Pierin Vincenz – der Absturz vom Topbanker zum Angeklagten
1999: Pierin Vincenz wird Chef von Raiffeisen Schweiz. Er pusht die Genossenschaftsbank – nach UBS und CS – zur drittgrössten Bank im Land und zur Nummer 1 bei den Hypotheken. Gleichzeitig präsidiert er den Verwaltungsrat der Kreditkartenfirma Aduno (heute Viseca).
2005 bis 2014: Vincenz und der frühere Aduno-Chef Beat Stocker beteiligen sich über verschiedene Gesellschaften an den Unternehmen Commtrain, Investnet, Genève Credit & Leasing (GCL) und Eurokaution. Diese Firmen werden in der Folge an Raiffeisen oder Aduno verkauft.
Die Staatsanwaltschaft wirft Vincenz und Stocker vor, ihre Beteiligungen an den besagten Firmen gegenüber Raiffeisen und Aduno verschwiegen und von späteren Verkäufen persönlich profitiert zu haben. Hinzu kommen Vorwürfe unzulässiger Spesenabrechnungen und weiterer Vermögensdelikte. Die Verteidigung weist die Vorwürfe zurück und macht geltend, dass die Geschäfte und Spesenabrechnungen transparent oder rechtmässig gewesen seien.
September 2015: Vincenz tritt als Chef von Raiffeisen zurück.
2016: Das Finanzportal «Inside Paradeplatz» veröffentlicht einen ersten Artikel, der auf die heiklen Deals hinweist. Damit nimmt die Affäre medial Fahrt auf, parallel wird auch die Finanzmarktaufsicht (Finma) aktiv.
2017: Vincenz legt zuerst das Präsidium von Aduno nieder, später auch das bei der Helvetia-Versicherung. Die Finma stellt danach ihre Untersuchungen ein.
Dezember 2017: Aduno erstattet Strafanzeige gegen Vincenz und Stocker.
Februar 2018: Die Zürcher Staatsanwaltschaft eröffnet das Strafverfahren. Vincenz und Stocker werden verhaftet und verbringen 106 Tage in Untersuchungshaft. Kurz darauf reicht auch Raiffeisen Strafanzeige ein.
November 2020: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage.
25. Januar 2022: Vor dem Bezirksgericht Zürich beginnt einer der grössten Wirtschaftsstrafprozesse der Schweiz. Wegen des grossen Interesses findet die Verhandlung im Zürcher Volkshaus statt. Insgesamt stehen sechs Angeklagte vor Gericht: Nebst Vincenz und Stocker angeklagt sind der Investnet-Co-Gründer Andreas Etter, Eurokaution-Aktionär Ferdinand Locher, GCL-Aktionär Stéphane Barbier-Mueller sowie Vincenz’ Ex-Kommunikationsberater Christoph Richterich. Der siebte Angeklagte, der zweite Investnet-Co-Gründer, war zu krank für den Prozess und ist mittlerweile verstorben.
12. April 2022: Das Bezirksgericht spricht Vincenz, Stocker sowie drei weitere Mitangeklagte für schuldig. Nur der Kommunikationsberater wird nicht verurteilt. Die Verurteilten fechten in der Folge das Urteil an; auch die Staatsanwaltschaft legt Berufung ein.
11. Januar 2023: Das Bezirksgericht veröffentlicht die rund 1200 Seiten umfassende schriftliche Urteilsbegründung.
20. Februar 2024: Das Zürcher Obergericht hebt das erstinstanzliche Urteil wegen schwerwiegender Verfahrensfehler vollständig auf. Demnach müsste das Verfahren vor dem Bezirksgericht neu durchgeführt werden. Die Staatsanwaltschaft legt beim Bundesgericht Beschwerde ein.
27. Februar 2025: Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und zwingt das Obergericht, das Berufungsverfahren durchzuführen.
10. August 2026: Der Berufungsprozess vor dem Zürcher Obergericht startet. (schweizheute.ch)
