Kiews Trödelhändler kämpfen nach russischen Angriffen ums Überleben
Direkt auf dem von der Sonne aufgeheizten Asphalt versuchen die Händler des beliebten Flohmarkts Pochaina in Kiew mit dem weiterzuarbeiten, was nach einem erneuten russischen Angriff Ende Juli von ihrer Ware übrig geblieben ist.
Unter Vadyms Füssen knirschen Tausende Glas- und Porzellanscherben.
Er hält ein Stück eines verrosteten Fahrrads hoch. «Das ist ein Originalfahrrad von der Tour de France von 1979», sagt der 73-jährige Sammler. Wo einst sein Laden war, bleibt eine schwarze Masse aus Asche und Trümmern übrig. Er verkaufte Schallplatten und alte Audiogeräte. «Ich hatte auch vier Autogramme von Led Zeppelin, ein Autogramm von Jim Morrison.»
Das Feuer, das am 30. Juli durch einen nächtlichen russischen Raketenangriff ausgelöst wurde, zerstörte die Verkaufsstände und Warenbestände der Händler endgültig. Es war bereits der dritte Angriff seit Beginn der gross angelegten russischen Invasion in die Ukraine im Februar 2022.
Mehrere Märkte sind abgebrannt
Der Flohmarkt Pochaina, früher Petrivka, ist eine Institution in der ukrainischen Hauptstadt. Seit Anfang der 2010er-Jahre befindet er sich in einer überdachten Markthalle, in der die Händler kleine Kabinen oder Metallcontainer mieten. Auch Strassenverkäufer bieten dort ihre Waren an. Seit Ende Juli stehen alle Trödler auf der Strasse.
Auch andere Märkte in Kiew wurden seit 2022 schwer getroffen. Mindestens sechs wurden laut einer Zählung der AFP beschädigt oder zerstört.
Im Stadtteil Loukyanivka sind von den Markthallen nur noch verkohlte Gerüste übrig. Davor verkaufen einige wenige Händler weiterhin Tomaten, Käse und Fleischwaren an improvisierten Ständen.
In der Nacht auf Sonntag brannte nach einem russischen Angriff auch der grosse Büchermarkt neben dem Flohmarkt.
Zehn Tage nach dem Angriff auf Pochaina liegt noch immer der Geruch von verbranntem Metall und Plastik über den Trümmern. Trotzdem kommen Besucher, um zwischen Schallplatten, Kleidern, Geschirr und anderen Trödelwaren nach seltenen Fundstücken zu suchen.
Eine Frau geht zu dem Plastiktisch, auf dem Vadym und seine Frau, die Porzellan verkauft, die Reste ihres Warenbestands ausgelegt haben. Sie erkundigt sich nach dem Preis einer eleganten Lampe mit cremefarbenem Fransenschirm.
Mit dem Rücken zum zerstörten Gerippe des Markts sagt Vadym:
Victoria, eine 36-jährige Genealogin, besucht den Markt zum ersten Mal. Die Schäden und ihre Folgen für die Händler berühren sie.
«Unter solchen Umständen versucht jeder Mensch einfach zu überleben, und auch jedes Unternehmen versucht zu überleben», sagt sie. Auch ihre eigenen Einnahmen seien mit der Dauer des Konflikts gesunken.
«Pfützen aus geschmolzenem Glas»
Die 63-jährige Svitlana, die Taschen und Vintage-Geschirr verkauft, sagt:
Bereits bei einem früheren Angriff hatte sie die Hälfte ihres Warenbestands verloren. Nach dem Brand vom 30. Juli blieben ihr nur noch «Pfützen aus geschmolzenem Glas».
Den Plastiktisch, auf dem sie die wenigen Waren aus ihrem Haus verkauft, und den Sonnenschirm, der sie vor der unerbittlichen Sonne schützt, konnte sie dank Spenden kaufen.
Sie sagt, sie habe Anträge auf Entschädigung durch Russland eingereicht – eine bürokratische Formalität.
Bis dahin kommen Stammkunden zu ihr und sind entschlossen, etwas zu kaufen. Doch das reicht nicht aus, um ihr Geschäft wieder aufzubauen. Sie sagt:
Die Händler, mit denen die AFP gesprochen hat, haben wenig Hoffnung, dass der Markt noch vor dem Ende des Konflikts wieder aufgebaut wird.
Russland greift die Ukraine weiterhin täglich an. Armut und Lebenshaltungskosten sind dort laut der Weltbank gestiegen, während die diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Krieges festgefahren sind.
Im Schatten sitzend überwacht Oleksandr seine Ware, die auf Brettern über dem Asphalt ausgebreitet ist: Gemälde, elektronische Bauteile, Spielzeug und alte Telefone.
Er sehe «zehnmal weniger» Menschen als früher, sagt er. «Jetzt hat das Essen Vorrang.»
