Schweiz
Drogen

Geldwäscherei: Kokain, Luxus und Barbershops in Genf und Lausanne

La Suisse romande commence à s’intéresser aux barber shops soupçonnés de servir de machines à blanchir.
In der Westschweiz stehen zunehmend Barbershops im Verdacht, als Geldwäschekanäle zu dienen.bild: watson

Kokain, Luxus und Barbershops: Einblick in einen grossen Drogenhandel

Ein umfangreicher Drogenhandel soll zwischen der Schweiz, Frankreich und Marokko Hunderttausende Franken hervorgebracht haben, die gewaschen werden mussten. Im Zentrum des Falls stehen Luxusuhren, Immobilien und Barbershops in Lausanne und Genf.
04.10.2026, 19:5104.10.2026, 19:51
Alessia Barbezat

Ein umfangreicher Drogenhandel zwischen der Westschweiz und Frankreich soll laut der Anklageschrift der Genfer Staatsanwaltschaft eine Million Franken eingebracht haben. Im Zentrum des Falls steht ein zwischen Genf und Lausanne aktives Netzwerk, das verdächtigt wird, Hunderttausende Franken aus dem Drogenhandel gewaschen zu haben.

Ein Mann, den wir Ali nennen, wird darin als Kopf der Organisation bezeichnet. Ihm wird vorgeworfen, zwischen 2020 und 2023 rund 30 Kilogramm unverpacktes Kokain sowie eine Tonne Haschisch und Marihuana importiert und verkauft zu haben. Ihm werden unter anderem schwere Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz und qualifizierte Geldwäscherei vorgeworfen.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Die Westschweiz beginnt, sich für Barbershops zu interessieren, die im Verdacht stehen, der Geldwäsche zu dienen. Und in Genf wäre einer der grössten Fälle dieser Art der vergangenen Jahre beinahe innerhalb von 45 Minuten abgewickelt worden.

Im Juni standen vier Beschuldigte im Rahmen eines abgekürzten Verfahrens vor dem Strafgericht. Sie hatten sich mit der Genfer Staatsanwaltschaft über den Sachverhalt, die rechtliche Würdigung und die beantragten Strafen geeinigt. Das Gericht hätte die Vereinbarung nur noch genehmigen müssen.

Doch die Gerichtspräsidentin hielt die Strafen für «zu milde». Der Fall wurde deshalb an die Staatsanwaltschaft zurückgewiesen, damit diese ein ordentliches Vorverfahren einleitet. Zum jetzigen Zeitpunkt gilt für die vier Beschuldigten die Unschuldsvermutung. Ihre Anwälte wollten sich nicht äussern.

Barbershop und Immobilien zur Geldwäscherei

Gemäss den Strafakten wurde Ali im Februar 2021 erstmals festgenommen und in Untersuchungshaft genommen. Er war mit einem Mietwagen aus Frankreich gekommen. Auf der Rückbank fanden die Ermittler eine Plastiktüte. Darin befanden sich 56 Geldbündel mit insgesamt 156’680 Euro und 250’260 Franken Bargeld. Weitere rund 250’000 Euro sollen in einer Box in Genf versteckt gewesen sein. Nach seiner Freilassung unterlag Ali bis Dezember 2021 wenig einschneidenden Ersatzmassnahmen.

2023 landete er erneut im Gefängnis. Der heute 40-Jährige verbrachte die vergangenen drei Jahre hinter Gittern. Laut Anklage soll ihn das nicht daran gehindert haben, sein florierendes Geschäft Ende 2023 mithilfe von Komplizen und Handlangern weiterzuführen. Der Staatsanwaltschaft zufolge sollen mehrere Methoden eingesetzt worden sein, um die mutmasslichen Einnahmen aus dem Drogenhandel zu waschen. Dazu gehörten Investitionen in Barbershops in Genf und Lausanne, der Kauf und Weiterverkauf von Uhren, Kleidern und Luxuslederwaren sowie der Erwerb von Immobilien in Marokko.

Beschlagnahmt wurden unter anderem eine Audemars Piguet und eine Patek Philippe. Die Staatsanwaltschaft wirft Ali vor, bei verschiedenen Luxusgeschäften in der Schweiz und in Frankreich Waren im Wert von mehr als 800’000 Franken gekauft zu haben, die mit Einnahmen aus dem Drogenhandel finanziert worden sein sollen. Einige davon sollen direkt mit diesen Einnahmen bezahlt worden sein, andere mit dem Geld aus dem Weiterverkauf früherer Käufe.

