher mit der Tschernobyler Nuklearkatastrophe auseinandersetzten, drehten sich vor allem um die Ursachen und Folgen des GAU. Was Arbeiter und Anrainer erlebten, wurde nur selten beleuchtet.

In «Chernobyl» findet Regisseur Johan Renck Bilder für ein Grauen, das mit blossem Auge nicht zu erkennen ist – und dessen zerstörerische Kraft selbst den gigantischen sowjetischen Bürokratie-Apparat machtlos zurücklässt. Gekonnt spielt er dabei mit dem Wissensvorsprung der Zuschauer, die den geschockten Kraftwerksmitarbeitern sowie den naiven Schaulustigen auf der Todesbrücke am liebsten zurufen würden: «Was tut ihr da? Lauft weg!»

Bild

«Chernobyl»: Die fünfteilige Drama-Serie ist ab sofort beim Streaming-Dienst Sky Show in der Schweiz verfügbar.

Der HBO-Trailer (engl.)

abspielen

Video: YouTube/Movie Trailers Source

Tausende Tote

Über die weltweiten gesundheitlichen Langzeitfolgen des Super-GAUs von Tschernobyl, insbesondere jene, die auf eine gegenüber der natürlichen Strahlenexposition erhöhte effektive Dosis zurückzuführen sind, gibt es seit Jahren Kontroversen. Die WHO hält in einem gemeinsam mit den Vereinten Nationen und der Internationalen Atomenergie-Organisation erstellten Bericht insgesamt weltweit ca. 4000 Todesopfer für möglich. Andere Schätzungen sprechen (Erkrankungen an Strahlenkrebs eingeschlossen) von bis zu 60'000 Todesfällen infolge der Katastrophe.

Quelle: wikipedia.de

(bzbasel.ch)

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70
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    Alle Leser-Kommentare
  • sikki_nix 05.06.2019 13:40
    Highlight Highlight Ich hatte das gefühl durch den Bildschirm hindurch selbst verstrahlg zu werden
  • trinkfanta 03.06.2019 20:01
    Highlight Highlight An der Rallye „CATrophy“ war Chernobyl eines von vielen eindrücklichen Zielen. War eine erdrückende aber imposante Sache, dies mal Live zu erleben.
  • inmi 03.06.2019 18:58
    Highlight Highlight Jep so endet Sozialismus immer. Das sollte sich jeder überlegen, bevor er im Herbst links wählt.
    • El Vals del Obrero 03.06.2019 23:02
      Highlight Highlight Japan (Fukushima) ist ja hoch-sozialistisch und linksextrem ...
    • Miles Prower 04.06.2019 06:33
      Highlight Highlight Three Mile Island in der Pennsylvanischen SSR, ist ein weiteres Beispiel für einen Reaktorunfall in einem Kommunistischen Staat.

      Oh wait...
    • Lienat 04.06.2019 07:53
      Highlight Highlight Du kennst den Unterschied zwischen Sozialisten und Sozialdemokraten aber schon, oder?
    Weitere Antworten anzeigen
  • qolume 03.06.2019 18:50
    Highlight Highlight Ist die Sky Show App immer noch so grottig wie die Play Store Reviews vermuten lassen?
    • MKB 03.06.2019 21:48
      Highlight Highlight Leider ja. Sehr mühsame Bedienung. So eine schlechte APP hab ich selten erlebt.
  • Bird of Prey 03.06.2019 18:38
    Highlight Highlight Ich habe damals in einem der Schweizer KKW gearbeitet. Ich fuhr mit dem Velo zur Arbeit und blieb in der Eingangskontrolle hängen. Die Monitore schlugen Alarm. Nicht nur bei mir. Cäsium wurde gemessen.
    Hecktick machte sich breit. Wir Schweizer zweifeln natürlich immer zuerst an uns selbst. Die Russen sagten ja nichts.
    Erst im Laufe des nächsten Tages entstand ein Bild. Schweden meldete eine grosse radioaktive Wolke. Die Winde trugen die radioaktiven Stoffe wie Jod und Cäsium über Skandinavien nach Mitteleuropa.
    Der eiserne Vorhang hielt nur die schrecklichen Informationen zurück.
  • Toerpe Zwerg 03.06.2019 17:57
    Highlight Highlight "Keiner der Schaulustigen, die sich damals auf der rund vier Kilometer vom Kraftwerk in Tschernobyl entfernten Brücke eingefunden hatten, soll überlebt haben."

