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Die Wunderwelt der Schweizerin – seit 1938 im einzig wahren Frauenheftli

Lasst euch mitnehmen. Auf eine kleine Lektürereise durch ein Stück Schweizer Medien- und Frauengeschichte. Willkommen in der «Annabelle»! Und in der Zeit unserer Grossmütter und Urgrossmütter.



Unwiderstehliche Cover-Beauty 1938

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Der Anlass für diesen Artikel ist eine persönliche Regung. Oder Aufregung. Weil ich hörte, dass die Redaktion des Schweizer Frauenmagazins «Annabelle» vom Verlagshaus Tamedia bis im Sommer halbiert wird. Was traurig ist. Denn wie lange kann sich ein halbiertes Medium noch halten? Ein Ende der «Annabelle» wäre allzu schade. Schliesslich lebt sie von allen deutschsprachigen Frauenzeitschriften schon am längsten. Wie grossartig – und gelegentlich kurios – ihre Geschichte ist, soll hier anhand von fünf Jahren illustriert werden.

Viel Spass!

1938

Es ist März. Die neue Freundin aller Swiss Misses wird aus der Taufe gehoben. Ihr Name: «Annabelle». Une belle amie. Aber nicht allzu schön. Eher so normal schön. Erträglich schön. Keine Rose, bloss eine Nelke, wie es im ersten Editorial des Zürcher Frauenmagazins heisst: «Als unser Symbol haben wir die Nelke gewählt, treueste und unwandelbarste aller Blumen ... bescheiden und doch stolz, voll feinen Duftes und doch unaufdringlich, beständig, keinen Launen unterworfen.» Eine Blume wie die Schweiz.

Das erste Cover, März 1938

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Die Verleger der 1933 gegründeten «Weltwoche» haben sie lanciert, sie soll ihr zweites mediales Standbein sein. Im deutschsprachigen Raum ist sie die erste ihrer Art. Ein Magazin, das alle journalistischen Genres bedient, ein fortschrittliches Frauenbild fördert und international denkt. In allem – Promis, Lifestyle, Literatur, Kino, Musik – ist Amerika das grösste und erste Vorbild für die kleine Nelke. Nur in der Mode bietet ihm Paris die Stirn. Die erste Nummer porträtiert die amerikanische First Lady Eleanor Roosevelt.

Die Liebenswürdigkeit der First Lady «macht auch vor Negern nicht halt, denn auch sie sind Menschen und was nicht ganz unwichtig ist – Wähler».

O-Ton 1938

Tourismuswerbung 1938

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Sparsame junge Menschen erfahren, wie sie mit einer Laubsäge und Lack alte Möbel auffrischen können. Schliesslich ist es unumgänglich dem Schnörkelshit der Eltern modernen Chic zu verleihen: «Ein Quastensofa und ein Waschtisch in Jugendstil – Brr!»

Ein regelmässiges Thema ist das Singledasein nach dem Motto «Leb allein und sei glücklich». Sehr zufrieden ist etwa eine Lehrerin, 50, die «zuweilen Pumphosen» trägt, «mutig, gescheit und humorvoll» mit ihren Freundinnen rauchend im Salon sitzt und «energisch Reformarbeit» betreibt.

Juni 1938

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

«Es ist so wichtig, dass der Blumenschmuck auf unserem Esstisch flach ist!»

Einrichtungstipp 1938

Der Juli bringt Tipps und Tricks für den Insta-Account avant la lettre! «Ferienfotos so oder so» heisst der Beitrag mit «ein paar einfachen Ratschlägen für den glücklichen Besitzer einer Kamera», damit es nachher nicht heisst: «Hier ist der Karls vor dem Jungfraumassiv, die Berge sieht man zwar nicht und er hat auch nicht still gehalten, aber du kannst dir nicht vorstellen, wie schön es war!» Ebenfalls: Turnübungen, die Väter mit ihrem Baby zusammen machen können.

