Westschweizer soll 15 Menschen gefoltert haben
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Im Zentrum dieses grossen Prozesses, der am Montag beginnt, steht Norbert*, ein Mann in den Dreissigern und IV-Rentner. Er ist nicht der einzige Beschuldigte, gilt aber klar als Kopf der Gruppe und soll seine Freunde teilweise in gewaltsame Racheaktionen hineingezogen haben. Über einen Zeitraum von neun Jahren soll der Waadtländer 15 Menschen gefangen gehalten, geschlagen und häufig schwer und gezielt gefoltert haben.
Heute seien die Opfer so verängstigt, dass ein grosser Teil von ihnen auf eine Anzeige verzichtete. Einige litten unter schweren psychischen und körperlichen Folgen. Erst der Mut eines jungen Mannes, der sich im August 2018 an die Polizei wandte, brachte die Justiz dazu, seinen Taten ein Ende zu setzen.
Alles begann 2009. Norbert* war damals 16 Jahre alt und übte laut Anklageschrift körperliche und psychische Gewalt gegen seine damalige Freundin aus.
Er habe sie geschlagen, wenn er verärgert war. «Einmal hielt er ihr während mehrerer Minuten ein Messer an die Kehle.» Lachend soll er gesagt haben: «Stell dir vor, was passieren könnte.» Sieben Jahre später habe das Opfer «aus Angst vor Vergeltung» auf eine Anzeige verzichtet.
«In psychiatrischer Klinik aufgenommen»
Nach drei Jahren gewalttätiger Beziehung wandte er sich offenbar einem neuen Opfer zu, mit dem er zusammenlebte und das er mehrfach schlug und würgte. Laut Anklageschrift stand auch diese zweite junge Frau unter seiner Kontrolle. Sie habe nicht frei ausgehen dürfen und sei gezwungen worden, ihm zu gehorchen. Nach zwei Jahren sei sie «am Ende der Beziehung in einer psychiatrischen Klinik aufgenommen worden». Auch sie verzichtete auf eine Strafanzeige.
Der Beschuldigte sei daraufhin bei einer dritten jungen Frau eingezogen, die noch minderjährig war. Er zwang sie mutmasslich zu Trainingskämpfen mit blossen Händen oder mit seinen Übungswaffen. Dabei schlug er anscheinend hart zu, und das Mädchen bat ihn, aufzuhören. Doch er habe nicht aufgehört. Er soll sie manipuliert haben, damit sie den Kämpfen zustimmte, und habe ihr teilweise Tramadol gegeben, ein Schmerzmittel auf Morphinbasis, damit sie die Schläge weniger spüre.
Eines Tages sei er wegen einer Bemerkung wütend geworden, habe sie auf die Strasse zu Boden geworfen und gezwungen, dort liegen zu bleiben. Mehrfach habe er sie zudem als Zielscheibe benutzt und mit einem Blasrohr Metallpfeile auf sie eingeschossen. Dasselbe habe er später mit mehreren anderen Opfern gemacht. Sie habe versucht, sich mit einer Decke zu schützen, doch die Pfeile bohrten sich in ihre Haut. Mit der Zeit seien die Schläge zum Alltag geworden. Seine Kontrolle führte dazu, dass die junge Frau «vollständig sozial isoliert» wurde. Sie habe sich erst von ihm befreien können, als er eine neue Beziehung begann. 2024 erstattete sie Anzeige – fast zehn Jahre nach den Taten, die sie erlitten habe.
Folterrunden
Doch die Gewalt sei nicht auf seine Partnerinnen beschränkt gewesen. An einem Tag im Jahr 2014 bat Norbert* mutmasslich einen Bekannten, Marihuana kaufen zu gehen. Als der Mann nicht zurückkam, soll Norbert* die ganze Nacht hinter der Tür auf ihn gewartet haben. Als dieser am nächsten Nachmittag schliesslich auftauchte, soll sich sich Norbert* auf ihn gestürzt, ihm dabei einen schwarzen Sack über den Kopf gezogen und ihn an Händen und Füssen gefesselt auf einen Stuhl gesetzt haben.
