Zürcher Stadt ehrte Aviatik-Pionier, der mit den Nazis flirtete – und gerät unter Zugzwang
Das Wohngebiet Glattpark im Zürcherischen Opfikon wurde auf der grünen Wiese gebaut. Zwischen 2001 und 2020 entstand hier, unweit des Flughafens Zürich ein neues Quartier. Es bietet Raum für rund 7000 Einwohnerinnen und Einwohner sowie etwa gleich viele Arbeitsplätze.
Aufgrund der Nähe des Flughafens kam bei der Strassen- und Platzbenennung die Aviatik zum Zug. Der Boulevard, der durch das Quartier führt, ist nach dem deutschen Luftfahrtpionier Otto Lilienthal benannt. Die Chavez-Allee ist dem ersten aviatischen Bezwinger der Alpen gewidmet, dem französisch-peruanischen Jorge Chávez. Es gibt eine Wright-Strasse, benannt nach den US-Gebrüdern Wright, die das erste gesteuerte, motorisierte Flugzeug bauten, und auch eine Amelia-Earhart-Strasse, benannt nach der verschollenen Aviatik-Pionierin aus den USA.
Und dann wäre da noch Charles Lindbergh. Dem US-Amerikaner (1902–1974) gelang 1927 der erste Nonstop-Soloflug über den Atlantik. Für diese Leistung erhielt er im Glattpark nicht nur eine Allee, die seinen Namen trägt, sondern auch einen Platz. Dieser ist ein zentraler Drehpunkt in Opfikon, viele bekannte Grosskonzerne haben in der Nähe Büroräumlichkeiten, und auch Hotels sind in der Nähe ansässig.
Der Orden von Göring
Doch die aviatische Pionierleistung ist nur die eine Seite von Lindberghs Medaille. Diese mag golden glänzen. Doch die andere Seite schimmert braun: Lindbergh war bekanntermassen ein starker Sympathisant des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland.
Dies stört den SP-Gemeinderat Yuri Fierz: «Ich finde diese unreflektierte Ehrung fragwürdig, schliesslich war auch schon bei der Namensnennung Lindberghs dunkle Geschichte bekannt.» Tatsächlich ist historisch belegt, dass Lindbergh die NS-Regierung mehrmals besuchte. 1938 wurde ihm sogar das Nazi-Verdienstkreuz «Deutscher Adler» von Hermann Göring verliehen, dem NS-Oberbefehlshaber der Luftwaffe. Er war Hitlers Nummer 2 und direkt verantwortlich für den Holocaust. Göring befahl 1941 die Vorbereitungen zur «Endlösung der Judenfrage».
Lindbergh war der prominenteste Vertreter der damaligen «America-First»-Bewegung und hielt in dem Zusammenhang mehrere Reden, in denen er offen antisemitische Positionen bezog.
Stadtregierung muss Stellung nehmen
Fierz hat deshalb kürzlich eine Motion bei der Stadtregierung eingereicht, die von neun Gemeinderäten der SP, Grünen und Grünliberalen mitunterzeichnet ist – dies entspricht jedem vierten Stadtparlamentarier. Darin wird von der Opfiker Regierung eine dezidierte Stellungnahme zu den antisemitischen Ansichten Lindberghs verlangt. Diese Stellungnahme soll auch auf der Website der Stadt veröffentlicht werden.
Derzeit hält Opfikon offiziell nur fest, dass es um «die flugtechnischen Verdienste» der genannten Frauen und Männer geht, nicht um deren «persönliche oder politische Ansichten». Ergänzt wird dies durch den Hinweis, wonach gewisse Ansichten einzelner Personen, nach denen Strassen und Plätze im Glattpark benannt sind, kritisch begutachtet werden können. «Das reicht im Fall Lindbergh nicht», sagt Fierz.
Zudem verlangen die Politiker in der Motion, dass eine Informationstafel oder ein QR-Code an der Beschriftung des Lindbergh-Platzes und der -Allee angebracht werden, die auf die problematischen Kapitel im Lebenslauf des Amerikaners hinweisen.
