Das hat es mit dem Phänomen «Stan Culture» auf sich
Fans sind ein wichtiger Grund dafür, dass Stars so gross werden. Ihre gemeinsame Begeisterung und der Austausch untereinander verbinden sie und sorgen beispielsweise an Konzerten für eine besondere Atmosphäre.
Viele Fans scheuen weder Kosten noch Mühen, um ihrem Idol ein Stück näherzukommen. Sie campieren vor Konzerten – wie etwa die sogenannten Belieber oder Swifties – oder kaufen Abfälle von ihren Helden, wie im Fall von Taylor Swifts Hochzeit. Bei manchen nimmt die Fanliebe jedoch extreme Ausmasse an: Sie kann dazu führen, dass Fans ihren Ikonen oder sich selbst schaden. Bei einem Fan einer K-Pop-Band endete die Obsession sogar im Selbstmord.
Doch warum gehen manche Menschen für ihre Stars so weit? Dahinter steckt ein Phänomen, das längst einen eigenen Namen hat: «Stan Culture».
Was ist «Stan Culture»?
Das Phänomen beschreibt Fans, die sich auch wegen der sozialen Medien und Online-Plattformen ihren Idolen eng verbunden fühlen und besonders viel Zeit in diese vermeintliche Beziehung investieren. Sie befinden sich irgendwo zwischen Bewunderung und Besessenheit. Das Wort «Stan» kommt von Rapper Eminem, der Anfang der 2000er die Wortverschmelzung von «Stalker» und «Fan», also «Stan», erfunden hat. Im gleichnamigen Song rappt er über einen besessenen Fan, der sein Auto von einer Brücke steuert, weil Eminem seine Briefe nicht beantwortet.
Die sogenannten «Stans», also Stalker-Fans, gehen mit ihrer Fanliebe oftmals zu weit, indem sie öffentlich das Privatleben der Promis auf Social Media ausbreiten, sich ihnen oder deren Liebsten penetrant nähern, sich einmischen, den Künstler sexualisieren oder im schlimmsten Fall sogar Hassnachrichten oder Todesdrohungen versenden.
Dass dieses Phänomen nicht gesund ist, dürfte vielen klar sein. Die Wissenschaft führt es auf sogenannte «parasoziale Interaktionen» oder «parasoziale Beziehungen» zurück. Genauer bedeutet das, dass die Kommunikation zwischen Fan und Star einseitig ist, schreibt SRF. Das Idol bekommt es meist gar nicht mit, wie sehr es beim Fan in dessen Leben Platz einnimmt. Erstmals bekannt wurde das Phänomen in den 1950er-Jahren. Soziologen erkannten damals, dass Personen mit Nachrichtensprechern zu sprechen begannen. Parasoziale Beziehungen können aber auch mit fiktionalen Figuren wie Harry Potter oder Naruto entstehen. Entscheidend ist, dass die «Beziehung» einseitig bleibt.
Stars müssen einschreiten
In extremen Fällen müssen die Stars sogar einschreiten und an ihre Fans appellieren. Oder sie ziehen sich zurück, wie Rapperin Cupcakke es getan hat. 2017 deaktivierte sie ihren Twitter-Account, weil sie sich mit der Fanmeute der K-Pop-Boyband BTS angelegt hatte. Auch Selena Gomez musste ihre Fans zurückpfeifen, um Hailey Bieber zu schützen, nachdem diese von Fans von Justin Bieber und Selena Gomez Todesdrohungen erhalten hatte. Einige haben es selbst nach über einem Jahrzehnt noch nicht verkraftet, dass Bieber nicht mehr mit Gomez liiert ist.
Streit innerhalb Fangruppen
Auch Fans unter sich können sich schon einmal bekriegen. Solche extremen Splittergruppen gibt es beispielsweise bei Superstar Taylor Swift.
Die sogenannten Gaylors und Anti-Gaylors liefern sich erbitterte Auseinandersetzungen darüber, ob Taylor Swift tatsächlich queer ist und in ihren Songs immer wieder Hinweise darauf versteckt. Die Fehde geht teilweise so weit, dass sich Fans gegenseitig belästigen und online mobben – etwa indem sie die Adressen anderer veröffentlichen oder deren Social-Media-Accounts so oft melden, bis diese gesperrt werden, schreibt Radio FM4.
Superfan begeht Suizid
Dass Fanliebe zu weit gehen kann, zeigt auch ein Fall aus Südkorea. Am 5. August dieses Jahres ging bei der Polizei in Seoul ein Notruf wegen einer japanischen Frau ein. Kurz darauf stellte sich heraus: Die Frau war tot.
Bei der 26-Jährigen handelte es sich um Mina, Betreiberin einer ENHYPEN-Fanseite und Superfan des Boyband-Mitglieds Ni-ki. ENHYPEN ist eine der bekanntesten K-Pop-Bands. Mina besuchte regelmässig Konzerte und Fan-Treffen und war der Fangemeinde bestens bekannt, schreibt Vietnam.vn.
Das Ganze eskalierte nach einem Auftritt von ENHYPEN. Laut mehrerer Videos und Berichte in der sozialen Medien hatte Mina Blumen für die anderen Mitglieder mitgebracht. ENHYPEN-Mitglied Sunoo nahm jedoch zuerst den Strauss, der für Ni-ki, Minas Lieblingsmitglied, bestimmt war. Laut den Fans habe Mina Sunoo lautstark aufgefordert, den Strauss Ni-ki zu geben. Minas Verhalten kam bei einigen Sunoo-Fans gar nicht gut an.
Später veröffentlichte Mina eine Entschuldigung, in der sie erklärte, ihr Auftreten sei in dieser Situation nicht ganz angemessen gewesen. Die Fans hörten jedoch nicht auf und bombardierten die junge Frau weiterhin mit Hassnachrichten.
Einige Tage später äusserte sich Ni-ki in einem Livestream zu jenen, die bei Veranstaltungen absichtlich übermässige Aufmerksamkeit suchen. Der Sänger meinte, er sei enttäuscht, dass «manche Fans scheinbar nur darauf aus sind, Aufmerksamkeit zu erregen, anstatt die Show zu geniessen». Obwohl Ni-ki keine Namen nannte, schlussfolgerten viele Fans, dass damit nur Mina gemeint werden könne.
Mina glaubte anschliessend, dass Ni-Ki über sie spreche, was ihren schon labilen mentalen Zustand aufgrund der Hassnachrichten zunehmend verschlechterte. Mina streamte am Abend des Vorfalls live auf TikTok. Während der Übertragung wirkte sie verzweifelt, brach immer wieder in Tränen aus und berichtete, dass sie nach tagelangen Online-Angriffen unter enormem Druck stehe. Nach dem Livestream alarmierten besorgte Fans die Polizei. Als diese am Tatort eintraf, konnte Mina nur noch tot geborgen werden.
Nach Minas Suizid und den Vorwürfen gegen Ni-ki, er trage eine Mitschuld an ihrem Tod, äusserte sich der Musiker auf Instagram. Er betonte, nicht für Minas Suizid verantwortlich zu sein, und machte stattdessen das Cybermobbing durch Fans mitverantwortlich. Seine frühere Aussage sei zudem nicht speziell auf Mina bezogen gewesen.
Der Fall zeigt, wie schnell Fanliebe in eine gefährliche Richtung kippen kann.
– Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
– Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
– Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
