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Was macht so viel Schönheit mit einem? Nicht nur Gutes. Blick auf Samedan im Dokfilm «Suot Tschêl Blau».
Was macht so viel Schönheit mit einem? Nicht nur Gutes. Blick auf Samedan im Dokfilm «Suot Tschêl Blau».Bild: Outside the box
Review

Heroin machte Samedan in den 80ern zum Platzspitz des Engadins

Der Dokfilm «Suot Tschêl Blau» von Ivo Zen ist eine todtraurige Überraschung.
19.11.2020, 10:3420.11.2020, 12:20

Fragt man die Einheimischen im Oberengadin nach einer Lieblingsbeiz, sagen viele, das sei die Pizzeria im Hotel Laudinella in St.Moritz. Ein Grund dafür: Sie liegt unter dem Boden. Aha? Ja, sagen dann die Einheimischen, das sei für sie ganz erholsam, das viele Licht immerzu, von dem die Touristen so schwärmen, sei nicht selten zu viel. Gerade auch im Zusammenhang mit Schnee. Geblendet zu werden heisst eben auch, dass man erblinden kann.

Auch im Dokfilm «Suot Tschêl Blau» (Unter blauem Himmel) des in Zürich lebenden Regisseurs Ivo Zen sagt einer, die Schönheit des Engadins sei nicht auszuhalten. Jedenfalls nicht immer. Und am wenigsten, wenn man jung ist und einem das Leben gerade gar nicht schön vorkommt. Weil man auf der Suche ist nach einem Ort, an dem man mit seiner ganzen Unsicherheit und seiner Unvollkommenheit überhaupt hinpassen könnte. Und weil der Ort, an dem man lebt, allzu genaue Passformen vorgibt.

Trailer zu «Suot Tschêl Blau»

Für einige wurde die Suche in den 80ern zu einer Sucht. Und es war nicht das Kokain der Reichen, das sich in St.Moritz gelegentlich zum echten Schnee gesellen mag, nein, es war das Heroin aus Zürich, das seinen Weg zwei Dörfer neben St.Moritz zur Dorfjugend von Samedan fand. Platzspitz retour.

Zen hat jetzt Überlebende und Hinterbliebene befragt, gut zwanzig, sagt er im Radiointerview, seien aus Samedan am Heroin gestorben, alle jung. Wusste man das? Ja, sagen die Eltern, alle wussten alles, aber gerade weil man sich im Dorf so extrem nah war, überwog die Scham, es anzusprechen, so lange. Der Versuch, so zu tun, als ob nichts wäre, war ein Herkuleskrampf. Vor den Dreharbeiten, den Erinnerungen, dem Schmerz haben sie sich gefürchtet.

Anziehungspunkt Platzspitz. Hier im Juni 1990.
Anziehungspunkt Platzspitz. Hier im Juni 1990.Bild: KEYSTONE

In der prächtigen Chesa Planta, dem Kulturzentrum, werden die Geschichten der unglücklichen Kinder von Samedan gesammelt, alte Freunde und Eltern bauen einen kleinen Altar mit den schönsten Stiefeln des Freundes, einem Totenschädel, den Figi mal gefunden hat, Fotos, Briefen. Der Freund und Figi gehören zu den Toten. In einem Polizeibericht aus den 80ern steht, dass im Kanton Graubünden eine stärkere Zunahme an verzeigten Drogenkonsumenten festzustellen ist als im schweizerischen Durchschnitt.

Aber wieso? Ganz genau lässt sich das nicht beantworten. Es war wie vielerorts: Die Jugendlichen lasen «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» als wär's die Bibel, das Kaputte spiegelte ihre Befindlichkeit besser als die heidihafte Bilderbuchlandschaft. Wer nicht supersafe in die Dorfstrukturen integriert war und in ihnen eine Zukunft sah, der fuhr in jene Stadt, die Berlin ein bisschen näher kam als der Rest der Schweiz. Nach Zürich. Wo der Platzspitz blutete. Wo die Jugend nach Freiräumen verlangte. Die Sehnsüchte waren in der Stadt und auf dem Land die gleichen. In Zürich gab es den Kampf ums Autonome Jugendzentrum AJZ, in Samedan besetzten Teenies den Dorfplatz.

