Beide rüsten auf: Wo Österreich gegenüber der Schweiz die Nase vorne hat
Es war bisher eine der sichersten Gewissheiten der Schweiz in ihrem Verhältnis zu Österreich: Die Schweiz hat die bessere Armee.
Doch von diesem Selbstverständnis muss sich das Land, zumindest bei der Luftabwehr, vorläufig verabschieden. Das zeigte sich schon daran, wie überschwänglich Oliver Hoffmann, Leiter Pressearbeit von Rheinmetall, die österreichische Delegation am Montagnachmittag bei Rheinmetall Air Defence in Zürich-Oerlikon willkommen hiess. Es sei eine grosse Freude, dass Verteidigungsministerin Klaudia Tanner hier weile, betonte er. Und fügte hinzu: «Wir sind Österreich ausserordentlich dankbar.»
Tanner traf in Bern und Zürich den Schweizer Verteidigungsminister Martin Pfister. Sie sahen sich bei Rheinmetall Air Defence die Produktionshallen an – mit der Entwicklungsabteilung, der Waffenmontage und der mechanischen Werkstatt.
Doch weshalb ist Rheinmetall Österreich dermassen dankbar? Weil das neutrale Land 2022 zum Pionier Europas wurde und 36 Skyranger-Luftabwehrsysteme kleiner Distanz bestellte, für einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag. Dieses mobile Flugabwehrsystem ist seit dem Ukraine-Krieg in aller Munde – vor allem wegen seiner Abwehrfähigkeiten gegen Drohnen. Es besteht aus einem Turm mit Revolverkanone und kann auch Hubschrauber, Marschflugkörper und tief fliegende Flugzeuge bekämpfen. Radar, Sensoren und programmierbare Munition sind Teil des Pakets. Schon 2026 erhält Österreich erste Systeme.
Auch die Schweiz will Skyranger, wenn auch nicht als mobile, sondern als stationäre Feuereinheiten. Dieses System nennt sich Skynex, hat aber dieselben Fähigkeiten wie Skyranger. Es ist vor allem zum Schutz kritischer Infrastruktur bestimmt. Das Fahrzeug ist im Unterschied zu Skyranger nicht gepanzert.
Die Schweiz will für 800 Millionen acht Feuereinheiten mit je vier Systemen bestellen. Sie hat aber einen beträchtlichen Rückstand auf Österreich. Noch hat dem Geschäft erst der Ständerat zugestimmt. Tut dies im Herbst auch der Nationalrat, kann die Armee Skynex bestellen. Sie erhält dann die acht Feuereinheiten mit 32 Systemen «innerhalb von 18 Monaten», wie Oliver Dürr betonte, CEO von Rheinmetall Air Defence.
Österreich fährt eine andere Strategie
Interessant ist, dass Österreich auch seine aus den 1960er-Jahren stammenden 35-Millimeter-Fliegerabwehrkanonen mit Zwillingsgeschützen von Rheinmetall Air Defence modernisieren lässt. Zudem erneuert das Land die Abwehrlenkwaffe Mistral 1 aus den 1990ern auf den aktuellen Standard. Damit erhält das System einen moderneren Suchkopf und trifft Drohnen besser. Österreich überlegt sich sogar, alte Systeme von anderen Ländern aufzukaufen und zu modernisieren.
Das beurteilt die Schweiz ganz anders. «Wir kamen zu einem etwas anderen Schluss als Österreich», sagte Martin Pfister an der gemeinsamen Medienkonferenz mit Klaudia Tanner. «Unser erster Bedarf ist der Schutz der kritischen Infrastruktur.» Deshalb beschaffe die Schweiz neue Systeme, erneuere die alten aber nicht.
Eine kurze Bilanz bei der Luftabwehr kleiner Reichweite zeigt: Vorteil Österreich. Das gilt vorläufig generell für die Luftabwehr, da die Schweiz nicht nur kein modernes System kurzer Reichweite besitzt, sondern auch kein Abwehrsystem für mittlere und lange Reichweite. Über solche verfügt aber zurzeit auch Österreich nicht.
Beide loben die gute Zusammenarbeit
Pfister und Tanner betonten an der Medienkonferenz die gute Zusammenarbeit. Man habe alleine 2025 über 100 Zusammenarbeitsprojekte gehabt, sagte etwa Pfister. Beide Magistraten unterstrichen die Zusammenarbeit bei der Luftverteidigung. Tanner erwähnte die Kooperation bei der Luftverteidigung und erinnerte an das WEF. Sie hielt fest, man tausche auch Luftlagebilder aus. «Wir müssen enger zusammenrücken», sagte sie. Bei der Luftabwehr gebe es keine Grenzen. «Wir müssen wissen, was weit ausserhalb unserer Landesgrenzen in der Luft geschieht», sagte auch Pfister.
«Richtige Frau am richtigen Ort»
Dass Österreich so schnell gewesen sei mit der Beschaffung von Skyranger, sei Klaudia Tanner zu verdanken, betont Harald Vodosek, Österreichs Nationaler Rüstungsdirektor. Als erste Frau an der Spitze des Bundesministeriums für Landesverteidigung sei sie «die richtige Frau am richtigen Ort», sagt er. «Sie macht einen Top-Job.» Tanner begann schon vor dem Ukraine-Krieg mit der Wiederaufrüstung des Bundesheeres.
Österreich investiert kräftig. Es stellt total 34 Milliarden Franken bereit. Einerseits mit einem umfassenden Modernisierungsplan. Andererseits will Österreich bis 2032 die Armeeausgaben von einem Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) auf zwei Prozent steigern. Die Schweiz geht im selben Zeitraum von einem Investitionsrahmen von etwa 50 Milliarden Franken aus.
Was Anzahl Soldaten, Panzer, Kampfjets und Artilleriesysteme betrifft, liegt die Schweiz noch immer vor Österreich (siehe Grafik). Doch es gebe sowieso «keinen Wettkampf» zwischen den beiden Ländern, betont der österreichische Rüstungsdirektor Vodosek. «Wir fragen uns immer: Wie können wir kooperieren?» Die Partnerschaft mit der Schweiz sei sehr alt. «Sie besteht seit 1955.» (schweizheute.ch)