Nach Darstellung der Anklage soll das Geld so von einem Luxusgut zum nächsten geflossen sein. Dabei seien Gewinne erzielt und Alis Lebensstil finanziert worden.

Drei weitere Personen sind gemeinsam mit ihm beschuldigt. Unter ihnen ist Seb*, ein Mann in den Vierzigern, der an jenem Tag als Einziger ganz in Weiss gekleidet ist. Laut Anklage soll er als Handlanger fungiert und zwischen der Schweiz und Marokko agiert haben. Der Kampfsportfan inszeniert sich in den sozialen Medien. Er zeigt gerne seine Kleidung, seine Muskeln und seinen Lebensstil. Zudem war er Manager eines Luxushotels in Marokko.

Wie Ali wird ihm eine schwere Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie qualifizierte Geldwäscherei vorgeworfen. Er soll insbesondere an der Einfuhr, am Transport und am Verkauf von Kokain und Cannabis beteiligt gewesen sein.

In Lausanne wurde ein Barbershop für einen «einzigen Zweck» gegründet

2021 soll er zudem die Leitung eines Barbershops in Lausanne übernommen haben. Die GmbH war 2019 von Ali gegründet worden und soll laut Anklageschrift dazu gedient haben, Geld aus dem Drogenhandel zu waschen. Die Staatsanwaltschaft behauptet, sie sei zu diesem «einzigen Zweck» gegründet worden. Zeitweise führte Seb diese Tätigkeit parallel zu seiner Arbeit als Hotelmanager in Marokko aus. Das Unternehmen wurde schliesslich liquidiert und im September 2026 aus dem Handelsregister gelöscht.

Unsere Recherchen zeigen jedoch Verbindungen zwischen diesem Lausanner Geschäft und einem weiteren Barbershop, der im Genfer Quartier Eaux-Vives ansässig war.

Von Lausanne nach Genf

Die beiden Geschäfte weisen mehrere Gemeinsamkeiten auf: dasselbe Logo, denselben Namen und sichtbare Verbindungen in den sozialen Medien. Der Genfer Salon ist der ältere der beiden. Das Unternehmen wurde 2017 gegründet. Nassim*, zunächst Teilhaber, übernahm 2019 sämtliche Anteile. Auf der Facebook-Seite des Genfer Geschäfts zeigt sich der Coiffeur mit Prominenten, die ihm ihre Bärte und Haare anvertrauen. In Lausanne, Genf, Paris oder Montpellier posiert er unter anderem an der Seite des Moderators Cyril Hanouna, der Sänger Gims und Dadju sowie des Rappers Ninho.

Nassim* zusammen mit dem Sänger Dadju.
Nassim* zusammen mit dem Sänger Dadju.Screenshot

Die weiterhin öffentlich zugänglichen Beiträge zeigen auch, dass die beiden Salons miteinander verbunden waren. Im Januar 2020 veröffentlichte der Facebook-Account des Genfer Salons ein Video, das im Lausanner Geschäft aufgenommen worden war und an dessen Logo zu erkennen ist. Nassim schrieb dazu:

«Ich bin bis Samstag in Lausanne, nutzt die Gelegenheit.»

Der Facebook-Account des Genfer Barbershops wurde bis April 2020 weitergeführt. Danach erschienen keine Beiträge mehr. Das Unternehmen wurde schliesslich nach seinem Konkurs aufgelöst und 2022 aus dem Handelsregister gelöscht.

2023 tauchte Nassim wieder im Genfer Handelsregister auf. Er wurde Gesellschafter und Geschäftsführer eines weiteren Barbershops, erneut in Genf. Und wieder mit demselben Logo. Auch dieses Unternehmen ging 2026 Konkurs und wurde einige Monate später, im Juli, aus dem Handelsregister gelöscht.

Bis nach L.A.

Über die sozialen Medien finden wir Nassim* wieder: unter der kalifornischen Sonne in Los Angeles, wo er an der Seite von Kev Adams oder des Fussballers Jules Koundé posiert.

watson kontaktierte ihn, damit er seine Verbindungen zu den beiden Salons erklären und zu den Verdachtsmomenten rund um das Genfer Geschäft Stellung nehmen konnte. Er reagierte nicht auf unsere Anfragen. Nach unseren Informationen ist er zudem Beschuldigter in einem weiteren Strafverfahren wegen des Verdachts auf Drogenhandel und Geldwäscherei. Auch in diesem Verfahren gilt für ihn die Unschuldsvermutung.

*Vornamen geändert

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