Juli 1938

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

1943

Es ist Krieg. Als Januar-Editorial ein Feature über den «Kindertransport» von Frankreich in die Schweiz. Ein Bub aus Dünkirchen wird gezeigt. «Besteht der Sinn des Lebens wirklich in diesem grausamen Kämpfen, in diesem bitteren Hass, dem zweimal in einem Vierteljahrhundert die Jugend Europas geopfert wurde?», fragt das Editorial.

Auf Seite 10 ganzseitig ein Gedicht der im November 1942 verstorbenen, drogensüchtigen Dichterin Annemarie Schwarzenbach. Ein Zeugnis ihrer heftigen Todessehsucht.

«Jetzt vernehm' ich sie wieder, die Stille
und es ist, als erhebe ein Engel
schweigend die Hand. Woran, Engel,
habe ich dich früher erkannt?»

Aus dem Gedicht von Annemarie Schwarzenbach

Auf den Seiten 14 und 15 ein Porträt der international beliebten Bestsellerautorin Vicki Baum. Sie ist Wienerin. Und Jüdin. Unter den Nazis emigrierte sie in die USA. Beides, Jüdin und Nazis, kommt im Text nicht vor. Bloss, dass sie auswanderte.

Januar 1943

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Es folgt die Frage: Wie koche ich fein ohne die im Krieg unvermeidlichen Lebensmittelcoupons? Was tun, wenn unversehens Gäste kommen? Als Fleisch kommt da fast nur Kaninchen in Frage. Kaninchen können sich alle im Garten in einem Käfig halten.

Wer keine Kaninchen zur Hand hat, serviert seinen Gästen einfach eine feine, mit Kartoffeln und Erbsli gefüllte Zwiebel.

Der Februar gehört der «Sondernummer Männer». Die «Annabelle» besucht C.G. Jung in seinem Professoren-Office an der ETH und hebt an mit: «Es war im letzten Weltkrieg. Damals wie heute, häuften sich die Schwierigkeiten des äusseren und des inneren Lebens. Mit Schrecken sah man sich auf sich selbst zurückgeworfen, als einzigem Halt. Und da war schmerzlich zu erleben, dass man nicht wusste, wer man war.»

Zahnpasta-Werbung des Schweizer Stargrafikers Herbert Leupin

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Der vortreffliche Herr Jung, der damals ganz offen mit den Nazis sympathisierte, weiss Abhilfe. Einzig von ihm ist die Rede. Dabei hätte es nahe gelegen, mit ihm etwa über seine prominenteste, im Vorjahr von den Nazis erschossene Patientin, die Psychoanalytikerin Sabina Spielrein zu reden.

Aber es geht jetzt um den Mann. Ein Heft lang. Es ist vertrackt. Wie zum Beispiel kriegt die holde Leserin ihren Boyfriend dazu, einen Psychotest zu machen, der ihr verrät, ob es sich bei ihm um geeignetes Gattenmaterial handelt? Und wie sieht die «Ehe eines berühmten Mannes» aus?

Etwa die des Archäologen Heinrich Schliemann, der mit 47 eine 16-Jährige Griechin heiratete, weil er mit seinem Antiken-Fimmel nun mal einfach eine Griechin haben musste. und sie auf seine Ausgrabungsstätten mitschleppte. Anstrengend! Aber auch total aufregend! Trotzdem rät das Magazin seiner normalen helvetischen Durchschnittsleserin, die gemütliche Schlichtheit des eigenen Ehelebens dem der Schliemanns vorzuziehen.

Mode für die elegante Schweizerin

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Das Generalthema «Helfen» zieht sich durch das Jahr 1943. Immer wieder werden Frauen wie «Schwester Lisa, die Mutter einer Gemeinde», porträtiert, «eine jener stillen, jungen Frauen, die ihr ganzes Leben den Nächsten widmen und die dies ohne Aufhebens, ohne jede falsche Sentimentalität tun.» Im November erscheint das Sonderheft «Helfen». Denn Helfen dem Man» das Wichtigste für die Frau der Kriegsjahre. «Schutzengel» in Gestalt von Mittagstisch-Erfinderinnen und Lazarettschwestern werden gefeiert.

