Leben
USA

Paris Hilton war als Kind im Umerziehungscamp – und wurde missbraucht

Paris Hilton über den Missbrauch in Erziehungscamps.
Bild: screenshot/youtube

«Die Mitarbeiter geilten sich daran auf, Kinder zu foltern»

Die Troubled Teen Industry in den USA hat Dutzende von Teenagern auf dem Gewissen. Die Geschichte von zwei Opfern.
03.07.2024, 07:2003.07.2024, 08:47
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Letzten Donnerstag sagte Paris Hilton vor dem US-Kongress gegen sogenannte Troubled-Teen-Camps aus. Dabei erzählte die 42-Jährige von ihren eigenen traumatischen Erfahrungen, die sie in den Einrichtungen für schwererziehbare Jugendliche gemacht hat. Darunter sexueller Missbrauch und Zwangsernährung. Das It-Girl ist jedoch nur eines von vielen Opfern. Hier ein Deep-Dive in die Troubled Teen Industry.

Was ist die Troubled Teen Industry?

Die Troubled Teen Industry – zu Deutsch: Schwererziehbaren-Industrie – besteht aus stationären Wohnprogrammen für schwererziehbare Jugendliche in den USA. Dazu gehören Wilderness-Programme, Bootcamps und therapeutische Internate.

Diese Camps entstanden laut Gizmodo nach dem Vorbild des Drogenrehabilitationsprogramms Synanon, das 1958 von Charles Dederich gegründet wurde. Synanon machte die Therapie mit tough love – zu Deutsch: harte Liebe – als Behandlungsmethode für Suchterkrankungen populär. In den späten 1970er-Jahren entwickelte sich Synanon zu einer Sekte.

Die Troubled-Teen-Programme sind privat und versprechen, problematische Teenager durch verschiedene Methoden zu rehabilitieren und zu unterrichten. Sie nehmen junge Menschen auf, von denen angenommen wird, dass sie Probleme mit der Schule, mit Gefühlsregulation, ihrer mentalen Gesundheit oder Drogenmissbrauch haben. Einige Opfer erzählen jedoch auch davon, dass sie in eines der Camps geschickt wurden, weil ihre Noten schlecht waren oder ihre Eltern mit ihrem Freund nicht einverstanden waren.

Die meisten Programme finden in der Wildnis von Utah statt und kosten ein Vermögen. Verschiedene Quellen schreiben dabei von Kosten zwischen 200 bis 800 Dollar am Tag oder um die 10'000 Dollar im Monat.

Utah Wüste
Unendliche Weiten in Utah.Bild: Shutterstock

Die Milliarden-Branche der Troubled Teen Industry ist in zahlreiche Skandale aufgrund von Kindesmissbrauch, institutioneller Korruption und Todesfällen verwickelt und ist höchst umstritten.

Anlaufstellen für Opfer von sexueller Gewalt
Sexuelle Übergriffe können in den unterschiedlichsten Kontexten stattfinden. Hilfe im Verdachtsfall oder bei erlebter sexueller Gewalt bieten etwa die kantonalen Opferhilfestellen oder die Frauenberatung Sexuelle Gewalt. Für Jugendliche oder in der Kindheit sexuell ausgebeutete Erwachsene gibt es in Zürich die Stelle Castagna. Betroffene Männer können sich an das Männerbüro Zürich wenden. Wenn du dich sexuell zu Kindern hingezogen fühlst oder jemanden kennst, der diese Neigung hat, kann dir diese Stelle weiterhelfen.

Die Geschichte von Paris Hilton

2020 kam Paris Hiltons Dokumentation «This is Paris» heraus. Darin erzählte die damals 38-Jährige von ihrem Leben – und zeigte Seiten von sich, die viele bis dahin nicht kannten.

So widmete sie einen grossen Teil ihrer Dokumentation ihren Teenager-Jahren, die sie unter anderem in Troubled-Teen-Camps verbracht hatte.

