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Ein Polizeieinsatz mit blütenweisser Bettwäsche, ein gesprächiger Parfümverkäufer und warum der Mittwoch ein «guter Tag für die FIFA» war



27. Mai, 6.30 Uhr: Als der Anruf kommt, bin ich unter der Dusche. Hochrangige FIFA-Funktionäre seien im Nobelhotel Baur au Lac in Zürich verhaftet worden. Walter de Gregorio, Mediendirektor der FIFA, ist zu diesem Zeitpunkt schon eine halbe Stunde wach und überlegt sich, mit welchen Floskeln er an der bevorstehenden Pressekonferenz die Fragen der Journalistenmeute ins Leere laufen lassen soll. Michael S. Schmidt und Sam Borden, Hauptstadtreporter und Auslandskorrespondent der renommierten New York Times, stehen auf dem Trottoir an der Ecke Talstrasse/Dreikönigstrasse und warten darauf, dass weitere FIFA-Mitglieder durch den diskreten Seiteneingang aus dem 5-Stern-Hotel geschleust und im Schlepptau von Zivilpolizisten der Bundesanwaltschaft in bereitstehende Autos der Kantonspolizei geführt werden. 

Eine Viertelstunde später ist es soweit. Abgeschirmt von einem weissen Bettlaken wird ein FIFA-Funktionär in einen unscheinbaren schwarzen Opel – mehr Einkind-Familienkutsche als Undercover-Wagen – geleitet. Der Schweizer Fotograf Pascal Mora, von der New York Times extra für diesen Auftrag engagiert, drückt auf den Auslöser. 

Zuvor waren mehr als ein Dutzend Zivilpolizisten der Kantonspolizei Zürich im Auftrag der Bundesanwaltschaft in die Lobby spaziert, hatten sich an der Reception die Zimmernummern der Funktionäre aushändigen lassen, und begaben sich in die entsprechenden Stockwerke. Sie klopften dezent an die Zimmertüren und forderten die FIFA-Exekutivleute dazu auf, mitzukommen. 

Um so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen, wurden die sechs FIFA-Funktionäre auf unterschiedlichen Wegen aus dem Hotel geschleust: Haupteingang, Lieferanteneingang, Tiefgarage. Das Verhaftungsersuchen kam von der frisch gebackenen amerikanischen Justizministerin und Staatsanwältin Lorreta Lynch. Die Vorwürfe: Organisierte Kriminalität, Korruption, Geldwäscherei. Die Ermittlungen reichen zurück bis 1991.

Das Hotelpersonal sei aufgelöst gewesen, berichtete Michael Schmidt auf Twitter, im Gegensatz zu den Beamten, die ruhig und professionell vorgingen und zu den FIFA-Funktionären, die sich ihrem Schicksal ergaben. Es ging gesittet zu und her, die Polizisten verhielten sich höflich, die Beschuldigten durften ihre Koffer packen, auf Handschellen wurde verzichtet. Es hätte eine gewöhnliche Abreise von Prominenten und ihrer Entourage sein können – hätte es sich bei den wartenden Journalisten um Klatschreporter, und nicht um Leute aus dem Sport oder Politik- oder Wirtschafts-Ressort gehandelt. 

Mittlerweile ist es 6.50 Uhr. Die Nachricht, dass FIFA-Funktionäre in einem Schweizer Luxushotel verhaftet worden sind, verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Auf der Website der «New York Times» ist der Artikel seit einiger Zeit aufgeschaltet, die Druckerpressen der wohl einflussreichsten Zeitung der Welt sind angeworfen. Auf dem Titelblatt der Print-Version wird der Bericht nicht allzu prominent geführt. 

Printausgabe der New York Times

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bild: screenshot/newyorktimes

Um 7 Uhr sind an der Talgasse im Zürcher Banken- und Versicherungsviertel, unweit des ehemaligen Clubs «Alte Börse», einige Journalisten und Fotografen anzutreffen. Der Reporter von Sky probt gerade zum zweiten Mal seine Live-Schaltung auf die Insel. Er sei vor einer halben Stunde aufgestanden, rechtfertigt er sich. Gegenüber dem Seiteneingang stehen sich immer noch einige Fotografen die Füsse wund, in der Hoffnung auf weitere Verhaftungen. Das eiserne Tor des Lieferanteneingangs ist mittlerweile geschlossen, ein Hotelangestellter im Anzug und mit Krawatte wacht dahinter. Er antwortet höflich, aber bestimmt auf die Frage nach Details zu den Verhaftungen. Der Verkäufer im Parfümgeschäft nebenan ist gesprächiger. Gesehen hat er leider auch nichts, aber er halte die Augen offen, verspricht er lachend.  

