Bauchfett sagt Herzrisiko besser voraus als BMI
Der Body-Mass-Index (BMI) gilt seit Jahrzehnten als Mass dafür, ob jemand normalgewichtig, übergewichtig oder adipös ist. Doch er hat eine Schwäche, denn er berücksichtigt nicht, wie sich das Fett des Einzelnen im Körper verteilt. Eine neue Forschungsarbeit zeigt nun, dass Angaben zur Körpermitte zusätzliche wichtige Informationen über das Herz-Kreislauf-Risiko liefern können. Nachzulesen sind die Ergebnisse im Fachmagazin «JACC».
Auch Normalgewichtige können ein erhöhtes Risiko haben
Für die Untersuchung werteten die Forscher Daten von mehr als 260'000 Menschen aus. Die Teilnehmer wurden im Durchschnitt 20 Jahre lang beobachtet. Von Interesse war, wie gut der BMI zusammen mit Taillenumfang und Taille-Hüft-Verhältnis spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorhersagen konnte.
Dabei zeigte sich, dass auch Menschen, die laut BMI normalgewichtig sind (BMI zwischen 18,5 und 24,9), eine ungünstige Fettverteilung haben können: Fünf Prozent der Normalgewichtigen hatten einen erhöhten Taillenumfang, 18 Prozent ein erhöhtes Taille-Hüft-Verhältnis.
Taillenumfang als Mass für Bauchfett
Ein zuverlässiges Mass für das Bauchfett ist der Taillenumfang (gemessen auf mittlerer Höhe zwischen unterem Rippenrand und Beckenkamm): Bei Frauen gilt ein Umfang unter 80 Zentimetern (cm) als gesund, während ab 88 cm das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits deutlich erhöht ist. Für Männer gilt ein Wert unter 94 cm als normal, kritisch wird es ab einem Umfang von 102 cm.
Bei diesen Probanden lag das Risiko für die meisten untersuchten Herz-Kreislauf-Erkrankungen 15 bis 50 Prozent höher als bei Personen mit normalem BMI und unauffälligen Werten für die Körpermitte. Dazu gehörten unter anderem Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche und Vorhofflimmern.
Bauchfett ist nicht nur eine Frage der Optik
Der Grund dafür liegt im Bauchfett, zu dem auch viszerales Fett gehört, das sich um die inneren Organe lagert. Es gilt als gesundheitlich problematischer als Fettgewebe direkt unter der Haut, denn es ist hormonell aktiv. Es setzt Botenstoffe frei, die Entzündungen fördern und den Stoffwechsel beeinflussen. Der BMI kann zwischen diesen Fettverteilungen nicht unterscheiden.
Umgekehrt war das Risiko bei Menschen mit Adipositas (BMI von 30 oder höher) nicht automatisch erhöht. Hatten sie einen vergleichsweise niedrigen Taillenumfang oder ein niedriges Taille-Hüft-Verhältnis, also wenig Fett an der Körpermitte, zeigte sich bei ihnen für die meisten untersuchten Herz-Kreislauf-Erkrankungen kein höheres Risiko als bei Menschen mit Normalgewicht und unauffälliger Fettverteilung.
Was heisst das für den Alltag?
Die Forscher plädieren aber nun nicht dafür, den BMI komplett abzuschaffen. Vielmehr sollten Taillenumfang und Taille-Hüft-Verhältnis zusätzlich berücksichtigt werden. Studien zeigen schon länger, dass die Fettverteilung wichtige Hinweise auf Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Risiken liefern kann. «JACC»-Chefredakteur Harlan M. Krumholz formuliert es deutlich: «Es ist Zeit, den alleinigen Fokus auf den Body-Mass-Index aufzugeben.» Entscheidend sei, wo Fett gespeichert werde.
Die aktuelle Untersuchung hat allerdings Grenzen: Unter anderem wurden Ernährung und körperliche Aktivität nicht erfasst. Ausserdem wurden Taillenumfang und Taille-Hüft-Verhältnis jeweils nur einmal bestimmt. Veränderungen der Fettverteilung im Laufe der Zeit konnten daher nicht berücksichtigt werden. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich zudem keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten.
Verwendete Quellen:
- eurekalert.org: "Abdominal fat predicts heart disease risk better than BMI"
- jacc.org: "
- herzstiftung.de: "Gefährliches Übergewicht – auch auf die Fettverteilung achten"

