Das Leben von Hayden Panettiere verdüsterte sich zusehends – ein Nachruf
Dies ist bloss eine Vermutung. Aber möglicherweise war der 6. Dezember 2013 einer der besten Tage im Leben von Hayden Panettiere. Es war ein eiskalter Tag in Kiew, Panettieres Verlobter, der ehemalige ukrainische Box-Weltmeister Wladimir Klitschko, war dabei, sich zum Oppositionspolitiker aufbauen zu lassen, und die beiden begleiteten den Euromaidan-Protest. Nacheinander hielten sie Reden auf dem Unabhängigkeitsplatz mitten in Kiew, die 24-jährige Amerikanerin Panettiere beschwor die Vorteile der Demokratie und sagte: «Dass die Wahlfreiheit und die Meinungsfreiheit überhaupt in Frage gestellt werden, ist lächerlich.»
Die Menge feierte sie und Klitschko, es war ein Moment voller Hoffnung – in die Zukunft der Ukraine, aber auch in die Zukunft des überglücklichen Paares, das kurz zuvor seine Verlobung verkündet hatte. Panettiere hatte sich in den USA schon länger als Aktivistin hervorgetan, ein bisschen für Obama, aber vor allem für Wale, Wale und nochmals Wale. Jetzt, an der Seite von Klitschko, war plötzlich alles sehr gross. Nicht zuletzt der Mann selbst. 2008 waren sich die beiden zum ersten Mal an einer Party gegenüber gestanden, die 153 Zentimeter kleine Schauspielerin begrüsste den 198 Zentimeter grossen Boxer mit: «Du bist ja riesig!» Worauf er antwortete: «Du bist ja winzig!»
Ein Jahr später waren sie zusammen, trennten sich wieder, waren wieder zusammen, hatten einen gemeinsamen Haushalt in Nashville und im Dezember 2014 kam ihre Tochter Kaya Evdokia Klitschko zur Welt. Und alles zerbrach. Panettiere litt unter heftigen postnatalen Depressionen. Und sie spielte in der Serie «Nashville» eine Mutter, die unter postnatalen Depressionen leidet. Die Drehbuchautoren orientierten sich dabei an Panettieres eigenen Erfahrungen. Was sie erlitt, wurde sofort verarbeitet und sie musste es noch einmal erleiden. Die beiden Welten verschmolzen. Wenn sie nicht spielte, flüchtete sie sich in Alkohol und Opioide, sie hatte das schon einmal getan, als Teenager. Ihre Augen verfärbten sich gelb, ihre Leber hatte aufgegeben. Endlich begab sie sich in Therapie.
Klitschko war zunehmend in der Ukraine aktiv, schliesslich trennten sie sich, die Long-Distance-Beziehung war nicht mehr aufrechtzuerhalten und die völlig zerrüttete Panettiere willigte ein, dass Kaya beim Vater aufwachsen sollte. Heute leben Vater und Tochter an einem geheimen Ort in der Ukraine.
Nach Klitschko war sie mit Brian Hickerson zusammen, einem Möchtegern-Immobilienmakler und Möchtegern-Schauspieler, der 2021 zu einer Gefängnisstrafe wegen häuslicher Gewalt gegen Panettiere verurteilt worden war. Doch weil Gefühle mächtiger sind als Gerichte, fanden die beiden nach seiner Entlassung wieder zusammen und er zog erneut bei ihr ein. Noch am Tag vor Panettieres Tod war sie mit Hickerson unterwegs gewesen.
Erst im Mai 2026 hatte sie ihre Memoiren unter dem etwas aggressiven Titel: «This Is Me: A Reckoning» (Das bin ich: Eine Abrechnung) veröffentlicht, hatte über die Spiralen der Sucht gesprochen und darüber, wie es war, im Rampenlicht aufzuwachsen, aber ohne richtigen Backstage-Bereich im Leben. Ihre Mutter, eine Soap-Opera-Darstellerin, hatte sie schon mit wenigen Monaten mit zu Dreharbeiten geschleppt und ihr mit 11 Monaten den ersten Job in einer Werbung für Kinderspielzeug vermittelt. Und so ging es weiter, mit 4 Jahren spielte sie selbst in einer Soap, mit 5 hatte sie in über 50 TV-Werbungen mitgespielt. Sie war ein Kinderstar, zu ihren unzähligen Rollen als herzige Göre gehörte unter anderen jene als Tochter der Anwältin Ally McBeal.
Mit 6 trat sie zum ersten Mal in der Talkshow von Jay Leno auf, danach war sie ein gern gesehener Gast, ein freches, frühreifes, unerschrockenes Kind. Der Clip, in dem die 9-Jährige Leno anhand von lebenden Tausendfüsslern und Riesenschaben erklärt, wie man Männchen und Weibchen unterscheiden könne, ist eine einzigartige Comedy-Nummer.
Rückzugsmöglichkeiten hatte sie keine, Freunde kaum, es gab Arbeit, wenig normale Schule und viel Homeschooling. Dabei wäre sie gerne zur Schule gegangen, mit Klassenzimmern und Klassen und allem, was dazugehörte, ihre liebsten Fächer waren naturwissenschaftliche: «Ich liebe es, wenn man Flüssigkeiten ineinander giessen kann. Und Explosionen. Ich liebe es, ein Klassenzimmer zum Explodieren zu bringen», sagte sie mit 11 in der Show von Rosie O'Donnell.
Ihre Familie spricht nach ihrem Tod von all dem «Licht», das Hayden Panettiere verbreitet habe. Schaut man sich das Kind Hayden an, dann ist da tatsächlich unendlich viel Licht, das ist ein kleiner, surrender strahlender Stern. Als sie älter wurde, verglühte der Stern zusehends, Hayden hatte keine Reserven, sie hatte bloss eine wachsende Dunkelheit in sich. Bei traurigen Szenen malte sie sich in ihren Anfängen gerne den Tod ihrer Haustiere aus, um sich zum Weinen zu bringen, später, sagte sie, verdüsterten sich diese Fantasien.
2023 starb ihr einziger und geliebter Bruder Jansen Rane Panettiere mit 28 Jahren an den Folgen einer Herzerweiterung. Wie seine Schwester hatte auch er eine Suchtgeschichte hinter sich. Er war Schauspieler und angehender Künstler und hinterliess Hayden ein Bild mit versteckten Botschaften und einem tanzenden Weinglas.
124 Folgen lang hatte Hayden Panettiere während ihrer Beziehung mit Klitschko die Rolle der intriganten und schicksalsgeplagten Country-Sängerin Juliette Barnes in der musiklastigen Serie «Nashville» gespielt. 43 Folgen lang hatte sie ab ihrem 17. Lebensjahr Claire Bennet in der Superhelden-Serie «Heroes» gespielt, Claire war ein Cheerleader mit besonderen Fähigkeiten zur Selbstheilung. «Save the cheerleader, save the world» lautete ein rätselhaftes Motto von «Heroes».
An jenem weit zurückliegenden Tag in Kiew hatte Hayden Panettiere getan, was die Definition eines Cheerleaders ist, sie hatte die Menschen zu Hoffnung und Freude aufgefordert, hatte sie angefeuert, war ein Licht. Was am vergangenen Sonntag zu ihrem tragisch frühen Tod geführt haben mag, ist noch nicht geklärt. Doch vielleicht hätte sie da so einen Cheerleader an ihrer Seite auch gebrauchen können.