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bild: watson

7.30 Uhr. Vor dem Haupteingang des Baur au Lac hat sich unterdessen eine grössere Zahl von Journalisten eingefunden. Lokale, nationale und internationale Medienleute stehen sich gegenseitig auf den Füssen. Der Haupteingang des geschichtsträchtigen Hotels wird von einem resoluten Concierge in blütenweisser Uniform und mit schütterem Barthaar bewacht. Wer den Eingang passieren möchte, muss an ihm vorbei. Gelingen tut das keinem von der Journalistenzunft. 

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Bild: watson

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Bild: watson

9 Uhr. Aus den Newsrooms erreicht uns die Nachricht, dass die FIFA noch am Vormittag eine Pressekonferenz zu den Ereignissen im Baur au Lac abhalten wird. Gleichzeitig wird bekannt, dass auch die Schweizer Bundesanwaltschaft eine Strafuntersuchung eingeleitet hat. Diesmal geht es um Ungereimtheiten bei der Vergabe der WM 2018 an Russland und der WM 2022 an Katar. 

Während sich das Gros der Journalisten durch den Vormittagsverkehr in Richtung Zürichberg aufmacht, bleibt mindestens ein Reporter der New York Times im Baur au Lac. In der Lobby sieht er die Ehefrauen der verhafteten Funktionäre sitzen. Unwissend, was mit ihren Männern passiert ist. Wenig später werden sie auf einem Bildschirm die Pressekonferenz der FIFA verfolgen, spätestens da wird es ihnen dämmern. 

10.30 Uhr. Szenenwechsel. An der Schaltstelle des mächtigsten Sportverbandes der Welt, im «Home of FIFA», ein paar Steinwürfe von der Masoala-Halle entfernt, trudeln langsam die Medienleute ein. Rund 150 Journalisten sind zugegen, die überwiegende Mehrheit der ausländischen Presseleute hielt sich wegen des FIFA-Kongresses, der am Freitag Sepp Blatter eine fünfte Amtszeit als FIFA-Präsident bescheren sollte, in Zürich auf. 

Der Kongress wird stattfinden oder auch nicht und Sepp Blatter wird zum vierten Mal im Amt bestätigt oder auch nicht. Geht es nach Walter de Gregorio, so besteht kein Zweifel, dass ersteres der Fall sein wird. Der ehemalige Journalist, der unter anderem für das «Tagi-Magi» und die «Weltwoche» gearbeitet hat, kann an der Pressekonferenz nicht oft genug betonen, dass Sepp Blatter nicht in das Strafverfahren involviert ist, und dass der Kongress wie geplant stattfinden wird. Gregg Dyke, der Präsident des englischen Fussballverbandes FA, lässt später verlauten, dass er das nicht für so eine gute Idee hält. Auch die UEFA pocht am Abend auf eine Verschiebung der Wahl. 

Die Pressekonferenz, in Deutsch und Englisch abgehalten, fördert wenig Neues zutage, was aber auch gar nicht der Sinn von Pressekonferenzen ist. Vor allem wenn sie, wie bei der FIFA am Vormittag des 27. Mai 2015, aus einer sehr defensiven Position heraus passiert. Es geht vielmehr darum, sagen zu können, dass man sich den Fragen gestellt, Transparenz garantiert hat. De Gregorio folgt diesem Ansatz weitestgehend, nur der (mehrmals geäusserte) Satz, dass es sich heute um einen «guten Tag für die FIFA» handelt, sorgt für ein paar Lacher im Saal. Der Tenor unter den Journalisten ist eher: Das ist der Supergau für die FIFA.  

Am späteren Abend meldet sich der Generalissimus höchstpersönlich zu Wort. «Es ist eine schwierige Zeit für den Fussball, die Fans und die FIFA», lässt Blatter in einem Statement verlauten. Also ein guter Tag für die FIFA, aber eine schwierige Zeit für die FIFA. Irgendwie so.

Auf dem Weg zur Redaktion sehe ich dann noch zwei ältere Herren im kompletten Fussball-Tenue: Shirt, Fussballschuhe, Stulpen. Sie sind wohl auf dem Weg zum Training auf einem der Fussballplätze rund um die «Heimstätte des Fussballs». Man vergisst so leicht, dass sich heute alles um das Spiel mit dem runden Leder dreht.

Für die neusten Informationen zum FIFA-Korruptionsfall: Folge unserem Liveticker.

Sieben FIFA-Funktionäre in Zürich verhaftet

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