Als Zimmerpflanze streckt der Philodendron zum ersten Mal seine wurmigen Luftwurzeln in Schweizer Wohnzimmern aus.

Welcher Disney-Film war damals ein Welthit und ab März 1944 auch in der Schweiz im Kino? Na?

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

1956

Der Krieg liegt lang zurück, Deutschland taumelt durchs Wirtschaftsglück, und auch die Schweizer Frau muss nicht mehr ans Sparen und Helfen denken, sondern darf sich zunehmend der Selbstverwirklichung widmen. «Jung und schön mit Petersilie und Zitrone» darf sie sein. Sie studiert Medizin oder ist stellvertretende Direktorin einer grossen Lebensversicherungs-Gesellschaft. Hollywoodstars und Prinzessinnen werden eh seit je gefeiert.

Der neue hippe Wintersport für die Dame? Curling!

Paris! Mode! Im März 1956

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Aufmüpfige Leserinnen beklagen sich, dass sie bessere Fortsetzungsromane lesen wollen, keinen süsslichen Kitsch, sondern Literatur. Überhaupt: Leserinnenbriefe, die User-Inputs von einst, bestimmen grossräumig den Inhalt. Sie sind – sollten sie nicht erfunden sein – ausnehmend kühn.

Im Januar beklagt sich eine «Trudi» über ihre Hochzeitsnacht: «Ich muss Ihnen gestehen, dass ich von der soviel gerühmten Hochzeitsnacht furchtbar enttäuscht war.»

Leserinnenbrief anno 1956

Zudem habe Trudis Mann gesagt, mit ihr hätte er ja ganz schön «die Katze im Sack» gekauft.

Teenie Liliane schreibt forsch zum gleichen Thema (die «Annabelle» verteidigte Ende 1955 in einem offenbar etwas ältlichen Artikel die Enthaltsamkeit vor der Ehe): «Annabelle, meine Liebe, nun ist's aber genug, hör auf mit deiner Funktion als Keuschheitsverwalterin! Wenn das wirklich das höchste Geschenk ist, das ein Mädchen seinem Gatten reservieren soll und kann, dann würde ich als Mann auf eine Heirat verzichten, denn dann hört ja das Höchste nach der Hochzeitsnacht auf.» Tja, da hat Liliane schlicht recht.

Sanduhr-Figur, Sand und ein typisches Strand-Bouquet

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Kolumnistin «Claudine» – ein Pseudonym der Chefredaktorin Mabel Zuppiger, die seit 1938 im Amt ist – berichtet in der Aprilnummer von gesellschaftskritischer Post: Die «Annabelle», so schreibt eine Leserin, würde mit ihrer (teuer zu kaufenden) Illusion vom schönen Leben alle Frauen, die nicht der Oberschicht angehörten, direkt «in die Arme der roten Diktatur» treiben!

Kommunismus als Fluchtpunkt der Neidgesellschaft! Interessante These.

Claudine sieht das ganz anders: Die «Annabelle» zu lesen sei ein «Ausflug in eine andere Welt», einem Roman gleich, insgesamt reiner Hedonismus, Alltags- und Realitätsflucht, etwas Wellness für die Seele. Die Pariser Mode, all die Kosmetik, der Schmuck soll einen Kaufimpuls erwecken? Ach wo!

Mmmmhhh, was man mit Mayonnaise alles verfeinern kann!

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Hier ein leckeres Rezept en detail

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Ob Claudine weiss, dass die «rote Diktatur» bereits im Hause «Annabelle» selbst ist? Immer wieder fällt nämlich eine besonders sozialkritische und engagierte Autorin auf: Eva Maria Borer, 50, eine jüdische Kommunistin aus Berlin, seit 1936 in der Schweiz, verheiratet mit einem 12 Jahre jüngeren Künstler. Ihre Urgrossmutter war die sozialistische Schriftstellerin Hedwig Dohm. Eine ihrer Tanten heisst Katja Mann, Gattin des grossen Thomas. In Zürich betreut sie eine Weile als Redaktionssekretärin eine von Thomas Mann herausgegeben Literaturzeitschrift.

