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Yonnihof

Depression – Ein Erklärungsversuch

Bild: shutterstock
23.11.2016, 10:4723.11.2016, 15:46

Die Tage werden kürzer, die Welt grauer, die Gemüter schwerer. Obwohl jahreszeitenabhängige Depressionen eher selten sind, sind viele Menschen im Herbst und im Winter grundsätzlich melancholischer als sonst.

Depressionen sind ein schwieriges, im wahrsten Sinne ein «schweres» Thema, das ist mir bewusst. Und gerade deshalb ist es wichtig, dass man ab und zu daran erinnert.

Kürzlich passierte es einmal mehr: Ich sah, wie sich jemand auf Facebook über einen Suizid im Personenverkehr beklagte. «OMG, mueses unbedingt grad uf minere Stecki sii?? Söll doch noimet andersch vor de Zug gumpe, egoistische Tubel», lautete die sinngemässe Parole.

Mich machte das kurzzeitig absolut sprachlos. Ich war mit dieser Person nicht befreundet, hätte den Status aber trotzdem kommentieren können und ich war auch drauf und dran ... Schraubte dann aber die Emotionen etwas runter und die Kognitionen etwas rauf und überlegte mir, was es eigentlich bedeutet, wenn jemand so etwas schreibt.

Ich glaube, dass Depressionen und ihre Folgen (u.a. Suizid) sehr schwer zu verstehen sind, wenn man selber nicht in irgendeiner Weise davon betroffen ist.

Ich führe noch heute manchmal Gespräche mit Leuten, die ich für emotional intelligent und einfühlsam halte, die dann aber Dinge sagen wie «Jeder ist so glücklich, wie er/sie will» oder «Wer seine Karre in den Dreck fährt, der muss sie selber wieder rausziehen». Grundsätzlich bin ich mit diesen Aussagen einverstanden – wenn es um gesunde Menschen geht. Um stabile Menschen. Ich bin durchaus auch der Ansicht, dass man sich sein eigenes Glück schaffen kann und dass man Verantwortung übernehmen soll, wenn man Scheisse gebaut hat.

Aber: Jemandem mit einer depressiven Störung zu sagen, er/sie soll die übertragene «Karre» selber aus dem Dreck ziehen, ist, als ob man jemandem mit zwei lahmen Beinen sagen, er soll ein tatsächliches Auto aus dem Matsch hieven. Sich eben gerade nicht selber helfen zu können, ist eins der Kerncharakteristiken einer depressiven Erkrankung.

Ich werde hier nun einmal versuchen, als Fachfrau und als Betroffene zu beschreiben, was eine Depression ist und wie sie sich anfühlt. Vielleicht ist es dann etwas leichter, nachzuvollziehen, was diese Krankheit für Betroffene bedeutet.

Von einer schweren depressiven Episode spricht man gemäss der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10), wenn der/die Betroffene praktisch non-stop von seiner/ihrer Krankheit eingenommen ist, deutlichen Interessens- und Freudesverlust an sonst angenehmen Aktivitäten und verminderten Antrieb oder gesteigerte Ermüdbarkeit zeigt. Dazu kommen je nachdem Verlust des Selbstwertgefühls, unbegründete Selbstvorwürfe/unangemessene Schuldgefühle, wiederkehrende Gedanken an Suizid oder Tod, verminderte Denk- oder Konzentrationsfähigkeit und Unentschlossenheit, (psycho-) motorische Über- oder Unteraktivität, Schlafstörungen und geminderter oder übermässiger Appetit inklusive entsprechender Gewichtsveränderung.

Tagebucheintrag während einer depressiven Episode:
«In meiner Familie und in mir hockt
es, dieses Etwas, schwarz und leer, hat sich eingenistet. Manchmal macht es
über Jahre keinen Wank. Und dann, wenn ich es am wenigsten erwarte, streckt es
seinen pelzigen Arm aus und packt mich mit einer Klaue kalt wie Stahl, reisst
mich aus meinem Alltag zu sich hinunter in die Finsternis.



Ich schlafe kaum. Liege nachts stundenlang
wach und möchte am Tag heulen vor lauter Müdigkeit. Es tut mir alles weh.
Körper und Seele. Und es packt mich dieser eine Gedanke, immer wiederkehrend:
Du bist nicht gut.

