«Therapien» für Homosexuelle werden in Zürich vorerst doch nicht verboten – Linke empört
Eigentlich war das Verbot von Konversionspraktiken im Kanton Zürich bereits ausgearbeitet. Das Geschäft stand kurz vor dem Abschluss und sollte demnächst ins Parlament kommen. Doch nun hat die Geschäftsleitung das Anliegen sistiert.
Therapien, bei denen selbsternannte Heiler versuchen, Homosexuelle «umzupolen», bleiben somit bis auf Weiteres erlaubt. Grund für die Ablehnung: In der Geschäftsleitung war man sich nicht einig, ob der Kanton Zürich ein eigenes Verbot braucht oder ob es nicht reichen würde, auf das nationale Verbot zu warten.
Die bürgerlichen Vertreterinnen und Vertreter wollten abwarten und setzten die Sistierung durch. Diese dauert maximal ein Jahr, kann aber verlängert werden.
«Hinter verschlossener Tür ausgebremst»
Die linken Parteien sind empört. Die Grünen zeigten in einer Mitteilung «keinerlei Verständnis für die durchsichtige Verzögerungstaktik der konservativen Parteien». Ohne die Sistierung in der Geschäftsleitung wäre das Geschäft noch vor den Zürcher Kantonswahlen im April 2027 ins Parlament gekommen.
Für Florian Heer (Winterthur) ist klar, dass die Bürgerlichen einer Debatte aus dem Weg gehen wollen und das Geschäft deshalb «hinter verschlossener Tür» ausbremsten.
Auch für die SP ist der Entscheid «unverständlich und inakzeptabel». Damit verzögere sich ein breit abgestützter Auftrag des Kantonsrats auf unbestimmte Zeit, so die SP. «Eine kantonale Umsetzung des Verbots hätte sichergestellt, dass LGBTQIA+-Personen rasch vor diesen gefährlichen und menschenrechtswidrigen Pseudotherapien geschützt würden», so SP-Kantonsrätin Luisa Schwegler (Zürich).
Die AL kritisiert ebenfalls, dass einzelne Parteien bereit sind, «wider besseren Wissens» die Gesundheit und psychische Unversehrtheit von Betroffenen aufs Spiel zu setzen. Der Versuch, die sexuelle Orientierung oder die Geschlechtsidentität zu unterdrücken, sei «kein Therapieangebot, sondern eine gefährliche Integritätsverletzung», so Kantonsrat David Garcia Nuñez (Zürich).
EVP-Kantonsrat selber betroffen
Auch die queeren Interessengruppen reagierten konsterniert. «Besonders enttäuscht sind wir von der Mitte», so Dominik Steinacher, Co-Präsident der Homosexuellen Arbeitsgruppe Zürich HAZ - Queer Zürich. Sie habe sich von Beginn an für die Vorlage ausgesprochen und trage nun dazu bei, dass sie weiter aufgeschoben werde.
Die Haltung der EVP lässt die Interessengruppen «mit grossen Fragezeichen» zurück. «Ein Mitglied der EVP-Kantonsratsfraktion war selbst von Konversionsmassnahmen betroffen.» Damit ist Renato Pfeffer-Becker (Richterswil) gemeint, der mit seinen Erfahrungen aus dem früheren freikirchlichen Umfeld schon mehrfach in den Medien präsent war.
Mehrere queere Vereine lancieren nun eine Petition, in der sie doch noch ein sofortiges Verbot von Konversionsmassnahmen im Kanton Zürich fordern.
Bundeslösung noch nicht vorhanden
Auch der Zürcher Regierungsrat war eigentlich für ein kantonales Verbot. «Wer eine solche Therapie durchführt oder bewirbt, wird mit Busse bestraft», hiess es in der regierungsrätlichen Vorlage, die nun auf Eis gelegt wurde.
In mehreren Kantonen sind Verbote von «Umpolungstherapien» bereits in Kraft, etwa im Wallis, in Neuenburg und im Kanton Waadt. Andere wie etwa der Kanton Aargau oder der Kanton Luzern warten - wie nun auch Zürich - auf eine nationale Lösung. Ob und wann ein landesweites Verbot kommt, ist jedoch noch offen.
Wie häufig «Umpolungstherapien» in der Schweiz durchgeführt werden, ist nicht bekannt. Immer wieder gelangen jedoch Einzelfälle an die Öffentlichkeit. 2018 hatte ein homöopathischer Arzt in der Westschweiz angeboten, «Homosexualität zu heilen». 2020 empfahl sich ein Psychiater in Schwyz für solche «Therapien». (dab/hkl/sda)
