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«So sehen Depressionen aus» – Facebookpost einer jungen Frau geht viral



Ein Stapel Geschirr, abgewaschen und zum Trocknen hingelegt. Das zeigt das Foto der jungen Amerikanerin Brittany Ernsperger, das sie Anfang Juli auf Facebook lud. Das Bild wirkt auf den ersten Blick nicht aussergewöhnlich.

Doch der dazu geschriebene Text der jungen Frau bewegte Tausende von Facebook-Usern. In einem längeren Text beschreibt die Mutter, wie sie täglich gegen die psychische Krankheit ankämpft. Folgend der ganze Text übersetzt:

«So sehen Depressionen aus.
Nein, nicht das saubere Geschirr. Sondern dass da überhaupt so viel Geschirr liegt; dass ich es zwei Wochen lang nicht geschafft habe, es abzuwaschen.

Vor drei Tagen sass ich auf dem Küchenboden und starrte das Geschirr an, während ich weinte. Ich wusste, ich müsste es abwaschen. Ich wollt es so gerne machen. Aber die Depressionen zogen mich runter. Sie haben mich in ihren Bann gezogen. Wie ein schwarzes Loch; schnell, sinkend, treibsandähnlich.

Ich sah das Geschirr am Morgen, am Abend, ging den ganzen Tag daran vorbei. Und sah es nur an. Ich sagte mir, du schaffst das. Und fühlte mich jeden Tag niedergeschlagen, weil ich es nicht schaffte. Aufgaben nicht zu schaffen, ist ein Misserfolg – und der macht die Depressionen noch viel schlimmer.

Wertlos. Versagen. Ein Stück Scheisse. Inkompetent. Dumm. Faul. Alles Gedanken, die im Kopf von jemanden mit Depressionen herumschwirren. Jeden einzelnen Tag.

Wenn weitere Ängste dazu kommen, beginnt erst das Vergnügen. Du fürchtest, dass dein Mann dich verlässt, weil er das Gefühl hat, du seist faul. Du fürchtest dich davor, Leute in dein Haus zu lassen, weil sie denken könnten, du seist widerwärtig. Das Gefühl, deine Kinder zu enttäuschen, weil du schon wieder kein sauberes Geschirr hast, um zu kochen. Also gibt es Pizza. Schon wieder.

Und das Schlimmste daran: Es geht nicht nur um das Geschirr. Waschen, putzen, sich anziehen, duschen, die Kinder anziehen, Zähne putzen – alles normale Alltagsaufgaben. Alles wird zu einem Albtraum. Du bringst es nicht fertig.

Depressionen sind etwas, worüber ‹starke› Menschen nicht sprechen, weil sie nicht wollen, dass die Leute meinen, sie seien ‹schwach›.

Du bist nicht schwach. Du bist so lange stark gewesen, dass dein Körper jetzt eine Pause braucht.

Es ist mir egal, wenn du es heute nur geschafft hast, Deo zu benutzen. Ich bin stolz auf dich. Gute Arbeit. Ich bin auf deiner Seite.

Ich will kein Mitleid, nicht im Geringsten. Aber ich will alle wissen lassen, dass ich für sie da bin. Wenn du jemanden zum Reden brauchst, bin ich immer da, um dir zu helfen. »

Ernsperger erhielt auf ihren Post tausende Reaktionen. Mit ihrer ehrlichen Beschreibung der Depressionen, an der weltweit mehr als 300 Millionen Menschen leiden, erreicht sie viele Betroffene – aber auch Angehörige.

Ernsperger, die nicht damit gerechnet hatte, dass ihr Post so viele Menschen erreicht, freute sich über die vielen positiven Reaktionen. Und sie rät allen Betroffenen, darüber zu sprechen.

Lass dir helfen!

Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen. In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in persönlichen Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.

Die Dargebotene Hand: Tel.: 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel.: 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch

(ohe)

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