Nachdem sein Opfer bewegungsunfähig war, folterte er es mutmasslich. Zunächst habe er ihm mit seiner Airsoft-Pumpgun in den Genitalbereich geschossen. Danach habe er Nadeln in die Schultern gestochen und habe mit seinem Gewehr und Blasrohr auf das Opfer geschossen. Er sei als Arzt verkleidet gewesen und habe anschliessend zwei Stromkabel an die Nadeln angeschlossen, um seinem Opfer Stromschläge zu versetzen. Dieser habe gespeichelt, geschrien und gezittert, seinen Peiniger angefleht, mit dieser Foltersitzung aufzuhören – der ruhig wirkend gelächelt haben soll, wie es in der Anklageschrift steht.
Zwei Jahre später sei derselbe junge Mann so stark geschlagen worden, dass seine Lunge perforiert wurde. Anschliessend soll er vor den Augen von Zeugen entführt worden und in Norberts* Wohnung aufgehängt worden sein, bevor er wieder freigelassen wurde. Bei einem vierten Gewaltausbruch sei er aufgehängt, geschlagen und danach «während eines oder zwei Tagen an einen Tisch gefesselt» worden. Der Mann erstattete «aus Angst vor Vergeltung» keine Anzeige.
Während der neun Jahre, in denen die Folter stattgefunden haben soll, wurden auch jene wenigen Personen zu Opfern, die versuchten, die Gewalt zu stoppen. Lionel* sagte etwa, er finde es nicht normal, dass Norbert* seine Partnerinnen schlage. Norbert* soll ihn daraufhin mit einem Plastiksäbel geschlagen haben, sodass er zu Boden fiel. Danach habe er zu einer Trainingsaxt, einem Schwert und einem Holzknüppel gegriffen und soll weiter auf ihn eingeschlagen haben.
Lionel* habe sich schliesslich nicht mehr bewegt. Sein Kopf war blutüberströmt und sein Ellbogen war gebrochen, heisst es. Die anderen Anwesenden brachten ihn auf die Strasse. Als die Ambulanz eintraf, behauptete Lionel*, Opfer einer Erpressung geworden zu sein. Mehrere andere Opfer sollen ähnlich reagiert haben und hätten Polizei oder Rettungsdienste darüber belogen, was ihnen tatsächlich passiert sei. Lionel* erstattete keine Anzeige.
Eines der Opfer nimmt sich das Leben
Ein weiteres Opfer sei während mehrerer Jahre mit Metallpfeilen oder einer Pistole mit Kunststoffkugeln beschossen worden. «Er verzichtete auf eine Anzeige und nahm sich 2020 das Leben», heisst es nüchtern in der Anklageschrift.
Bei jedem Gewaltausbruch hätten die Foltermethoden gewechselt: Schneidezangen, Metallsägen, Lötkolben, Kerzen, Knebel, scharfe Sauce, Pfefferspray, Seile, Ketten, Würgen bis zur Bewusstlosigkeit oder Beinahe-Ertränken.
Erst als sein mutmasslich letztes Opfer, das im August 2018 angegriffen worden war, Anzeige erstattete, kam das Verfahren ins Rollen. Noch am selben Tag wurde Norbert* festgenommen und seine Wohnung durchsucht. Seither sitzt er in Haft.
Die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer: einfache und schwere Körperverletzung, Gefährdung des Lebens, Freiheitsberaubung, Entführung und weitere Delikte. Der Prozess gegen ihn und drei Mitbeschuldigte beginnt am Montag vor dem Gericht in Lausanne. Wegen des Umfangs des Verfahrens wird die Verhandlung in einen grösseren Saal in Renens verlegt. Sie soll sieben Tage dauern. Bis zu einem Urteil gilt für Norbert* die Unschuldsvermutung.
*Namen der Redaktion bekannt
Anlaufstellen für Opfer von häuslicher Gewalt
Unter häuslicher Gewalt versteht man körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt innerhalb einer Familie oder in einer aktuellen oder aufgelösten Paarbeziehung. Betroffene können sich bei den kantonalen Opferhilfestellen melden, die auf der Website der Opferhilfe Schweiz zu finden sind. Seit Mai 2026 existiert zudem die nationale Opferhilfe-Telefonnummer 142.
Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym. Sollten sich Frauen zu Hause nicht mehr sicher fühlen, finden sie in Frauenhäusern eine sichere Unterkunft. Weitere Unterstützung bietet das Frauen-Nottelefon. Betroffene Männer können sich an die Anlaufstelle Zwüschehalt oder an das Männerbüro Zürich wenden. Bei Straftaten im Ausland können Schweizer Staatsangehörige die Helpline des EDA kontaktieren: +41 800 24 7 365.
