Schweiz
Coronavirus

Coronavirus: Pflegefachfrau schildert dramatische Zustände im Spital

Eine Arztin spricht mit einer Patientin auf der Abteilung fuer COVID-Patienten im HFR Freiburg Kantonsspital, am Donnerstag, 26. November 2020 in Fribourg. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
«Wir können die Leute nicht mehr richtig versorgen»: Pflegefachfrauen sind wegen Corona auch auf den normalen Bettenstationen am Anschlag. Bild: keystone

«Wir sind ständig auf Adrenalin. Aber jetzt geht uns der Schnauf aus»

Die Lage in den Spitälern eskaliert längst nicht nur auf den Intensivstationen. «Uns fliegt alles um die Ohren»: Eine Pflegefachfrau schildert die Zustände auf einer normalen Bettenstation. Die Angst vor Toten ist omnipräsent.
18.12.2020, 10:3119.12.2020, 16:31
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Die Stimme stockt. Pflegefachfrau Angelina Meier* ist den Tränen nahe, als sie vor einer Nachtschicht mit watson über ihr Befinden spricht. So tönt Erschöpfung. «Wir sind seit Wochen auf Adrenalin. Jetzt geht uns der Schnauf aus», sagt die 41-Jährige, die in der Chirurgieabteilung eines Schweizer Universitätsspitals arbeitet.

«Wir können Patienten erst auf die IPS verlegen, wenn sie demnächst reanimiert werden müssen.»

Corona bringt längst nicht nur das Personal auf den Intensivstationen (IPS) ans Limit. Weil die IPS praktisch voll sind, bleiben Patienten oftmals selbst in kritischem Zustand auf der normalen Bettenstation liegen. «Wir können sie erst auf die IPS verlegen, wenn sie demnächst reanimiert werden müssen», sagt Meier am Telefon. Denn viele Intensivbetten sind von Covid-Patienten belegt. Und es werden jeden Tag mehr.

In einem Nachtdienst ist die Pflegefachfrau für 12 PatientInnen verantwortlich, die sich nach teils hochkomplexen Operationen erholen. Für gewöhnlich benötigen davon drei Personen intensivere Betreuung. Aktuell sind es oft über die Hälfte. «Wir können die Leute unter diesen Bedingungen nicht mehr richtig versorgen. Es ist nur ein Zufall, dass es noch keinen Toten gegeben hat», sagt die Pflegefachfrau.

Es gehe dabei nicht um irgendwelche «Luxus-Pflege». Wegen der übermässigen Arbeitsbelastung bemerke man auf der Normalstation nicht mehr rechtzeitig, wenn jemand akute Blutungen habe oder Organe nicht mehr richtig funktionierten. «Ich habe in jeder Schicht Angst, dass mir die Patienten unnötig wegsterben. Uns fliegt hier gerade alles um die Ohren.»

«Uns fliegt hier gerade alles um die Ohren.»

Ein stetiger Begleiter ist zudem die Furcht vor Corona-Infektionen auf der Station. Meier betreut nach einer Operation eine 20-jährige Krebspatientin, die sehr geschwächt ist. «Kriegt sie jetzt noch Corona, wäre sie in akuter Lebensgefahr.»

Unter dem Pseudonym «Madame Malevizia» bloggt die Pflegefachfrau.
Unter dem Pseudonym «Madame Malevizia» bloggt die Pflegefachfrau. bild: zvg/eve kohler

Der Unmut bei Meier über die Zustände in den Schweizer Spitälern ist gross. Nicht erst seit Corona. Unter dem Pseudonym «Madame Malevizia» bloggt sie seit 2016 über ihren Alltag als Pflegefachfrau. «Was gerade im Gesundheitswesen geschieht, ist ein Skandal und eine Katastrophe», schreibt sie in einem Beitrag.

«Was gerade im Gesundheitswesen geschieht, ist ein Skandal und eine Katastrophe.»

Jedes Jahr seien Sparübungen auf dem Rücken des Pflegepersonals durchgeführt worden. Jetzt kriege man die Quittung. «Wir haben keine Reserven mehr, weil uns der Staat kaputtgespart hat.» Als Pflegende übernehme sie die Verantwortung für Menschen, deren Leben bedroht sei. «Wenn ich diese Verantwortung nicht mehr tragen kann, ist es meine Pflicht, dies zu äussern», erklärt sie ihre Motivation, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die Frau ist sich Stress gewohnt. Die Corona-Krise übersteigt aber alles, was sie in ihren 16 Berufsjahren bislang erlebt hat. «Wir sind echt keine zarten Pflänzli, sind uns viel Stress gewohnt. Aber wir sehen kein Licht am Ende des Tunnels. Das macht uns kaputt», so Meier. Sie rechne damit, dass die aktuelle Belastung der Spitäler bis mindestens März andauere. «Dann gilt es, noch all die verschobenen Operationen nachzuholen. Wie soll das gehen?»

