War die Ambulanz zu spät am Tatort? Kritik nach dem Amoklauf in Aarau
Die Tat? Unerklärlich. Die Hintergründe? Offen. Das Motiv? Rätselhaft.
Auch knapp eine Woche nach dem Amoklauf von Aarau bleiben viele Fragen ohne Antwort. Zur Erinnerung: In der Nacht von Samstag auf Sonntag schoss der 43-jährige Jurassier Julien G. vierzig Mal mit einer Kalaschnikow in Richtung des Areals einer Technoparty auf der Pferderennbahn. Er verletzt sechs Feiernde – und tötet die 22-jährige Maria S.
Doch nun kommen zu den Fragen zum Täter vermehrt auch kritische zum Rettungseinsatz: Wo war die Ambulanz postiert? Warum mussten Verletzte das Gelände zu Fuss verlassen? Lief die Rettungsaktion optimal ab?
Zumindest in den Kreisen der betroffenen Partygänger und Rettungskräfte kursieren genau diese Fragen. Öffentlich äussern dürfen sich Letztere nicht. Bereits kurz nach dem Amoklauf koordiniert die Medienstelle der Polizei die Kommunikation. Ein übliches Vorgehen. Doch die Fragen bleiben. Und werden lauter.
Ein Zeuge kritisiert die Polizei
Einer, der sich diese Fragen stellt, war vor Ort, als plötzlich die Schüsse fielen. Bereits am Sonntag schilderte ein junger Mann beim Regionalsender Tele M1 seine Erlebnisse. Das Mikrofon in der Hand, sein Gesicht im Off, sein Name unbekannt. Auch jetzt will er anonym bleiben.
Direkt nach der Medienkonferenz am Mittwochnachmittag schildert der junge Mann dieser Zeitung am Telefon, wie er das Chaos nach den Schüssen erlebte. Wie Panik ausbrach. Wie er und andere auf die Polizei und Rettung warteten. Und wie die die Krankenwagen nicht kamen. «Die Polizei kann noch so behaupten, die Ambulanz sei schnell vor Ort gewesen», sagt der junge Mann. «Ich weiss, was ich erlebt habe.»
Die Polizei betonte an der Medienkonferenz ihr schnelles Handeln. Um 2.32 Uhr ging der erste Notruf ein, innert weniger Minuten seien erste Patrouillen und Rettungskräfte vor Ort gewesen.
«Die Frage ist: Was heisst vor Ort?», fragt der junge Mann am Telefon. «Die Ambulanz war vorne am Anfang der 30er-Zone.»
Um diese Aussage zu verstehen, muss man die Örtlichkeiten kennen. Die Technoparty fand in der Pferderennbahn im Aarauer Schachen statt. Ein Naherholungsgebiet am Rand der Stadt, umgeben von Sportplätzen, Wiesen, Wäldern, der Aare im Norden. Nur ein Strässchen führt durchs Gelände zur Pferderennbahn und zum Ort der Party. Es zweigt von einer Quartierstrasse ab. Eine 30er-Zone, auf beiden Seiten ein Zaun.
Gegen 2.35 Uhr habe er den Notruf gerufen, erzählt der junge Mann. Später nochmals. Irgendwann seien Polizisten in Vollmontur aufgetaucht. Schliesslich sei er selbständig nach vorne gelaufen. Gegen 3.20 Uhr müsse das gewesen sein, schätzt er. Und dann sah er die Krankenwagen. Vorne bei der Abzweigung.
Verletzte mussten das Gelände zu Fuss verlassen
Zu dieser Darstellung passt die Schilderung eines der Opfers gegenüber dem «Blick». Irgendwann einmal seien auch die Krankenwagen gekommen. Die junge Frau schritt nach vorne. 600 Meter Luftlinie. Zu Fuss sind es nochmals einige Meter mehr. Und mit zwei Streifschüssen im Hüftbereich wird der Weg nochmals länger.
Unabhängige Quellen aus dem Kreis der Rettungskräfte bestätigen den Standort der Krankenwagen: Die Rettungsfahrzeuge blieben lange vorne. Stattdessen schritten Rettungssanitäter und Notfallärztinnen nach hinten, als die Polizei das Gelände freigab. Eine Stunde lang habe man die sterbende Maria auf dem kalten Betonboden versucht, zu reanimieren, hört man von Rettungskräften. Vergeblich. Zu den Krankenwagen gebracht habe man sie nicht.
Einsatzleiter Matthias Schildknecht begründete das Vorgehen an der Medienkonferenz mit der Sicherung des Geländes. Klar ist: Als die Polizei auftaucht, ist die Situation unübersichtlich. Das Gelände ist gross, es ist dunkel, die Anzahl Täter unbekannt. Der Schütze könnte sich in der Finsternis befinden. Oder unter den Partygästen. Schildknecht: «Erst wenn das Gelände gesichert ist, können wir die Rettungskräfte durchlassen.»
Warum war die einzige Zufahrt versperrt?
Pikant: Gemäss Informationen von Rettungskräften soll die Zufahrt zum Partygelände und Tatort jedoch durch zwei Fahrzeuge der Polizei versperrt gewesen sein. Ob mit Absicht oder aus Versehen, ist fraglich. Aber so, dass keine nachrückenden Fahrzeuge nach hinten gelangen.
Gerne hätte diese Zeitung von der Medienstelle der Kantonspolizei deshalb erfahren, ob diese Behauptung stimmt. Ob die Zufahrt tatsächlich durch Polizeifahrzeuge versperrt gewesen war. Aus welchen Gründen dies geschah. Ob die Verstorbene eine Stunde lang auf dem Betonboden reanimiert worden ist. Zu welchem Zeitpunkt die Ambulanz nach hinten zum Ort des Rave fahren konnte. Und wann genau die Polizei das Gelände für die Rettungskräfte freigegeben hat.
Doch Mediensprecher Dominic Zimmerli geht auf diese detaillierten Fragen nicht ein. Stattdessen schildert er in seiner schriftlichen Antwort nochmals das Vorgehen der Polizei vor Ort. Wie Kontaktteams zum Tatort vorgerückt sind. Wie die Frontkräfte in taktischer Einsatzmedizin ausgebildet sind. «Wir verfügen über gewisses Material, um auf schwerwiegende Verletzungen reagieren zu können.»
Von Beginn an hätten Absprachen zwischen den Blaulichtorganisationen stattgefunden, schreibt Zimmerli. Erst nach der Sicherung habe die Ambulanz zum Tatort vorrücken können. Ob die einzige Zufahrt absichtlich oder versehentlich versperrt gewesen war, bestätigt der Sprecher somit nicht. Er dementiert die Behauptung aber auch nicht. Sie bleibt offen.
Ohnehin hat in der Zwischenzeit die Staatsanwaltschaft die Kommunikation übernommen. Per Mail teilt sie mit, dass die Medienkonferenz voraussichtlich die letzte aktive Information der Öffentlichkeit gewesen war. Die nächste Kommunikation dürfte bei einem Strafantrag erfolgen.
Könnte Maria S. also noch leben? Die Frage bleibt Spekulation – auch wenn sie früher in einem Rettungswagen gewesen wäre. (schweizheute.ch)

