Umstellung im Kino: Blue testet eine Neuerung, über die sich nicht alle freuen dürften
Das Ticket auf dem Handy ist gescannt, der Kunde will sich bereits in den Kinosaal verabschieden, da sagt der Angestellte: «Einfach zur Information, der Film hat keine Pause.» Der Film an diesem Abend im Zürcher Kino Capitol heisst «Masters of the Universe» und dauert 140 Minuten. Die Vorführung hat noch nicht begonnen, also geht der Kinogänger zur Sicherheit noch aufs WC und kauft sich sein Glacé jetzt anstatt erst später.
Ein Film ohne Pause in einem Kino der Swisscom-Kette Blue – das ist neu. Sprecherin Olivia Willi bestätigt dies auf Anfrage. Man habe beobachtet, dass die Pause im Capitol von den Gästen weniger genutzt werde als in anderen Kinos. «Deshalb haben wir uns entschieden, dort versuchsweise Filme ohne Pause zu zeigen.»
Diese Umstellung sei vorerst ein Test und werde laufend evaluiert, sagt Willi. Zudem beschränke sich der Test derzeit ausschliesslich auf das Kino Capitol. Es gehe darum, die Bedürfnisse des lokalen Publikums besser zu verstehen. Doch auf Nachfrage räumt sie ein: «Die gewonnenen Erkenntnisse können selbstverständlich auch bei der Planung in anderen Blue-Standorten berücksichtigt werden.»
Sprich: Sollte der Test im Capitol-Kino Erfolg haben, könnte die Pause auch in den 88 weiteren Blue-Sälen verschwinden, in den Städten Zürich, Luzern, St. Gallen, Muri bei Bern, Biel, Chur, Genf und Winterthur.
Bei Filmen wie «Masters of the Universe» und seiner Laufzeit von 140 Minuten sollte die Blase der Kinogäste also möglichst leer sein, will man vom Fantasy-Spektakel wegen plötzlichen Harndrangs nichts verpassen. Und beim gemeinsamen Kinobesuch fällt ohne Filmunterbrechung das Diskutieren über das erste Zwischenfazit weg.
Andererseits wird ohne Pause die Filmerzählung nicht unterbrochen und die Stimmung durch das helle Licht im Saal nicht abrupt gestört. Blue zeigt zudem in der Pause Nachrichten auf der Leinwand, welche die Ablenkung vom Filmgeschehen erhöhen. In den USA, Deutschland oder Frankreich sind Kinopausen ein Fremdwort.
Allerdings: «Bei sehr langen Filmen, etwa ab einer Laufzeit von rund 150 Minuten, prüfen wir weiterhin individuell, ob eine Pause sinnvoll ist», sagt Blue-Sprecherin Willi. Bei der bei Superhelden-Fans langersehnten «Avengers»-Fortsetzung Doomsday, bei der eine Laufzeit von zweieinhalb bis drei Stunden erwartet wird, dürfte es also nach wie vor ein Intermezzo geben.
Der Vorteil aus Blue-Sicht: Wenn bei jeder Vorführung eines Films die Pause wegfällt, ermöglicht dies je nach Laufzeit eine zusätzliche Vorführung pro Tag und somit potenziell mehr Umsatz. Doch stellt sich die Frage, ob sich damit die wegfallenden Snack-Umsätze mit Glacés, Popcorn und Getränken aus der Pause kompensieren lassen. «Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschliessend beurteilen», sagt Willi. Wie wichtig die Snack-Umsätze für das Blue-Geschäft sind, verrät sie nicht im Detail. Die Gastronomieumsätze würden «einen relevanten, aber nicht dominierenden Anteil» am Gesamtumsatz ausmachen.
Erst vor zwei Jahren hat Swisscom die Snack-Preise in den Blue-Kinos deutlich erhöht. Eine kleine Portion Popcorn kostete neu 6.90 anstatt wie zuvor 6.20 Franken, die mittlere Portion 8.90 statt 8.20 und die grosse Tüte 10.90 statt 10.20 Franken. Die Preisaufschläge betrugen bis zu 11 Prozent («Schweiz heute» berichtete). Gleichzeitig wird die Bedienungsarbeit zunehmend der Kundschaft überwälzt. Die Gäste müssen sich die Snacks eigenhändig aus den Schränken holen und sie an der Self-Scanning-Kasse selbst bezahlen.
Bei der französischen Kinokette Pathé, einer Konkurrentin von Blue, finden die Vorführungen seit jeher ohne Pause statt. «Wir möchten das Filmerlebnis nicht unterbrechen», sagt Sprecher Stephan Herzog. Ausnahmen seien Event-Formate mit vorgesehenen Pausen, wie zum Beispiel Live-Übertragungen der Metropolitan Opera in New York. «Verpflegung bieten wir vor und nach der Vorstellung in unseren Shops und Bars an.»
Weniger Popcorn im Arthouse-Kino
Zahlen zum Gastrogeschäft nennt auch Herzog nicht, er sagt aber: «Ein Kino kann sich allein aus dem Ticketverkauf nicht finanzieren, da die Eintrittseinnahmen mit den Filmverleihern geteilt werden.» Snackumsätze würden deshalb einen wesentlichen Beitrag zum Gesamtbetrieb beisteuern.
Ebenfalls mit dem ungestörten Kinoerlebnis argumentiert Franziska Thomas von der Arthouse-Kinogruppe in Zürich. Zudem sei der Kioskumsatz in Independent-Kinos eher gering. «Ausnahmen machen wir nur dann, wenn eine Pause vom Filmemacher offiziell vorgesehen ist», sagt Thomas. Dies sei zuletzt beim Film «The Brutalist» der Fall gewesen. Kein Wunder: Das Drama, das 2025 bei den Oscars als bester Film nominiert war, dauerte 215 Minuten. (schweizheute.ch)