Pflegepersonal spricht mit einer Patientin auf der Abteilung fuer COVID-Patienten im HFR Freiburg Kantonsspital, am Donnerstag, 26. November 2020 in Fribourg. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
Vor lauter Stress kommen Pflegefachpersonen kaum mehr zur Ruhe. Bild: keystone

Die Erschöpfung nagt an der Psyche. Zwischen den Schichten kann sich Meier kaum mehr erholen. «Ich schlafe zwar, aber träume von der Arbeit.» Sie erscheine unausgeruht zum Dienst. Die Angst, bei der Schicht einen Fehler zu machen, sei omnipräsent. «Was, wenn ich Medikamente oder gar Patienten verwechsle?», fragt sie sich.

Noch schlimmer ist die Situation auf den Covid-Stationen. «Pflegende berichten mir unter Tränen, dass bei jeder Schicht Patienten sterben.» Es sei nicht zuletzt die schiere Masse an Toten, die dem Personal sehr zu schaffen mache, sagt Christina Schumacher vom Schweizer Berufsverband für Pflegefachpersonal. Lange Schichten in voller Schutzausrüstung, kaum Pausen. «Die Zustände machen das Personal krank.»

Die Dauerbelastung geht an die Substanz. «Etliche Kolleginnen und Kollegen mussten sich wegen Burn-Outs krankschreiben lassen», sagt die Pflegefachfrau. Nicht wenige quittierten ihren Dienst. So auch Angelina Meier. Sie hat ihre Stelle im Universitätsspital gekündigt und wechselt in die Langzeitpflege.

*Name geändert

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Gesundheitspersonal fordert umgehend drastische Massnahmen
Für das Personal von Spitälern, Heimen und der Spitex ist die aktuelle Situation aufgrund der Corona-Pandemie psychisch und physisch erschöpfend. Das Gesundheitspersonal fordert umgehend drastische und koordinierte Massnahmen. Diese Massnahmen müssten ergriffen werden, damit die Situation in den Spitälern und Heimen handhabbar bleibe, schreibt die Gewerkschaft VPOD in einer Mitteilung vom Mittwoch. Das Gesundheitspersonal sei erschöpft. Es leide unter unterdotierten Stellenplänen, tiefen Löhnen und unzureichendem Gesundheitsschutz. Die steigenden Fallzahlen führten zu einer Sterbewelle in Altersheimen und zu vollen Intensivstationen. Doch statt Pausen und Ruhephasen böten einige Arbeitgeber sogar Mitarbeitende aus der Quarantäne oder symptomfreie, infizierte Angestellte zur Arbeit auf, um die Personalknappheit zu bewältigen. Das alles ohne Rechtsgrundlage, dafür mit unverantwortlichen Ansteckungsrisiken für Mitarbeitende, Patienten und Bewohner, heisst es in der Medienmitteilung. (sda)
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Vor neun Tagen machte dieses Bild die Runde um den Globus. Es zeigt, wie Bagger den Boden für zwei neue Spitäler in Wuhan vorbereiten.

quelle: epa / yuan zheng
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97 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Amadeus
18.12.2020 10:57registriert September 2015
Und dann beschweren sich manche Politiker, dass sie am Sonntag kein frisches Brot bekommen.
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Bitsundbites
18.12.2020 10:45registriert Juli 2019
Die volle Verantwortung für den drohenden Kollaps unseres Gesundheits personal und die langzeit Burnot krankschreibungen geht auf die Rechnung der SVP, CVP und FDP.


Eure Politik ist maasgebend verantwortlich für die Übersterblichkeit.

Die 100% Lohnausfall Entschädigung ist nur Heuchelei.

Ihr habt es in der Hand ob es nun wirkungsvolle Massnahmen gibt oder nicht.

Das was ihr im Moment bringen wollt ist nur ein weiterer wirkungslos Flickenteppich.
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Enibasnehl
18.12.2020 15:52registriert Dezember 2020
Meine 19-jährige Tochter arbeitet in der Pflege. Sie hat heute nach der Nachtschicht vor lauter Erschöpfung eine Stunde geweint. Sie wird heute Abend wieder pünktlich ihren Dienst antreten. Dankeschön an alle, die dies aushalten. Bitte unterstützen wir sie. Maske, Abstand, physischen Kontakt reduzieren. Je schneller und korrekter, umso schneller sinken die Zahlen und umso besser geht es uns allen. Seien wir stark und solidarisch.
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