Schweiz
Interview

Fall Aarau: «Mit dem Wort Amok ist nichts erklärt»

Interview

«Das könnte der erste schwere nihilistische Gewaltvorfall der Schweiz sein»

Gewaltforscher Dirk Baier erkennt in der Tat vom vergangenen Wochenende in Aarau ein Phänomen, das in dieser Form für die Schweiz neu ist. Und er kritisiert die Kommunikation der Polizei.
04.09.2026, 18:1204.09.2026, 18:35
Andreas Maurer / ch media

Herr Baier, Sie leben im Kanton Aargau und wollen sich einbürgern lassen. Wie nahe geht Ihnen die Tat von Aarau?
Dirk Baier: Sie geht mir nahe und weckt in mir die Neugier des Kriminologen. Es war zwar schnell klar, was passiert war, und doch blieb vieles offen. Wir suchen alle nach Erklärungen.

Dirk Baier
Dirk Baier ist Professor für Kriminologie und lehrt an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften sowie an der Universität Zürich. An der Hochschule leitet der 50-Jährige seit 2015 das Institut für Delinquenz und Kriminalprävention. Vorher war er stellvertretender Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover. Er ist in Sachsen geboren und aufgewachsen. In der Schweiz befindet er sich derzeit im Einbürgerungsprozess. (mau)
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Kriminologe Dirk Baier. Bild: andrea zahler/chmedia

Warum wollen wir nach einer solchen Tat unbedingt wissen, was das Motiv war?
Weil wir verstehen wollen, warum ein Mensch anderen das Leben nimmt. Bei einer derart grauenvollen Tat erwarten wir fast zwangsläufig einen Sinn – so absurd dieser auch sein mag. Deshalb greifen wir schnell zu Begriffen wie Terror oder Amok. Ein Etikett gibt uns das Gefühl, die Tat einordnen zu können. Aber damit haben wir sie noch lange nicht verstanden.

Die Polizei spricht von einer Amoktat. Warum reicht Ihnen diese Erklärung nicht?
Amok beschreibt zunächst den Ablauf, sagt aber wenig über die Beweggründe aus. Klassische Amoktaten entstehen häufig aus einer persönlichen Kränkung und richten sich gegen den Ort, an dem der Täter diese Kränkung erlebt hat – etwa eine Schule oder einen Arbeitsplatz. Terroristische Gewalt verfolgt dagegen ein ideologisches Ziel. In Aarau ist bisher weder ein persönlicher Bezug zu den Opfern noch zum Tatort bekannt. Es waren offenbar Zufallsopfer.

Wie würden Sie die Tat stattdessen einstufen?
Als nihilistische Gewalt. Damit ist eine sinnlose Gewalt gemeint, die kein konkretes Ziel verfolgt und aus Menschenhass entsteht. Niemand soll bestraft, keine politische Botschaft verbreitet werden. Die Opfer werden angegriffen, weil sie gerade da sind. Der Tatverdächtige richtete seine Gewalt möglicherweise nicht gegen bestimmte Menschen, sondern gegen das menschliche Leben an sich.

Ist nicht jede Gewalttat sinnlos?
Ja, es geht hier um die Zielgerichtetheit. Bei Terror und Amok verfolgen die Täter ein Ziel, das aus ihrer Sicht einen Sinn hat. Hier scheinen wir es mit einer ziellosen Gewalt zu tun zu haben. Es ging dem Tatverdächtigen wohl darum, sich durchzusetzen, dominant zu sein.

Die Opfer feierten gemeinsam, während Julien G. isoliert lebte. Könnte diese feiernde Menge für alles gestanden haben, was ihm fehlte?
Das ist denkbar. Wer sich über Jahre von der Gesellschaft entfernt, erlebt soziale Wärme, gemeinsames Feiern oder Geborgenheit womöglich nicht mehr. Aus dieser Distanz kann Groll entstehen, aus Groll Wut und aus dem Neid auf das Leben anderer schliesslich ein Vernichtungsgedanke. Der Fall in Aarau könnte der erste schwere nihilistische Gewaltvorfall in der Schweiz sein.

Warum wird nihilistische Gewalt oft von Männern ausgeübt?
Dafür gibt es biologische und gesellschaftliche Ursachen. Männer werden ermutigt, ihre inneren Konflikte für sich zu behalten und physisch zu lösen. Zum Muster der männlichen Sozialisation gehört auch, andere für die eigenen Probleme verantwortlich zu machen.

Julien G. war ein zurückgezogener Eigenbrötler. Jetzt redet die Schweiz darüber, wie die Taten von psychisch kranken Menschen verhindert werden könnten.
Wir müssen aufhören, immer sofort nach den Profis zu rufen, die ihren Job besser machen sollen. Wir dürfen Prävention nicht allein an Psychiatrie, Polizei oder Waffenbehörden delegieren. Wir müssen uns füreinander interessieren und vereinsamende Menschen nicht sich selbst überlassen. Das bedeutet aber nicht, Angehörigen oder Nachbarn im Nachhinein die Schuld zu geben.

Julien G. war ein Eigenbrötler. Wenn er seine Ruhe wollte, sollte man ihn doch in Ruhe lassen.
Prinzipiell ist das so in einer freien Gesellschaft. Alle dürfen sein, wie sie möchten – ausser es verfestigen sich feindselige Einstellungen. Nach so einer Tat suchen wir ein Problem wie das Waffenrecht, das wir lösen können. Das ist aber nicht die entscheidende Ursache. Gewaltprävention lebt davon, dass wir uns alle dafür einsetzen. Ich denke, etwas mehr Interesse aneinander könnte durchaus helfen.

Eine junge Frau ist tot, sechs Menschen wurden verletzt. Wie ordnen Sie das Ausmass der Tat ein?
Die Tat ist eine Katastrophe. Zu den Opfern gehören auch Menschen, die körperlich unversehrt blieben, aber psychisch unter dem Erlebten leiden. Dennoch hätte es schlimmer enden können. Der Täter schoss mehr als 40-mal und hatte drei einsatzbereite Waffen dabei. Nicht auszumalen, was bei einem gezielteren oder routinierteren Einsatz dieser Waffen geschehen wäre.

Wie beurteilen Sie die Kommunikation der Polizei?
Unmittelbar nach der Tat war die Polizei nicht nur physisch, sondern auch kommunikativ präsent. Sie trat früh vor die Medien und sagte offen, was sie noch nicht wusste. Doch nach der Festnahme wechselte sie plötzlich ins Schweigen und kündigte für zwei Tage später eine Medienkonferenz an. Damit schuf sie eine enorme Erwartung, die sie kaum erfüllen konnte.

Die Polizei benötigte Zeit und Energie für die Ermittlungen.
Sie musste auch alle Informationen ordnen. Der Bruch zwischen dem Reden und Schweigen war für die Bevölkerung aber schwer verständlich. Auch ohne neue Ermittlungsdetails hätte die Polizei früher erklären können, was gesichert war und weshalb andere Fragen offenbleiben mussten. (schweizheute.ch)

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