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Nicht sie, nicht er, nur Sam – wie es ist, non-binär zu leben und zu lieben

Sam fühlt sich nicht als Mann und nicht als Frau, Sam ist non-binär. Was es bedeutet, im geschlechtlichen Dazwischen zu leben.
05.09.2021, 19:0705.09.2021, 20:02
Katja Fischer De Santi / ch media

«Ich kam als gesundes Kind zur Welt. Ich spielte mit Lego und Puppen, meine Welt war klein und bunt. Ich wusste damals noch nicht, dass die Leute bei mir vor allem rosa sahen.

Als ich älter wurde, traf ich auf Kinder, deren Welt weniger bunt war, sie war entweder blau oder rosa, sie spielten mit Puppen oder mit Lego. Ich verstand diese ungeschriebenen Regeln nicht, verstand nicht, was Mädchen gut und Jungen doof zu finden hatten. Ich war verwirrt, verloren zwischen ‹Mädchen› und ‹Bub›. In mir drin waren Rosa und Blau zu einer Farbe vermischt, mit der ich mich wohlfühlte, ein Grau, das keiner Kategorie zuzuordnen war.

Bei Geburt als Mädchen definiert

Doch die Menschen um mich herum konnten diese Farbe nicht sehen. Bei meiner Geburt wurde ich als Mädchen definiert und daran werde ich seither täglich gemessen. Ich konnte noch so herumtoben, weite Kleider tragen und Fussball spielen, spätestens beim Gang in die Umkleidekabine verhärteten sich die mühsam aufgeweichten Grenzen und ich wusste, wo ich hinzugehören hatte.

Im Alter von 13 Jahren outete ich mich als lesbisch, weil ich dachte, dass der Grund für mein ‹Anderssein› womöglich daran lag, dass ich Mädchen anziehend fand.

Doch es war ein Hilfeschrei, den niemand verstand. Das eigene Geschlecht definiert sich nicht daraus, auf wen man steht.

Mittlerweile bin ich mit meinen 19 Jahren so was wie erwachsen. Mit dem Wort ‹non-binär› kann ich endlich ausdrücken, wie ich mich mein ganzes Leben lang schon gefühlt habe. Ich bin ‹dazwischen›, fühle mich sowohl weiblich als auch männlich, kann und will mich auf keines davon festlegen. Ich habe gelernt, zwischen Rollenbildern zu wechseln, ihre Flexibilität anzuerkennen. Und auch die Menschen um mich herum sind offener, toleranter geworden. Zumindest versuchen sie es.

Mein Hobby ist eher blau, meine Stimme rosa

Doch die meisten Menschen wollen sich immer noch ein möglichst genaues Bild von ihrem Gegenüber machen. Wollen die Person einordnen in das System, das sie kennen. In Rosa und Blau. Dazu verwenden sie eine hochauflösende Kamera, die ganz nah ranzoomen kann, sodass sie besser sehen, wie sich ein Mensch zusammensetzt. Wenn sie dies tun und den Menschen in ihrem Objektiv immer grösser werden lassen, dann werden sie irgendwann einzelne Pixel ausmachen können, einzelne Quadrate, die entweder Blau oder Rosa gefärbt sind.

Bei mir werden sie sagen können, dass mein Hobby eher blau ist, mein Kleidungsstil auch, während meine Figur und meine Stimme rosa sind, genauso wie mein Umgang mit Emotionalität. Aus dieser Beschreibung ergibt sich kein vollständig kohärentes Bild eines Menschen, der klar einer Geschlechterkategorie zugeordnet werden kann.

Damit bin ich eine Bedrohung für das binäre Geschlechtssystem, für all die Schubladen und Kategorien, die die Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg mühsam aufgebaut hat.

