«Abstechen, erwürgen, anzünden»: Warum Autorinnen gewaltbereite Heldinnen lieben
Ein neuer Trend wird uns gerade um die Ohren gehauen: Es geht um Romane von Autorinnen über wütende Heldinnen, die Gewalt nicht scheuen. Auf TikTok und langsam auch im Hochkultur-Feuilleton ist von «Rage Girl»-Literatur die Rede. Sie entspricht offenbar einem Lebensgefühl in dieser durch Kriege und Krisen aufgeheizten Zeit.
Autorinnen wollen nicht mehr nur von Ohnmacht und Unterdrückung erzählen, von zornigen Heldinnen, die still leiden und allenfalls sich selbst Gewalt antun. Sie suchen den Befreiungsschlag. Als Zeichen der Emanzipation gilt jetzt, dass die weibliche Wut sich in Gewalt entlädt. Man demonstriert Stärke, auch mal mit einer Waffe in der Hand, und vermittelt den Leserinnen, ebenfalls stark zu sein und nicht alles tatenlos hinzunehmen.
Dann greift die friedliche Bella zum Hammer
Ganz neu ist der Trend nicht. Die Britin Helen Zahavi in «Schmutziges Wochenende» (Unionsverlag) oder die Französin Virginie Despentes in «Baise-moi» (Kiwi) haben schon in den frühen 1990er-Jahren ultrafeministische Kultbücher geschrieben, in denen wütende Frauen zu Rachefeldzügen besonders gegen Männer aufbrechen. Beim Skandalbuch von Zahavi greift die friedliche Bella zum Hammer. Und bei Despentes unternehmen zwei Frauen einen blutigen Roadtrip.
In den aktuellen Romanen ist das Rachemotiv oft weniger klar. Es ist nicht unbedingt nur persönlich erlittene Männergewalt, die zornige Protagonistinnen zu Gegengewalt provoziert. Die Frauen heute sind viel allgemeiner wütend aufs Patriarchat, auf Ungerechtigkeit, die kriegerische Gegenwart, eine zerstörte Umwelt oder den Kapitalismus.
Hier sollen zwei Autorinnen herausgegriffen werden, die sich schon dadurch auszeichnen, dass ihre Bücher sich zwar zur «Rage Girl»- Literatur zählen lassen, aber über diesen Trend hinausreichen. Da ist der Roman «So, in etwa, ist es geschehen» der 1972 geborenen britisch-deutschen Autorin Sharon Dodua Otoo, deren Eltern aus Ghana nach London migrierten. Otoo lebt seit Langem in Berlin. 2016 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis.
Die Provokation in ihrem Roman liegt darin, dass sie uns dazu bringen will, Verständnis für eine Mordtat aufzubringen. Gleich zu Beginn bekennt sich ihre afrodeutsche Hauptfigur Amata Haller schuldig: Sie hat ihren älteren weissen Chef mit einem Bayern-München-Schal erwürgt. Und sie gesteht: «Ich möchte behaupten, dass ich es bereue, aber das wäre gelogen.»
Auch als Leser ist man fast erleichtert, als der Chef tot ist und endlich Ruhe gibt. Er zählt zur recht verbreiteten Spezies Mann, die sich für wahnsinnig progressiv und aufgeschlossen hält. Doch letztlich geht es ihm nur um sich selbst, und darum, seine junge Mitarbeiterin für sich einzunehmen. Er fährt Amata von Berlin an die Ostsee, wo sie als Enkelin eines KZ-Überlebenden an einer Gedenkveranstaltung teilnehmen will.
Im Auto erstickt sie dann fast, weil ihr Chef ein unerträglicher Dampfplauderer ist. Dass er wiederum der Enkel einer KZ-Sekretärin ist, blendet er aus. Dafür beharrt er darauf, man dürfe einer jungen Frau noch sagen dürfen, dass sie schön sei. Sein Redeschwall entlarvt immer wieder, wie sehr er in verkrusteten sexistischen, rassistischen und kolonialistischen Denkmustern gefangen ist.
Otoo lässt ihn über viele Seiten zu Wort kommen, bringt uns aber auch nahe, was in Amata vorgeht, bis sie das Gelaber ihres Chefs nicht mehr aushält und durchdreht. Ein verstörender Roman, der uns dazu zwingt, uns selber ein Urteil über das Verbrechen zu bilden.
«Wir klatschen ein paar Bullenfressen»
Subtiler und verdichteter erzählt die 34-jährige Journalistin und Schriftstellerin Seyda Kurt in ihrem Debütroman «Zeit der Monster» von einem apokalyptisch heruntergekommenen Stadtviertel. Die Menschen sind sich selbst überlassen. Einige verschworene Frauen wollen das Elend und den Dreck nicht länger hinnehmen. Sie rappen: «Wir klatschen erst ein paar Bullenfressen», um gleich darauf zu singen: «Dann holen wir uns unser altes Viertel zurück».
Eine der Frauen hat immer eine Waffe im Rucksack. Sie gehen «mit gewetzten Messern durch die Welt», gestehen einander, «was sie einem Mann antäten, der ihnen jemals einen Schritt zu nahe käme. Abstechen, erwürgen, anzünden.» Doch im Buch gibt es auch sanftere und zärtlichere Gefühlslagen.
Die Frauen reden nicht von Solidarität oder Engagement, sondern handeln lieber. Eine der Frauen sagt, man müsse die Menschen wachrütteln. «Damit sie endlich fordern, was ihnen gehört.» In diesem faszinierenden Roman drückt sich eine produktive Wut aus, die zu Veränderungen aufruft. (schweizheute.ch)

