Dosen-Cocktails sind imfall viel besser als ihr Ruf
Es geschah im Sommer 2020, am Bahnhof St. Pancras in London: Bevor wir in den Eurostar nach Paris einstiegen, wollten wir noch schnell im Marks & Spencers Shop etwas Proviant holen. Mmmmmmh … Sriracha Prawn Tacos, Mini Pork Pies, Rainbow Bhajis, Edamame and Butterbean Crush (verdammt, weshalb gibt's so geiles Zeugs nicht bei uns??) … und dann dort, im Getränke-Kühlgestell:
Gefühlt eine ganze Wand von auffällig hübsch designten Dosen, die mit Peach Bourbon Smash oder Pink Grapefruit Paloma oder Blood Orange Margarita angeschrieben waren.
Boah. Und wisst ihr was? In jenem Moment passte sowas perfekt. Ein eiskalter Cocktail? Irgendwie genau das Richtige, wenn man auf dem Direktzug von London nach Paris hockt. Und die Tatsache, dass er fixfertig aus der Dose kam, macht es noch ein klein wenig trashiger – aber nicht minder spassiger.
Okay, «trashy» – dazu kommen wir gleich. Vorher aber noch kurz die Anmerkung: Das war bereits vor sechs Jahren. Damals schon war die Auswahl an Dosen-Cocktails in Grossbritannien gehörig (weit grösser etwa als hierzulande), doch inzwischen ist jener Markt regelrecht explodiert. Der Umsatz mit Ready-to-Drink-Cocktails – RTDs, so der Terminus technicus – erreichte letztes Jahr 704 Millionen Pfund – und bis zum Ende des diesjährigen Sommers ist er bereits um 12 Prozent weiter gestiegen. Und es sind längst nicht mehr nur die vergleichsweise schicken Supermärkte wie Marks & Spencer, die ein Eigenmarken-Sortiment anbieten. Aldi und Lidl mischen (haha – eher «mixen») da kräftig mit.
Marketing-Gurus bezeichnen diese Ära als the great tinification – «die grosse Blechdosenisierung» – von Drinks. Längst ist der Trend international evident. Auch hierzulande. Wirf einmal einen schnellen Blick ins Kühlregal in deinem örtlichen Supermarkt oder Bahnhofskiosk – längst ist die Auswahl weit grösser als bloss Jack & Coke und Smirnoff Lemon.
Aber eben: trashy. Oder nicht? Machen wir uns nichts vor: Das Zischen beim Aufreissen einer Aludose verströmt nicht ganz dieselbe Eleganz wie der Mixologe, der in einer schummrigen Speakeasy-Bar an einem handgeschnitzten Eisblock herummeisselt. Dosencocktails fühlen sich schnell mal nach Tankstellenshop an. Und so folgt prompt die Annahme: Das ist bestimmt billiger Fusel.
Dem ist aber nicht so. Konzentriert man sich nämlich auf die nackte Wissenschaft, zeigt sich, dass RTDs oft gar besser sind als das, was man in einer Bar für 18 Stutz vorgesetzt bekommt.
Da ist mal die Einheitlichkeit und die Präzision der Rezeptur. Ein gestresster Barkeeper im Samstagabend-Rush rührt deinen Martini vielleicht fünf Sekunden zu kurz (zack – zu warm) oder göötscht etwas zu viel Vermouth rein (zack – zu wenig trocken). In der industriellen Produktion hingegen wird ein abgefüllter Spritz oder Negroni aufs Zehntelprozent genau abgemischt. Zudem wird bei kohlensäurehaltigen Varianten der Sprudel maschinell präzise unter Druck injiziert, dass es extrem knackig bleibt.
Bei hochprozentigen, spirit-forward Drinks ohne Fruchtsaft (etwa Negroni, Old Fashioned etc.), kommt zudem der «Marrying»-Effekt ins Spiel. Wenn diese hochprozentigen Zutaten länger gemixt bleiben (wie es in einer Dose oder Flasche bei RTDs der Fall ist) «vermählen» sich die Zutaten. Die scharfen Alkoholkanten runden sich ab, Wasser- und Alkoholmoleküle verbinden sich inniger, die botanischen Aromen verschmelzen zu einer Einheit. Der Drink wird spürbar runder und weicher. Dies ist übrigens mit ein Grund, weshalb viele Cocktail-Bars ausgewählte Drinks Wochen im Voraus mischen («pre-batched drinks»).
Dies gilt ebenso für Aperitifgetränke mit tieferem Alkoholgehalt – insbesondere für solche mit bitteren Geschmacksnoten (Campari Spritz, Tanqueray Aperitivo und Co.). Diese verzeichnen übrigens, genau wie RTDs in Dosen, einen ähnlichen Erfolg wie vorgemischte Produkte in Flaschen.
Aberrrrrr … die Physik hat ihre Grenzen. Und in der RTD-Cocktail-Welt liegen diese bei allem, was frische Säfte oder Eiweiss braucht. Ein richtig guter Whiskey Sour lebt von dem samtigen Eiweiss-Schaum, der durch hartes Shaken entsteht. Das überlebt im Regal schlicht nicht. Und frischer Limetten- oder Zitronensaft verliert nach wenigen Stunden seine spritzige, flüchtige Frische (er oxidiert). Hier müssen die Hersteller pasteurisieren, was an sich nichts Verwerfliches ist – doch es schmeckt halt anders. Oder sie müssen mit künstlichen Säure-Mischungen arbeiten. Ein Dosen-Daiquiri wird also niemals an einen frisch geshakten herankommen.
Das Fazit aus qualitativer Sicht lautet somit: Alles, was hochprozentig (Negroni), bitter (Aperitivo) oder kohlensäurelastig (Spritz, Paloma) ist, funktioniert fixfertig sensationell. Keine falsche Scham also beim nächsten After-Work-Apéro beim See – die Wissenschaft ist auf deiner Seite. Cheers!
Und die fruchtigen … naja, ab und an darf man auch ein wenig trashy sein. Hier auch: Cheers!