Ich passe in keine Kategorie, egal wie sehr ich es versuche

Also werde ich ungefragt eingeordnet, eine ganze Geschichte wird um mich herum konstruiert, von der Annahme, mit wem ich Sex habe, bis zur Frage, ob ich als Kind mit Lego oder mit Puppen gespielt habe. Sich in dieser Welt mit einer Unwissenheit über das eigene Geschlecht zu bewegen, ist schwer. Weil ich das Gefühl habe, in keine der Kategorien wirklich hineinzupassen.

Ich kann zwar einzelne Merkmale entweder als blau oder rosa bestimmen, aber die Kamera, die ich auf mich selbst richte, ist kaputt, sodass beim rauszoomen keine Farbe entsteht, die ich irgendwie einordnen kann, sondern nur ein Wirrwarr aus Pixeln.

Ich verschwinde, weil es keine Wörter gibt, die mich ausreichend beschreiben.

Ich kann zwar in die rosa gestrichenen Toiletten gehen, meine Farbe unterscheidet sich aber so krass von den Wänden, Böden und Türen, dass ich mich nicht einfügen kann, sondern immer aus dem Raster falle. Ich kann versuchen, mit blauen Menschen Kontakt aufzunehmen, muss dabei aber immer Angst haben, dass meine rosa Pixel zu stark herausstechen, dass man sie entdecken und in der blauen Welt nicht tolerieren wird.

Ich habe versucht, gewisse Verhaltensweisen, Kleidungsstücke und Interessen zu ändern, einigen Pixeln einen Neuanstrich zu geben, um eine kohärentere Silhouette mit einheitlicheren Farben zu bekommen. Eine Weile hat das sogar funktioniert. Doch irgendwann hat diese Farbe angefangen abzublättern, Blasen bildeten sich, die Pixel entzündeten sich und taten mir am Ende nur weh. Letztendlich weichten sich meine Konturen noch mehr auf, statt sich zu verhärten.

Er, sie oder hen?

Ich kann viele Fragen noch nicht beantworten. Etwa welches Pronomen für mich stimmig ist: er, sie, oder das hierzulande noch ungebräuchliche ‹hen›? Am liebsten habe ich einfach gar kein Pronomen, einfach Sam. Das ist mein non-binärer Spitzname, der es mir erlaubt, ein bisschen mehr aus den Geschlechterrollen auszubrechen als mein weiblicher Geburtsname. Der ganze Prozess braucht sehr viel Zeit, ich will mich nicht zu schnell wieder neu festlegen.

Auch wenn ich den Versuch aufgegeben habe, mich anzupassen, bleiben gewisse Narben und die tägliche Konfrontation mit meiner eigenen geschlechtlichen Nichtexistenz. Ich muss mich immer wieder erklären, werde von anderen Menschen willkürlich als Mann oder Frau eingeordnet, obwohl ich mich damit nicht wohlfühle.

Ich frage mich oft, ob man mit einer solch komischen Farbe leben kann, ob es immer so bleiben wird für mich oder ob ich irgendwann Räume finden werde, in denen es nicht so auffällt, dass ich nicht dazugehöre. Ich bin oft traurig, wenn ich mir diese Fragen stelle, versuche mich auf andere Dinge zu konzentrieren, um nicht so sehr mit mir selbst konfrontiert zu werden.

Ich meide Spiegel, weil ich nicht sehen will, dass auch mein Körper nicht mit meiner Farbe übereinstimmt und auf öffentlichen Toiletten habe ich immer das Gefühl, alle würden mich anstarren.

Wenn mich jemand kategorisiert, senke ich den Kopf und schweige. Ich fühle mich immer nur als Gast, entweder in der rosa Welt oder in der blauen Welt. Mein eigenes Zuhause gibt es nicht.

Vielleicht wird das nicht immer so bleiben, vielleicht gibt es eine Zukunft, in der ich wieder ich selbst sein kann. Vielleicht wird das eine rosigere Zukunft – oder auch eine blauere. Doch bis dahin werde ich nur in meinem grau angestrichenen Zuhause wirklich ich selbst sein.»

(aargauerzeitung.ch)

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«Ich bin weder Mann noch Frau, ich bin non-binär»

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