Paris Hilton über ihre traumatisierende Zeit in Provo Canyon.Video: YouTube/Paris Hilton

«Wir können das auf die leichte oder die harte Tour machen»

«Ich wurde nachts von zwei Männern aus meinem Zimmer geholt. Sie haben gesagt: ‹Wir können das auf die leichte oder die harte Tour machen›», erzählt Paris Hilton über die Nacht, in der sie 1997 in das erste Camp gebracht wurde. Zu dieser Zeit hätte sie viel Schule geschwänzt und Probleme mit ihren Eltern gehabt. Aus Angst um ihre Reputation hätten diese dann das Camp eingeschaltet.

Die stationären Jugendeinrichtungen warben mit Unterstützung, Heilung und emotionalem Wachstum der Teenager. Hinter verschlossenen Türen – ohne das Wissen der Eltern – kam es jedoch laut Hilton und vielen weiteren Opfern zu Missbrauch in jeglicher Form.

«Wir wurden angeschrien und mussten unbezahlte Schwerarbeit erledigen», so die Millionärstochter. Als sie versuchte wegzulaufen, sei sie erwischt und vor dem ganzen Camp zusammengeschlagen worden, «um den anderen zu zeigen, was passiert, wenn man nicht gehorcht». Trotzdem schaffte es Hilton immer wieder zu entkommen. Insgesamt von drei der vier Camps rannte die Teenagerin davon.

«Viele der Mitarbeiter geilten sich daran auf, Kinder zu foltern»

Doch dann kam Paris Hilton nach Provo Canyon. Eine Schule, die sich auf Mädchen mit mentalen Problemen spezialisierte. «Von dort konnte man nicht weglaufen. Es war das schlimmste von allen», so die Hotelerbin. Sie und ihre Mitschülerinnen hätten tagelang an Wände starren müssen, seien angeschrien und geschlagen worden und die Angestellten begleiteten und beobachteten sie beim Duschen. «Ich glaube, viele der Mitarbeiter geilten sich daran auf, Kinder zu foltern», so Hilton.

Zudem mussten die Schülerinnen Tabletten schlucken, von denen sie nicht wussten, was sie waren. Die Tabletten machten die damals 16-Jährige müde und abgelöscht. Als sie einen Weg fand, sie nicht zu nehmen, wurde sie erwischt und in Einzelhaft gesteckt. «Es war wie im Film ‹Einer flog über das Kuckucksnest›, ich musste meine Kleider ausziehen und wurde 20 Stunden alleine und ohne Essen oder Trinken in einen kalten Raum gesperrt.»

Hilton war elf Monate in Provo Canyon. Das Einzige, was ihr geholfen habe, die Zeit zu überstehen, sei der Gedanke daran gewesen, wer sie sein wollte, wenn sie draussen war.

«Ich habe eine Fantasiewelt erschaffen, um mich zu schützen»

So sei dann die Paris Hilton entstanden, die heute alle kennen: Eine verzogene, dümmliche, aber erfolgreiche Barbie mit piepsiger Stimme. Doch das war laut Hilton alles nur Show: «Manchmal bin ich wie ein Roboter, ein Charakter, den ich spiele. Ich habe eine Fantasiewelt erschaffen, um mich zu schützen.»

Diesen Charakter hat Hilton auch in der Reality-TV-Show «The Simple Life» gespielt. Wie sie in einem Interview bestätigte, hätte sie dabei ihre Stimme höher gemacht und sich viel dümmer gestellt, als sie eigentlich war. Den Stimmwechsel kann man heute beobachten, wenn man alte mit neuen Interviews vergleicht:

Video: watson/youtube/newscomauhq

«Meine Eltern wurden systematisch angelogen und manipuliert»

Letzten Donnerstag hat Paris Hilton vor dem US-Kongress gegen die US-Pflegesysteme und die Troubled-Teen-Camps ausgesagt. «Ich kenne den Schaden, den stationäre Jugendeinrichtungen anrichten können», begann Hilton ihre Rede. Weiter erzählte sie: «Sie versprechen Heilung, doch mir wurde zwei Jahre nicht erlaubt, aus dem Fenster zu sehen, ich wurde sexuell missbraucht, in Einzelhaft gesteckt und mit Tabletten zwangsernährt.»