Und dann ist da noch die Frage aller Fragen: Welches Haustier ist besser? Katze oder Hund?

1968

1966 war Eva Maria Borer für wenige Monate Chefredaktorin der «Annabelle». Abgelöst wurde sie von Hans Gmür, der vor allem als Autor für Cabarets, Hörspiele und Komödien bekannt ist. Er ist auch 1968 für den gmögigen Human Touch zuständig. Im Juli, also im Hochsommer des Jahrs studentischer und sexueller Revolten, kümmert er sich um eine ganz besondere Miss-Wahl: «Die ideale junge Schweizer Frau des Jahres 1968». Sie heisst Annemarie Käslin aus Beckenried und wird sich im August um den Titel einer «Donna d'ideale d'Europa» bewerben. Sie ist angehende Wirtin, hat vier Kinder und besticht durch «Schlagfertigkeit, Mutterwitz und muntere Allgemeinbildung».

Annemarie Käslin, die ideale Schweizerin, mit Hans Gmür

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Im Juni fährt Gmür auf Kreuzfahrt und kommt mit folgenden Erkenntnissen zurück:

«Auf Kreuzfahrten ist das schöne Geschlecht meist viel stärker vertreten als das starke. Was für das schöne Geschlecht weniger schön ist als für das weniger schöne.»

Hans Gmür über die Verteilung von Damen und Herren auf Kreuzfahrten.

Der Rest des Hefts drängt seine Leserinnen vorwärts. Die Mode ist befreit und knallbunt. Kunstfasern mit Namen wie Terylen, Tri-Acetat, Crimplene oder Dralon sind angesagt. Und die neuen Alben von Mireille Mathieu und Nancy Sinatra. Eine Serie über Staatskunde sorgt für politische Bildung und schreckt auch vor lustigen Kommentaren nicht zurück: «Die Artikel über die Gesetzgebung der Atomenergie», steht im Beitrag zur Bundesverfassung, «sind nicht im Jahr des Heils 1874 entstanden, das ist allen klar.»

Die Sonnenbrille!

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Eva Maria Borer kümmert sich um den Vietnamkrieg und die Studentenbewegung. Fragt sich, was die jungen Menschen bewegt. Die «traditionellen, europäischen Universitäten sind ungenügend», schreibt sie, «veraltet und zu klein.» Sie gehorchten den gleichen Grundsätzen, hätten den gleichen hierarchischen Aufbau wie im 17. und 18. Jahrhundert. «Mit Ausnahme der Klöster dürfte es keine Institution geben, die das von sich behaupten kann.»

Klare Worte. Und sie wird noch deutlicher: «Die Welt von morgen, das 21. Jahrhundert, unterscheidet sich von der Welt von gestern und heute. Für ihre Aufgabe vorbereitet werden sie (die Studierenden) zum grossen Teil von Männern von gestern nach den Methoden von vorgestern.»

Das Stoffmuster! Der Schmuck!

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Dafür ist die deutsche Filmregisseurin May Spills alles andere als von vorgestern. Sie hat den Riesenhit «Zur Sache, Schätzchen» mit der blutjungen Uschi Glas gedreht. Einen Studenten-Gangster-Bohème-Sommerfilm. Vieles spielt in der Badi. Spills dreht viel in der Badi. Im Bikini.

Spills ist Inbegriff einer befreiten 68er-Frau. «Ein schönes grosses Mädchen mit eine Figur wie ein Mannequin», eine «kühle Nymphe bei heissen Aufnahmen».

May Spills im Arbeitsoutfit

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Zudem ist sie mit ihrem schönen Hauptdarsteller Werner Enke liiert. Verleiher und Produzenten bieten ihnen «Millionen-Projekte an. Die beiden sind nicht interessiert.» Was für ein cooles, faules Glamour-Paar.

Der Gourmet-Trend des Jahres heisst übrigens «Dipping» – «in unserer Mundart ‹tünkle›». Also Dinge in Saucen tunken. Der Globus bietet Dip-Partys an.

