Der Countdown läuft: Bis zum 30. November hat Zeit, wer die Krankenkassen wechseln will. Und das sind auch heuer wieder viele. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung erwägt einen Wechsel oder eine Anpassung, dies jedenfalls zeigt eine neue Studie des Beratungsunternehmens Deloitte. Konkret denken 34 Prozent darüber nach, zu einer anderen Kasse zu gehen, weitere 20 Prozent erwägen, ihr Versicherungsmodell oder ihre Franchise zu optimieren.
Das sind die Handlungsabsichten. Tatsächlich umsetzen werden sie aber bei weitem nicht alle. Dennoch erwartet Deloitte-Studienleiter Marcel Thom auch in diesem Prämienherbst ein reges Treiben: Er schätzt die Wechselquote auf 8 bis 12 Prozent, was knapp dem Vorjahreswert entspricht. Das heisst: Demnach dürften auch heuer wieder zwischen 700'000 bis 1,1 Millionen Menschen ihre obligatorische Krankenversicherung wechseln. «Die Menschen haben aufgrund der vergangenen Prämienschocks gelernt, die Kasse zu wechseln», sagt Thom. «Und sie werden es jetzt wieder tun.»
Gemäss Bundesangaben steigen die Prämien per 2025 im Schnitt um 6 Prozent. Für alle, die bei den Ausgaben für die Krankenversicherung besonders sparen müssen oder wollen, fällt der Prämienschub aber noch viel höher aus. Oder anders gesagt: Prämienoptimierer, die jedes Jahr in ihrer Prämienregion jeweils den günstigsten Tarif beim günstigsten Versicherer wählen, müssen deutlich mehr zahlen. Denn die günstigste Prämie steigt im Schweizer Schnitt um ganze 8,8 Prozent, wie Thom betont. «Das deutet darauf hin, dass die günstigen, alternativen Versicherungsmodelle stärker von Prämienerhöhungen betroffen sind als das Standardmodell.»
Im Schnitt entspricht dieser Aufschlag bei der günstigsten Prämie Mehrausgaben von 25 Franken pro Monat oder 300 Franken pro Jahr. Wobei die Unterschiede zwischen den 42 Prämienregionen sehr gross sind: Überdurchschnittlich stark steigen die günstigsten Prämien in den Kantonen Genf, Tessin und Jura mit einem Aufschlag von 36 bis 46 Franken pro Monat respektive 432 Franken bis 552 Franken pro Jahr.
Nicht alle sind gleich wechselfreudig: Besonders «loyal» ihrer Kasse gegenüber zeigen sich die über 60-Jährigen mit der tiefsten Franchise von 300 Franken und dem Standardmodell. Umgekehrt haben die jungen Erwachsenen im Alter zwischen 30 und 44 Jahren eine hohe Wechselbereitschaft ebenso wie jene, die sich für die höchste Franchise von 2500 Franken und alternative Haushalt- oder Telmed-Modelle entschieden haben.
Besonders mobil sind offensichtlich auch die Versicherten der als Billigkasse positionierten Assura sowie der Concordia und der KPT, was gemäss Deloitte «vermutlich» auf deren Prämienpositionierung der vergangenen zwei Jahren zurückzuführen ist. Die drei Kassen hatten mit vergleichsweise attraktiven Prämien in den vergangenen Jahren viele optimierungsfreudige Neukunden angelockt. Diese sind dann allerdings auch schnell wieder weg, falls woanders ein besseres Angebot lockt.
Die Concordia dürfte allerdings auch beim Wechselspiel in diesem Prämienherbst zu den Gewinnern zählen, wie die Deloitte-Analyse zeigt. In knapp der Hälfte der Prämienregionen gehört Concordia zu den preisattraktivsten drei Versicherungen. Ebenfalls zu den Gewinnern gehören dürften diesmal Helsana, Sanitas, Sympany und ÖKK.
Die KPT dürfte diesmal auf der Seite der Verlierer stehen. Beim Preis topplatziert ist sie nur noch in der Prämienregion Appenzell Ausserrhoden. In zwei Dritteln der Prämienregionen ist ihre Position im Vergleich zum Vorjahr schlechter geworden. Federn lassen dürften diesmal auch die Groupe Mutuel und die CSS, die gemessen an der Anzahl Grundversicherten grösste Krankenkasse der Schweiz.
Der neuste Prämienschock hat auch politische Auswirkungen – und verleiht der Forderung nach einem Systemwechsel zusätzlichen Schub. Die Zustimmung zur Einheitskasse ist auf 70 Prozent angestiegen. Bei der letzten Deloitte-Umfrage im Frühjahr lag dieser Wert noch bei «erst» rund 66 Prozent. Das Ja zur Einheitskasse hat aber nichts mit der Leistung der eigenen Kasse zu tun. Denn egal ob Einheitskassen-Befürworter oder -Gegner: In beiden Gruppen sind rund drei Viertel der Befragten «zufrieden» mit ihrer aktuellen Grundversicherung.
Der Grund für diesen auf den ersten Blick widersprüchlichen Befund basiert auf falschen Hoffnungen. Denn 83 Prozent der Befragten glauben, dass es dank der Einheitskasse zu Prämieneinsparungen kommen werde, was in der Realität kaum der Fall sein dürfte. (aargauerzeitung.ch)