Ihre Eltern seien auf das irreführende Marketing der Institutionen hereingefallen, systematisch angelogen und manipuliert worden. «Die tough love, die die Internate anpreisen, ist nichts weniger als Missbrauch. Es ist eine 50-Milliarden-Industrie von militärischen Ausbildungscamps, Jugendgefängnissen und verhaltensmodifizierenden Programmen.»

Die Provo Canyon School hat auf die Vorwürfe von Hilton reagiert und in einem Statement keine Schuld auf sich genommen: «Wir waren zu dieser Zeit unter anderem Management und können daher keinen Kommentar über die Verhältnisse und Erfahrungen gewisser Studentinnen abgeben», so The Guardian.

Hilton setzt sich schon seit Jahren für die Schliessung von Erziehungsinstitutionen ein. Denn sie ist längst nicht die Einzige, die durch die Camps lebenslang traumatisiert wurde. So ist Provo Canyon bis heute geöffnet.

Paris Hilton leads a protest Friday, Oct. 9, 2020, in Provo, Utah. Hilton was in Utah Friday to lead a protest outside a boarding school where she alleges she was abused physically and mentally by sta ...
Paris Hilton demonstriert für die Schliessung des Erziehungscamps Provo Canyon.Bild: AP

Die Geschichten von Zara

Zara wurde mit 14 Jahren in der Nacht von zwei Männern aus ihrem Bett gekidnappt und in ein Wilderness Therapy Camp in Utah gebracht. Ihr wurde gesagt, sie müsse drei bis sechs Wochen dort bleiben. Schlussendlich war Zara 3,5 Jahre, also bis zu ihrem 18. Geburtstag, weg von zu Hause. Heute ist Zara 20 Jahre alt und erzählt auf TikTok ihre Geschichte vom Missbrauch, den sie im Camp erlebt hat.

Ein Wilderness Camp ist, wie der Name schon sagt, ein Camp, das grösstenteils im Freien stattfindet. Wie Zara in einem Video erzählt, gehörte dazu, dass sie ihr Geschäft wie auch ihre Körperpflege draussen verrichtete. «Wenn wir gross mussten, mussten wir auf eine Plane, wenn wir klein mussten, auf den Boden. Dabei wurden wir begleitet und mussten mit dem Angestellten Augenkontakt haben.» Zudem hätten sie in der Woche für alle Jugendlichen zwei Rollen WC-Papier bekommen. Wenn diese aufgebraucht waren, mussten sie Blätter verwenden. Ähnlich limitiert waren auch Tampons und Binden.

Weiter erzählt sie, dass sie die ersten vier Monate im Programm nicht duschen durfte und wenn doch, dann draussen in der Kälte.

«Entweder waren es Männer, die Kinder foltern wollten, oder Pädophile»

Ähnlich wie Paris Hilton hatte auch Zara traumatische Erlebnisse mit den Camp-Leitern: «Entweder waren es Menschen, die noch nie mit Kindern gearbeitet hatten, Männer, die ihren Sadismus ausleben und Kinder foltern wollten oder Pädophile. Man wusste nie, was man bekommt.»

Die wohl schlimmsten Geschichten, die Zara erzählt, sind die der Bestrafungen. Auch Zara wurde in Einzelhaft gesteckt und geschlagen. Sie bestätigte zudem, dass die Angestellten die Jugendlichen dazu zwangen, sich gegenseitig sexuell zu missbrauchen und dabei zu filmen. Das ist eine Bestrafung, die immer wieder von Opfern der Industrie genannt wird.