    Hierzu hätte ich gerne eine Quelle. Danke.
    • Bird of Prey 03.06.2019 18:27
      Highlight Highlight Ach Torpe, Sie sind ja der Physik mächtig, zumindest tun Sie in verschiedenen Kommentare so.
      Vier Kilometer Distanz zum zerlegten Reaktor ergibt eine tödliche Strahlendosis, welche alleine beim Hingehen von Pripjats her erreicht wird.
      Da erübrigt sich die Quelle, wie gesagt, Fakten, Physik halt.
    • will.e.wonka 03.06.2019 18:41
      Highlight Highlight Das ist unmöglich zu beweisen.
    • najaundso 03.06.2019 18:47
      Highlight Highlight Akkut tödlich wirds ab über 5Sv/h. Im Kern haben zwar über 300Sv/h geherrscht, die Strahlung nimmt aber im Quadrat zur Entfernung ab. In 4 Km Entfernung musste man schon ziemlich lange stehen bleiben. Nehmen wir mal an die Strahlung hat 0,1Sv/h betragen müsste man schon 50h da verbracht haben.
    Weitere Antworten anzeigen
  • popcornmaschine 03.06.2019 17:19
    Highlight Highlight Hört euch den "The Chernobyl Podcast" von den Machern an. Da hat es haufenweise Zusatzinformationen und Geschichten drin die es nicht bis in die Serie geschafft haben!
  • Jesses! 03.06.2019 17:15
    Highlight Highlight Die Serie hat mich ziemlich genervt. Schlechte Schauspieler und das Ganze wirkt nicht authentisch. Geschmackssache.
    • OfficerFuzzyface 03.06.2019 17:37
      Highlight Highlight Was genau wirkt deiner Meinung nach nicht authentisch?
    • Dominik Treier 03.06.2019 18:30
      Highlight Highlight Kann ich nicht so recht nachvollziehen, auch wenn ich teils schon mehr Leidausdruck als diese depressive Konsterniertheit erwartet hätte...
    • Dominik Treier 04.06.2019 00:34
      Highlight Highlight Es mag wohl einfach erschreckend sein, dass gerade die Experten, in dieser Verwaltung nichts anderes erwartet zu haben scheinen...
    Weitere Antworten anzeigen
  • baldini75 03.06.2019 16:55
    Highlight Highlight Sehr eindrückliche Serie. Spannend auch für diejenige die das Unglück damals hier "erlebt" haben
  • w'ever 03.06.2019 16:50
    Highlight Highlight ich habe erst die erste folge gesehen. ich war selten so traurig, wütend, hoffnungslos und aufgewühlt nach einer serie/doku. liegt aber auch sicher daran, dass es nicht nur so ein hollywood kino drama ist, sondern diese unglück wirklich passiert ist.
    • redeye70 03.06.2019 19:52
      Highlight Highlight Ging mir auch so. Ich gehöre noch zur Generation die das Unglück erlebte und die Angst verspürte vor der unsichtbaren Gefahr. Tschernobyl war überall das Thema der Stunde. Sogar im Klassenzimmer sassen wir mit unseren Lehrern zusammen und diskutierten darüber. Es war eine unheimliche Stimmung. Niemand wusste zu diesem Zeitpunkt wo und wieviel radioaktiver Niederschlag stattfand.
    • Toerpe Zwerg 03.06.2019 20:39
      Highlight Highlight Und die Lehrer haben Ihren nichts erklärt zu Radioaktivität, zu Strahlendosen zur Wirkung, zu natürlicher Radioaktivität, um Ihnen Die Angst zu nehmen?
    • El Vals del Obrero 03.06.2019 23:04
      Highlight Highlight Wenn man genaustens weiss, wie heiss Feuer brennt, kann man trotzdem noch Angst vor einem Brand haben ...
    Weitere Antworten anzeigen
  • P. Silie 03.06.2019 16:48
    Highlight Highlight Habe letztes Wochenende mit meiner Schwiegermutter die Serie angeschaut - diese hatte 1986 selber einen Kuraufenthalt auf der Krim (nicht bezüglich Chernobyl) und hat einige Opfer der Katastrophe getroffen und ihren Geschichten zu hören dürfen. Als Aerztin und Kardiologin wusste sie noch einiges mehr zu beschreiben - Gänsehaut! Mir fiel vorallem das komplette Staatsversagen auf, welches in jedem sozialistischen Land zu beobachten ist/war. Korruption und Nepotismus trugen dazu bei, dass Apparatschiks das Sagen hatten obwohl sie keine Ahnung von nichts hatten.
    • Beat-Galli 03.06.2019 19:43
      Highlight Highlight Glauben Sie ja nicht, dass irgend jemand nur annähernd besser funktioniert in unserer, ach so guten kapitalistischen Bürokratie.

      Statt die ersten Böötchen vom Wohlensee zu holen (neben Mühleberg), würden unser Apparatschicks noch schnell die Aktien verkaufen und die Konten leeren.
      Irgendwo von Kuba aus, würden Sie dann die 112 anrufen und leise Hilfe ins Telefon jammern!
    • redeye70 03.06.2019 19:55
      Highlight Highlight Nur die treuen Beifallsklatscher stiegen in der Hirarchie auf. Wer die sozialistischen Parolen am besten vortragen konnte kam weiter.
    • P. Silie 03.06.2019 21:24
      Highlight Highlight @ Beat-Galli: Glauben Sie mir - ich stamme aus dem ehemaligen Sozialistischen Jugoslawien, meine Frau aus der ehemaligen Sozialistischen Sowjetunion - es kann nicht schlimmer sein als in ehemaligen sozialistischen Staaten, denn wenn da auch nur annähernd etwas funktioniert hätte, gäbe es zumindest den einen oder anderen 'ehemaligen' Staat noch...
  • Magnum44 03.06.2019 16:36
    Highlight Highlight Wo bleibt die Serie über das Unwort "Super-GAU", das auch Jahre nach Tschernobyl keinen Sinn ergibt?
    • EhrenBratan. Hääää! 03.06.2019 16:45
      Highlight Highlight Hä? Welcher Sinn fehlt dir denn? Bestimmt nicht leichtsinn...
    • blobb 03.06.2019 16:48
      Highlight Highlight Von einem Super-Gau spricht man, wenn Ereignisse passieren, mit denen man nicht rechnete und die den grössten anzunehmenden schaden (Gau) noch übersteigen (Super).

      Bei Tschernobyl war genau das der Fall ;)
    • Lienat 03.06.2019 16:49
      Highlight Highlight GAU: Grösster anzunehmender Unfall.

      Super: lat. Präfix für "über", bzw. in diesem Zusammenhang "grösser als".

      Super-GAU: Ein Unfall, der grösser ist, als alles, was in der Planung als annehmbar galt. Warum soll das keinen Sinn ergeben? Passt doch für das, was in Tschernobyl passiert ist, recht gut!
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