Fierz weist die Stadtregierung auf die Möglichkeit hin, bei allen Namenstafeln im Glattpark einen QR-Code anzubringen, um einen Informationspfad für Interessierte zu erstellen. «Damit könnten die Errungenschaften und Leistung im Allgemeinen und nicht nur die negativen Aspekte im Wirken dieser Pioniere dargestellt werden.»
Die Stadt Neuenburg macht es vor
Wie das aussehen könnte, zeigt Neuenburg. Im Nachgang zur «Black Lives Matter»-Debatte vor einigen Jahren entschloss sich die dortige Regierung 2022, die 1855 errichtete Statue des Neuenburger Bankiers David de Pury (1709–1786) durch eine Informationstafel zu ergänzen. Denn de Purys Vermögen, das er nach seinem Tod zu einem grossen Teil der Stadt vermachte, fusste unter anderem auf dem Sklavenhandel.
Auch die Stadt Zürich hat auf die Rassismus-Debatte reagiert. Ende 2025 deckte sie zwei Hausinschriften im Niederdorf reversibel ab. Auf einer stand «Mohrekopf», auf der anderen «Zum Mohrentanz». Die historische Gebäudesubstanz blieb dabei erhalten. An beiden Standorten erklären QR-Code-Tafeln die Hintergründe der Massnahme. Und derzeit entsteht in Bern auf Antrag des Bundesrats ein Erinnerungsort für die Opfer des Holocaust und des Nationalsozialismus mit Bezug zur Schweiz.
Hirslanden begrüsst Transparenz
Am Lindbergh-Platz in Opfikon steigen täglich zahlreiche Pendlerinnen und Pendler aus Tram und Bus ein und aus. Viele von ihnen arbeiten bei bekannten Grosskonzernen in der Nähe, von denen viele in Opfikon Steuern zahlen. Auch internationale Geschäftskunden passieren den Platz. Wie gehen diese Firmen, die sich oftmals Themen wie Diversität und Inklusion auf die Fahne schreiben, mit der Thematik und den Forderungen der Motion um? Oder würden sie gar eine Namensänderung begrüssen?
Am klarsten Stellung bezieht die südafrikanisch-schweizerische Spitalgruppe Hirslanden. Deren Sprecher Claude Kaufmann sagt, dass es historisch belegt sei, dass Lindbergh neben seinen Pionierleistungen in der Luftfahrt auch eine sehr problematische Seite hatte. «Wir halten es grundsätzlich für sinnvoll, wenn der öffentliche Raum solche Zusammenhänge sichtbar macht, etwa mit einer Informationstafel.»
Der französische Hotelriese Accor, der gleich am Lindbergh-Platz ein Novotel betreibt, in dem auch viele Airline-Crews und Touristengruppen verkehren, begrüsst laut Sprecherin Elisabeth Leeb grundsätzlich «einen offenen Diskurs, der die aktuelle Faktenlage sowie die Meinung der Bürger und Anwohner inkludiert.» Eine Erörterung des Sachverhaltes und mögliche Lösungsansätze überlasse man den zuständigen Behörden und politischen Gremien.
Lufthansa, Takeda und Coca-Cola bleiben stumm
Die Lufthansa, die Mitarbeitende in einer Tochterfirma vor Ort hat, will sich derweil nicht zum Thema äussern, da es sich «um eine kommunalpolitische Diskussion» handle. Auch der japanische Pharmakonzern Takeda, der im Glattpark seinen Europasitz hat, will nicht darauf eingehen, genauso wenig wie die Immobilienfirma Allreal.
Komplett stumm rund um den Platz bleiben die Hotelkette Radisson, der Toblerone-Hersteller Mondelez sowie der Getränkemulti Coca-Cola. Sowohl die hiesige Länderorganisation Coca-Cola Schweiz als auch die Abfüllpartnerin Coca-Cola HBC zogen erst 2023 in den Glattpark. Auf den Plakattafeln am Lindbergh-Platz sind seither nur Cola-Werbungen zu sehen.
Auf seiner Website schreibt der US-Konzern, man setze sich seit Jahren für eine diskriminierungsfreie Welt ein. Zudem sei man langjähriger Partner der Swiss Diversity Awards und des Pride-Festivals in Zürich. Doch zu Lindbergh und seiner Nähe zum NS-Regime äussert sich Coca-Cola nicht. (schweizheute.ch)
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