Die Entscheidung für ihren Aufenthalt traf Zaras Vater. Er und ihre Mutter waren geschieden und die Mutter hatte keine Möglichkeit, sie zu erreichen, als sie im Camp war. Auf die Frage, ob sie ihrem Vater je verziehen hätte, antwortet Zara: «Nein, ich habe und werde nie wieder Kontakt mit ihm haben.»

@gallaghersquirellfund Reply to @amiraroy_ I have not and I don’t have any contact with him. #breakingcodesilence ♬ original sound - Ze <3

So leidet Zara bis heute unter den Folgen des Wilderness Camps. «Ich habe sehr schwere posttraumatische Störungen und bin paranoid, dass mich wieder jemand kidnappt. Ich habe Albträume und habe Angst vor grossen Männern.»

Trotz allem scheint Zara heute ein einigermassen normales Leben führen zu können. Ihr Schicksal teilen jedoch Tausende von Jugendlichen in Amerika.

Camps fordern Dutzende von Toten

Wie Paris Hilton bestätigt, werben die Camps bis heute mit den gleichen Versprechen wie in den 90er-Jahren. Zara war zudem 2019 im Programm und zeigt, dass der Missbrauch bis heute anhält.

Ein weiterer Überlebender der Troubled Teen Industry eröffnete eine Webseite, um aufzulisten, wie viele Jugendliche den Missbrauch in den Camps nicht überlebten. Viele davon sind auch durch ein Gericht bestätigt und einige Mitarbeiter wurden verurteilt. Der letzte aufgelistete Fall war der Tod von Zy’Kiria Bell in der Lake Academy vom 29. Mai 2024, der bisher noch nicht geklärt ist.

Wie sind diese Camps heute noch legal?

Wenn man diese Statistiken sieht, kommt die Frage auf: «Warum sind diese Programme bis heute legal?»

Die Antwort darauf ist kompliziert. Während die Einrichtungen zwar stark kritisiert werden, geht die Regulierung der Camps nur schwierig voran. Laut KFF Health News haben bisher Utah, Kalifornien, Oregon, Montana und Missouri Gesetze erlassen, die eine stärkere Kontrolle der Einrichtungen zum Ziel haben. Das Gesetz in Utah wurde erst 2021 vorgeschlagen, nachdem Paris Hilton mit ihrer Geschichte der Provo Canyon School an die Öffentlichkeit gegangen war. Hiltons Aussage löste eine staatliche Untersuchung der Einrichtung aus. Ihr Statement vor dem US-Kongress letzte Woche soll nun diese Untersuchung weiter vorantreiben.

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73 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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I don't know what you heard about me
02.07.2024 20:54registriert August 2014
Wie fest hassen denn die Eltern ihre Kinder, dass sie sie dorthin schicken?! Und sind denn solche Übergriffe (bis hin zu Todesfällen, wtf?) nicht strafrechtlich relevant und würden locker für eine Schliessung jedes einzelnen Umerziehungscamps ausreichen? Merica... Werd's nie verstehen...
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HKD
02.07.2024 21:26registriert November 2022
Anstelle von Liebe und Geborgenheit zu schenken, stecken diese Eltern ihre Kinder in Foltercamps.
Was man mit Geld nicht alles macht, wenn für die eigenen Kinder keine Zeit mehr übrig bleibt.
Man müsste die Eltern dorthin schicken, nicht die Kinder!
2013
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Siro97
02.07.2024 20:18registriert November 2017
Finde ich sehr schockierend , dass es solche Camps bis heute noch existieren . Das ist pädagogisch extrem übergriffig und sehr menschenunwürdig. Solche Ereignisse in einem Lebensabschnitte eines Menschen bzw. Jugendlichen haben möglicherweise grossen Einfluss auf die weitere sozial-emotionale Entwicklung. Ich finde es stark , dass Paris Hilton etc. es geschafft hat/haben, diese Erlebnisse zu erzählen. Sie scheint eine hohe Resilienz zu haben.
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