Vorbild Berlin: Eine Szene aus «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» mit Natja Brunckhorst als Christiane F.
Vorbild Berlin: Eine Szene aus «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» mit Natja Brunckhorst als Christiane F.Bild: Mondadori Portfolio Editorial

Einige blieben am Letten hängen, wurden obdachlos, lebten nur noch fürs nächste Geld und den nächsten Schuss. Andere gingen einkaufen, brachten Drogen heim, immer hatte jemand ältere Geschwister, die sich auskannten, einer erzählt, wie er mit 14 zum ersten Mal gefixt hatte und wie schön das «warme, wohlige Gefühl» gewesen sei. Ein anderer sagt, dass die romantische Beziehung zu Drogen nicht nur über Christiane F., sondern auch über die Natur funktioniert habe, denn Natur plus Drogen gleich Spiritualität.

Eine Mutter und ein Vater erzählen von ihren Söhnen, die glaubten, aussteigen zu können aus der Sucht, und sich nach ein paar cleanen Monaten den goldenen Schuss setzten. Beide, als sie auf dem Weg in eine vielversprechende Zukunft waren. Der eine am Vorabend seiner Lehre, der andere auf der Fahrt nach Marokko, wo er auf einem Bauernhof leben und arbeiten wollte.

Eine Freundin aus der Nähe von Samedan, die auch oft in der Pizzeria ohne Fenster anzutreffen ist, hat den Film schon gesehen. Sie schreibt mir: «Drei Schulfreunde waren auch unter den Toten, beste Freunde, mit 14 angefangen.»

Nach «Platzspitzbaby» ist «Suot Tschêl Blau» kein spektakulärer oder gar sensationslüsterner Film. Aber das Leid, von dem er kündet, ist monumental. Und man muss Zen und seine Protagonisten schon sehr dafür bewundern, wie sie dieses Mosaik der Ausweglosigkeit, der Trauer, des Schmerzes zusammengefügt haben. Es muss in den 80ern und es muss während der Dreharbeiten unter dem blauen Himmel über Samedan himmeltraurig gewesen sein.

Auch wenn aktuell immer mehr Schweizer Kinos vorübergehend schliessen, startet «Suot Tschêl Blau» am 19. November in Basel, Zürich, Luzern, Chur und Thusis.

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24 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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kbx
19.11.2020 11:01registriert Oktober 2016
Samedan mag ein besonders krasses Beispiel sein, aber nicht das einzige. Im mittelgrossen St. Galler Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, gab es ebenfalls mehrere Jugendliche, die an der Nadel hingen. Im Dorf wurde das totgeschwiegen, von der Schule gar abgestritten. Obwohl allen klar gewesen sein muss, dass sich der Platzspitz nicht nur mit Stadtzürchern füllen konnte. Man schaute lieber weg und liess betroffene Eltern alleine. Leider typisch für die ländliche Schweiz. Ich bin sehr gespannt auf den Film!
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Knacker
19.11.2020 13:46registriert Juni 2020
Ich finde alle Drogen sollten legalisiert werden, die Herstellung und der Verkauf (nur an Erwachsene) scharf kontrolliert und mit Steuern versehen, wie beim Tabak und Alkohol.
Unter staatlicher Kontrolle könnte sichergestellt werden dass die Substanzen sauber sind und die Konsumwerkzeuge steril. Gäbe so weitaus weniger Gesundheitsprobleme wegen Drogen, wenn die Konsumenten sich nicht mehr so viel Dreck reinziehen oder spritzen wie mit den heutigen illegalen Strassendrogen.
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Domino
19.11.2020 11:11registriert Januar 2016
Habe mir vor wenigen Tagen die DW Doku über Fentanyl angeschaut: Das hebt den Opioidrausch auf ein ganz anderes Level. Schrecklich!
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25 üble Phobien – doch welche war schon wieder die mit den Clowns?

Liebe Quizzticle-Klasse

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