Und dann schäme ich mich, möchte in Grund
und Boden versinken vor Scham ob meiner Undankbarkeit. Ich habe ja eigentlich
alles. ALLES. Ich empfinde mich als verwöhntes, weinerliches Kind, bringe aber
kaum die Kraft auf, wütend zu sein. Irgendwie ist mir alles egal und
gleichzeitig hat alles so viel Bedeutung. Genauer: Alles um mich herum hat
Bedeutung, ich selber bin mir egal.

Ich kämpfe gegen das dunkle Etwas, wende
die mir verbleibende Kraft auf, um mich zu treten, treffe aber nur Leere. Denn
das Etwas ist Leere, das ist sein Kern. Es ist leer und gleichzeitig bleiern.
Es ist da und doch kann man es nicht packen und schütteln. Meine kraftlosen Fäuste
schlagen ins Nichts.»

Nun stelle man sich einmal vor, all diese Dinge passieren mit einem, ohne dass man irgendetwas falsch gemacht hat. Man kommt, ohne zu wissen warum, morgens nicht mehr aus dem Bett. Man empfindet einfach keine Freude mehr, so sehr man es auch versucht.

Man ist allein in der Dunkelheit und beginnt, sich zu alledem auch noch Vorwürfe zu machen, weil man sich undankbar fühlt – eigentlich hat man ja alles, was man braucht, und man ist trotzdem einfach todtraurig. Man ist dieser bleiernen, lähmenden Trauer komplett ausgeliefert, fühlt sich als Last für alle anderen und dann kommen diese leisen Gedanken, dass es wohl wäre besser für alle Beteiligten, wenn man nicht mehr da wäre.

Und dann kommt jemand daher und sagt: «Jede/r ist so glücklich, wie er/sie will...»

Nur, weil man eine Krankheit nicht sieht oder sichtbar machen kann, bedeutet das nicht, dass sie nicht existiert. Dass es schwieriger ist, den Schmerz nachzuvollziehen, wenn man ihn noch nie selber gespürt hat, verstehe ich. Ich hatte aber auch noch nie ein gebrochenes Bein, weiss aus Beschreibungen jedoch ganz genau, dass es höllisch weh tun muss. Genauso kann, abgeleitet aus der obigen Beschreibung, wohl jede/r nachvollziehen, dass es hundeelend ist, an einer Depression zu leiden.

Es ist so elend, dass manche Betroffenen nach Jahren oder gar Jahrzehnten einfach müde sind – lebensmüde. Wenn wieder alles von vorne beginnt, wenn der Kampf einfach schon zu lange dauert, wenn die Hoffnung auf ein einigermassen zufriedenes Leben erlischt.

Der Mensch hat grundsätzlich einen gigantischen Lebenswillen, es ist seine erste und wichtigste Aufgabe, sich selber am Leben zu halten – alles andere ist zweitrangig. Wenn ein Mensch sich also vor einen Zug wirft, dann ist er genau das Gegenteil eines «egiostischen Tubels». Es ist die ultimative Selbstzerstörung. Es widerspricht allem, was die Natur für uns vorgesehen hat. Und nicht einmal ich, die ich schon die eine oder andere depressive Episode durchlebt habe, kann mir vorstellen, wie traurig, verzweifelt und gebrochen jemand sein muss, um das kostbarste Gut, das wir besitzen, nämlich das Leben selbst, aufzugeben.

Das macht es für Zeugen solcher Vorfälle nicht einfacher, das ist mir bewusst; einen Suizid zu beobachten ist fürchterlich. Solche Entscheidungen sind aber – in den allermeisten Fällen – fern von jeder Rationalität und unterliegen nicht mehr der Kontrolle des Suizidalen, der einfach nur noch will, dass der Schmerz endlich aufhört. 

Seien wir also vielleicht etwas sanfter in unserem Urteil über die Handlungen anderer. Achten wir stattdessen aufeinander, hören wir hin, fragen wir nach. Und seien wir uns – im Gegenzug – doch auch unserer eigenen Fähigkeit, Glück und Freude zu verspüren, heute einmal von Herzen bewusst. 

Anlaufstellen
Sind Sie oder jemand, den Sie kennen, von Depressionen betroffen und wissen nicht, an wen Sie sich wenden können?

Auf Plattformen wie www.143.ch (Telefon: 143) oder www.depression.ch hilft man Ihnen gerne weiter.


Yonni Meyer
Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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