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Gesundheit

Bis zu 1,1 Millionen Leute könnten bald die Krankenkasse wechseln

Nach Prämienschock: Bis zu 1,1 Millionen Leute könnten bald die Krankenkasse wechseln

Gemäss Bund schlagen die Prämien um 6 Prozent auf. Doch wer jetzt seine Prämie optimieren will, den erwartet eine böse Überraschung.
04.10.2024, 06:4304.10.2024, 09:06
Florence Vuichard / ch media
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Der Countdown läuft: Bis zum 30. November hat Zeit, wer die Krankenkassen wechseln will. Und das sind auch heuer wieder viele. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung erwägt einen Wechsel oder eine Anpassung, dies jedenfalls zeigt eine neue Studie des Beratungsunternehmens Deloitte. Konkret denken 34 Prozent darüber nach, zu einer anderen Kasse zu gehen, weitere 20 Prozent erwägen, ihr Versicherungsmodell oder ihre Franchise zu optimieren.

Frau Telefon krankenkasse
Die Jagd nach der günstigsten Kasse hat begonnen.Bild: Shutterstock

Das sind die Handlungsabsichten. Tatsächlich umsetzen werden sie aber bei weitem nicht alle. Dennoch erwartet Deloitte-Studienleiter Marcel Thom auch in diesem Prämienherbst ein reges Treiben: Er schätzt die Wechselquote auf 8 bis 12 Prozent, was knapp dem Vorjahreswert entspricht. Das heisst: Demnach dürften auch heuer wieder zwischen 700'000 bis 1,1 Millionen Menschen ihre obligatorische Krankenversicherung wechseln. «Die Menschen haben aufgrund der vergangenen Prämienschocks gelernt, die Kasse zu wechseln», sagt Thom. «Und sie werden es jetzt wieder tun.»

Gemäss Bundesangaben steigen die Prämien per 2025 im Schnitt um 6 Prozent. Für alle, die bei den Ausgaben für die Krankenversicherung besonders sparen müssen oder wollen, fällt der Prämienschub aber noch viel höher aus. Oder anders gesagt: Prämienoptimierer, die jedes Jahr in ihrer Prämienregion jeweils den günstigsten Tarif beim günstigsten Versicherer wählen, müssen deutlich mehr zahlen. Denn die günstigste Prämie steigt im Schweizer Schnitt um ganze 8,8 Prozent, wie Thom betont. «Das deutet darauf hin, dass die günstigen, alternativen Versicherungsmodelle stärker von Prämienerhöhungen betroffen sind als das Standardmodell.»

Die günstigsten Prämien steigen um 300 Franken pro Jahr

Im Schnitt entspricht dieser Aufschlag bei der günstigsten Prämie Mehrausgaben von 25 Franken pro Monat oder 300 Franken pro Jahr. Wobei die Unterschiede zwischen den 42 Prämienregionen sehr gross sind: Überdurchschnittlich stark steigen die günstigsten Prämien in den Kantonen Genf, Tessin und Jura mit einem Aufschlag von 36 bis 46 Franken pro Monat respektive 432 Franken bis 552 Franken pro Jahr.

Nicht alle sind gleich wechselfreudig: Besonders «loyal» ihrer Kasse gegenüber zeigen sich die über 60-Jährigen mit der tiefsten Franchise von 300 Franken und dem Standardmodell. Umgekehrt haben die jungen Erwachsenen im Alter zwischen 30 und 44 Jahren eine hohe Wechselbereitschaft ebenso wie jene, die sich für die höchste Franchise von 2500 Franken und alternative Haushalt- oder Telmed-Modelle entschieden haben.

Besonders mobil sind offensichtlich auch die Versicherten der als Billigkasse positionierten Assura sowie der Concordia und der KPT, was gemäss Deloitte «vermutlich» auf deren Prämienpositionierung der vergangenen zwei Jahren zurückzuführen ist. Die drei Kassen hatten mit vergleichsweise attraktiven Prämien in den vergangenen Jahren viele optimierungsfreudige Neukunden angelockt. Diese sind dann allerdings auch schnell wieder weg, falls woanders ein besseres Angebot lockt.

Krankenkassenexperte Marcel Thom.
Marcel Thom, Gesundheitsexperte bei Deloitte.Bild: zvg

Die Concordia dürfte allerdings auch beim Wechselspiel in diesem Prämienherbst zu den Gewinnern zählen, wie die Deloitte-Analyse zeigt. In knapp der Hälfte der Prämienregionen gehört Concordia zu den preisattraktivsten drei Versicherungen. Ebenfalls zu den Gewinnern gehören dürften diesmal Helsana, Sanitas, Sympany und ÖKK.

Die KPT dürfte diesmal auf der Seite der Verlierer stehen. Beim Preis topplatziert ist sie nur noch in der Prämienregion Appenzell Ausserrhoden. In zwei Dritteln der Prämienregionen ist ihre Position im Vergleich zum Vorjahr schlechter geworden. Federn lassen dürften diesmal auch die Groupe Mutuel und die CSS, die gemessen an der Anzahl Grundversicherten grösste Krankenkasse der Schweiz.

Schub für die Einheitskasse

Der neuste Prämienschock hat auch politische Auswirkungen – und verleiht der Forderung nach einem Systemwechsel zusätzlichen Schub. Die Zustimmung zur Einheitskasse ist auf 70 Prozent angestiegen. Bei der letzten Deloitte-Umfrage im Frühjahr lag dieser Wert noch bei «erst» rund 66 Prozent. Das Ja zur Einheitskasse hat aber nichts mit der Leistung der eigenen Kasse zu tun. Denn egal ob Einheitskassen-Befürworter oder -Gegner: In beiden Gruppen sind rund drei Viertel der Befragten «zufrieden» mit ihrer aktuellen Grundversicherung.

Der Grund für diesen auf den ersten Blick widersprüchlichen Befund basiert auf falschen Hoffnungen. Denn 83 Prozent der Befragten glauben, dass es dank der Einheitskasse zu Prämieneinsparungen kommen werde, was in der Realität kaum der Fall sein dürfte. (aargauerzeitung.ch)

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216 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Gina3
04.10.2024 07:16registriert September 2023
Mit dem Krankenversicherungssystem verwandelt sich die Schweiz in einen Absurdistan.
Verschwendung und Exzess auf allen Ebenen:
zu viele unnötige Operationen
zu viele nosokomiale Infektionen für ein so reiches Land
zu viele Medikamente für eine Bevölkerung, die Zugang zu hochwertigen Lebensmitteln hätte
zu viele KKwechsel pro Jahr
zu viel Administrative ...

Fazit: zu viel Lobbyismus
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IlGrande
04.10.2024 07:29registriert Januar 2020
Bin in diesem Jahr 25 geworden, somit zahle ich nun auch die vollen Prämienbeiträge. ~4'420 Franken Prämie pro Jahr oder 368.10 pro Monat kostet die günstigste KK bei einer Franchise von 2'500. Somit müsste ich fast 7'000 im Jahr bezahlen, bevor die KK auch nur irgendetwas übernimmt.
Diese Leistung/Versicherung wäre mir etwa 100-150 Franken/Monat wert - irgendwie sind wir komplett falsch abgebogen mit unserem KK-Modell und niemand scheint zu wissen, wie man dieses Problem in den Griff bekommen könnte.
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benn
04.10.2024 07:11registriert September 2019
ich wechsle jedes jahr die ganze familie jeweils zur günstigsten grundversicherung. ein absolut dämliches system, wann wird der selbstbedienungsladen endlich geschlossen und den leistungserbringern die sich schamlos bedienen der riegel geschoben!
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