Tempo 80 auf der Autobahn: So viele Millionen Liter Sprit kann die Schweiz einsparen
Der Bund bereitet sich auf eine mögliche Versorgungskrise vor. Wie diese Redaktion kürzlich publik machte, zirkuliert in der Bundesverwaltung ein Papier, das Tempo 80 auf Schweizer Autobahnen vorsieht. Der Bundesrat könnte die Massnahme ergreifen, sollte sich die Dieselknappheit weiter verschärfen. Erste Schritte hat der Bund bereits eingeleitet: Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung hat Pflichtlager für Diesel freigegeben. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur umstrittenen Temporeduktion gibt es hier in der Übersicht.
Wie schnell kann Tempo-80 beschlossen werden?
Sehr schnell. Gemäss Strassenverkehrsgesetz legt der Bundesrat die allgemeinen Höchstgeschwindigkeiten fest. Gleichzeitig erlaubt das Landesversorgungsgesetz dem Bundesrat bei einer drohenden oder bestehenden schweren Mangellage temporäre Eingriffe in den Verbrauch lebenswichtiger Güter. Das Parlament braucht es dafür nicht. Mit einer internen Vernehmlassung bereitet das Bundesamt für Wirtschaftliche Landesversorgung eine Temporeduktion auf Autobahnen als mögliche Massnahme vor, damit der Bundesrat im Ernstfall innert Tagen entscheiden kann.
Wie viel Sprit spart man mit Tempo 80 statt 120 auf 100 km?
Der Bund hat sich dazu bislang nicht geäussert. Schätzungen gibt es dafür vom Schweizer Touringclub: Die Einsparung betrage rund 1 bis 1,2 Liter pro 100 Kilometer. Hochgerechnet für die Schweiz bedeute dies rund 11 bis 13 Millionen Liter pro Monat. Etwas höher schätzt der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) die Einsparungen ein, nämlich rund 0,5 bis 1 Million Liter pro Tag.
Beide Organisationen stützen sich unter anderem auf Statistiken des Bundesamts für Strassen. Sie weisen aber darauf hin, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen und es sich lediglich um eine Schätzung handle. So gilt schon jetzt auf zahlreichen Autobahnabschnitten Tempo 80, hier gibt es also kein Sparpotenzial. Zudem kann Tempo 120 oft nicht erreicht werden, wegen Baustellen, stockenden Verkehrs oder Stau.
Zum Vergleich: Der Bund hat aktuell fünf Millionen Liter Diesel aus den Pflichtlagern freigegeben. Würde Tempo 80 schweizweit eine halbe Million Liter Treibstoff pro Tag einsparen, käme nach rund drei Monaten eine vergleichbare Menge zusammen. Zu einer leicht optimistischeren Einschätzung gelangte der Bundesrat 2006, als er einen entsprechenden Vorstoss im Parlament beantworten musste. Damals ging er von 5 bis sieben Prozent des Dieselabsatzes aus.
Wie viel länger braucht man auf 100 km?
Das kommt auf die Tageszeit an. Angenommen, man fährt nachts auf leerer Strecke mit durchgehend 120 km/h auf dem Tacho, braucht man 50 Minuten – mit Tempo 80 hingegen eine Stunde und 15 Minuten. Tagsüber, bei normalem Verkehrsaufkommen, ist der Unterschied hingegen deutlich kleiner. Das Bundesamt für Strassen schreibt gar: «Ein Autobahnabschnitt erreicht seine maximale Kapazität bei ungefähr 85 km/h.» Dann läuft der Verkehr am flüssigsten. Dafür gibt es drei Gründe: geringere Abstände zwischen den Fahrzeugen, weniger Geschwindigkeitsunterschiede zwischen Personen- und Lastwagen und weniger Bremswellen. Das ergibt weniger Stau.
Könnten E-Fahrzeuge bevorzugt werden?
In den Kommentarspalten gibt dieses Thema wohl am meisten zu reden: Was geschieht mit Elektroautos? Wären diese auch von der Massnahme betroffen, obwohl ihre Drosselung der Schweiz keinen Sprit spart? Der Bund hat sich dazu bislang nicht geäussert. Grundsätzlich wäre es möglich, verschiedene Ansätze für Antriebsarten zu verfolgen. Allerdings hätte dies zur Folge, dass es auf den Autobahnen zu mehr Überhol- und Bremsmanövern kommen würde. Das wiederum hätte mehr Staus zur Folge – was die Mobilität zusätzlich einschränkt. Eine Ausnahme für E-Autos ist demnach eher unwahrscheinlich.
Wie gross ist der Tempo-120-Anteil auf dem Nationalstrassennetz?
Das Bundesamt für Strassen weist rund 1300 Kilometer als Nationalstrassen Erster Klasse aus. Jene Abschnitte also, auf denen man Tempo 120 fahren darf, machen etwas mehr als die Hälfte des Nationalstrassennetzes aus. Nicht berücksichtigt in dieser Rechnung sind allerdings Abschnitte, in denen zeitweise – etwa aufgrund hohen Verkehrsaufkommens oder wegen Baustellen – die Höchstgeschwindigkeit reduziert wird.
Wie kommt der Vorschlag in der Politik an?
Unterschiedlich. Am schärfsten reagiert SVP-Nationalrat Thomas Knutti: In einer Medienmitteilung verurteilt er die geprüfte Massnahme. «Hohe Treibstoffkosten treffen nicht nur Autofahrer, sondern die gesamte Wirtschaft und letztlich jeden Haushalt», schreibt er. Ins gleiche Horn stiessen Knuttis Fraktionskollegen Benjamin Giezendanner und Christian Imark. Gegenüber der «Sonntagszeitung» hingegen begrüsste Grünen-Nationalrat Michael Töngi den Ansatz: «Tempo 80 ist wie kaum eine andere Massnahme schnell und einfach umsetzbar.» Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone hatte Tempo 80 bereits im Frühling nach Ausbruch des Irankriegs gefordert.
Hat der hohe Benzinpreis bereits einen Einfluss auf den Verkehr?
Die Antwort ist kurz: nein. Beim Dienst Viasuisse, der Verkehrsinformationen sammelt und aufbereitet, merkt man keinen Unterschied zu vergleichbaren Zeiträumen, wie Geschäftsführer Marc Brönnimann auf Anfrage sagt. Vielleicht könne es sein, dass aufgrund des hohen Benzinpreises der eine oder die andere auf eine Fahrt in der Freizeit verzichtet. Das sei aber nur schwer messbar. Für den klassischen Pendlerverkehr auf der Autobahn gebe es dagegen keine Veränderungen. (schweizheute.ch)