All dies kann man «tünkle»

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

1971

Schauen wir uns einmal die Wochen und Monate vor und nach der Annahme des Frauenstimmrechts am 7. Februar an. Die Nummer vom 27. Januar ist integral dem grossen Thema gewidmet. Die Fragen wie frau sich am besten für die «Barrikade» und – nach einem Wahlsieg – für die erste Nationalratswahl kleiden solle, werden mit viel Engagement, Farbe und Streetcredibility umgesetzt.

Protest-Plakate kleben in Orange, der Seventies-Farbe schlechthin

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Dass das Frauenstimmrecht «längst kein Thema mehr sein dürfte», ist klar, die Position der Frau als «Bürger zweiter Klasse», der zwar Steuern bezahlen muss, aber kein Mitspracherecht hat, sei ungeheuerlich.

Von den 101 stimmberechtigten Männern des solothurnischen Dorfes Gempen haben sich schon 83 vorab zu einem Ja fürs Frauenstimmrecht bekannt. Die «Annabelle» interviewt alle 101. Ihre Statements sind köstlich. Hier ein paar Beispiele:

Nach dem Sturm der Stürmerei – Stille. Courant normal. Die Nummer nach der Abstimmung widmet sich dem Spitzenthema «Braut». Eine Märznummer immerhin dem Auto. Und belehrt: «Autos sind keine Männer».

Den Overall sah man in den Seventies überall

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Lustig ist Ende März die Pulli-Geschichte im Listicle-Stil: «Zä Pulli, wo s Zäni sind», nämlich Pullis mit «Pop-Gags» – ein besseres Fremdwort für «Aufnäher». Der April bringt Neues über Cellulite, Shoppen und Ideen mit Vorhangstoffen. Über die historische Abstimmung wird kein Wort verloren. Das Thema ist jetzt endlich kein Thema mehr.

Na ja, echt? Aber sie haben was versucht

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Bild: annabelle via Zeitschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich

Beschliessen wir unser Rundgang durch fünf Jahre (und fast fünf Jahrzehnte) Schweizer Medien- und Frauengeschichte mit einem Kuriosum aus der letzten Aprilnummer 1971, Titel: «Yin und Yang. Die makrobiotische Welle erreicht die Schweiz». Die «Annabelle» zu Gast bei Freaks. Denn am Seilergraben in Zürich ist das «Zentrum des makrobiotischen Lebens». Und wer ist dort zu Besuch? Natürlich Eva Maria Borer!

In einem Zimmer, das sie an das «Morgenland» gemahnt, trinkt sie «fremdartigen Tee» mit Menschen, die zwar aussehen wie Hippies, aber selbst Eva Maria findet, das Wort sei «ausgelaugt» und nichtssagend geworden. Die jungen Menschen hingegen! Fünfzehn sind es, sie leben im Tessin und führen abwechselnd in Zürich den Laden namens «Mr. Natural». Sie verwirren Eva Maria mit ihrer mikrodetaillierten Ernährungslehre total. Tapfer hält sie mit. Schliesslich soll John Lennon makriobiotisch leben.

Crazy Switzerland!

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P.S. Wenige Seiten später: Ein Hausbesuch bei Ingeborg Bachmann in Rom, sie erzählt über ihre Hassliebe zu Österreich, über die Notwendigkeit, in Rom zu leben, um über Wien zu schreiben. Zwei Jahre später wird sie in Rom sterben.

«Es gibt keine Jahreszeit, die so wunschlos macht wie der Sommer», schrieb die «Annabelle» in ihrem ersten Jahr, «alles ist freundlich und still und ohne Komplikationen. Man könnte sich vorstellen, sein Leben in süssem Nichtstun zu verbringen, unbesorgt um Zukunft und Alter.» Möge sich der kommende Sommer für viele so anfühlen. Für die Redaktion der «Annabelle» wird er schwer. Und das ist angesichts der langen, bunten, engagierten Geschichte des Magazins, das den Status einer bescheidenen Nelke längst hinter sich gelassen hat, doch recht herzzerreissend.

Den Kolleginnen und Kollegen der «Annabelle» gewidmet.

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