Schweiz
Häusliche Gewalt

Fall Patrick Frei: Wie es den Missbrauchsopfern heute geht

Iwona L. umarmt ihre Tochter Paula, bei einer Mahnwache gegen sexualisierte Gewalt, am Montag, 27. Juli 2026 in Untersiggenthal. (KEYSTONE/Andreas Becker)
Mutter und Tochter haben ihren Fall im Juli öffentlich gemacht.Bild: keystone
Häusliche Gewalt

Missbrauchsfall in Untersiggenthal: Wie es den Opfern heute geht

Iwona und Paula L. haben den Missbrauch durch den Aargauer SVP-Grossrat Patrick Frei öffentlich gemacht. Sie erfuhren viel Solidarität, mussten aber auch Rückschläge hinnehmen. Nun erzählen sie, wie es ihnen ergangen ist.
19.10.2026, 12:0019.10.2026, 12:00

Vor drei Monaten machten Iwona und Paula L. den Missbrauch durch den ehemaligen SVP-Grossrat Patrick Frei öffentlich. Seither haben Mutter und Tochter viel Zuspruch und Unterstützung erfahren, mussten aber auch einige Hürden überwinden.

Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagt Tochter Paula L., dass es ihr heute nicht wirklich gut gehe. Die vielen «Onlinetrolle» verletzten sie. Besonders in der Kommentarspalte seien viele negative Reaktionen zu lesen.

Die Mutter berichtet aber auch von vielen positiven Begegnungen. So habe beispielsweise eine Frau aus dem Nachbardorf angeboten, ihr Deutschunterricht zu geben. Auch ihrer Tochter wurde von einer weiteren Frau ein Praktikum als Kosmetikerin angeboten. «Das gibt mir Hoffnung», sagt Paula L.

KEYPIX - Teilnehmende bei einer Mahnwache gegen sexualisierte Gewalt betrachten die Plakate bei der Buehne, am Montag, 27. Juli 2026 in Untersiggenthal. (KEYSTONE/Andreas Becker)
Aus Solidarität mit Iwona und Paula L. fand Ende Juli in Untersiggenthal eine Mahnwache gegen sexualisierte Gewalt statt.Bild: keystone

Iwona und Paula L. möchten weiterhin in der Schweiz bleiben und hier ein normales Leben führen. Das Aargauer Migrationsamt hat den beiden im Herbst 2024 die Aufenthaltsbewilligung widerrufen und wollte sie ausschaffen. Die Behörde wusste damals über die Missbrauchsvorwürfe Bescheid. Nachdem der Fall an die Öffentlichkeit kam, wurde der Entscheid aber aufgehoben.

Laut der Mutter hat es sich gelohnt, zu kämpfen und an die Öffentlichkeit zu gehen: «Erst nachdem unser Fall öffentlich gemacht worden war, wurden verschiedene Entscheide korrigiert. Man hat uns lange nicht wie Opfer behandelt.» Der Kanton Aargau hat eine externe Untersuchung des Falls angekündigt, um alles aufzuarbeiten.

Plötzlich tauchen neue Datenträger auf

Im September entdeckten Ermittler dann neue Datenträger. Auf diesen könnten sich potenziell weitere Missbrauchsvideos befinden.

Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» beschreiben Mutter und Tochter den Fund als belastend. Sie wüssten nur, dass neue Daten gefunden wurden, aber sonst seien sie immer noch im Dunkeln, sagt die Mutter. Entsprechend würden sie sich alles Mögliche ausmalen. Die Tochter beschäftige insbesondere, ob Frei die Aufnahmen auch verkauft haben könnte.

«Ich habe manchmal das Gefühl: Immer, wenn ich mich hochziehe, immer, wenn ich gerade wackelig auf die Beine komme, dann holen mich diese Filme wieder ein.»
Paula L.

Der Aargauer Ex-Grossrat Patrick Frei soll der Mutter und ihrer damals minderjährigen Tochter sowie einer weiteren Frau wiederholt heimlich «K.-o.-Tropfen» verabreicht haben, um an den Opfern systematisch sexuelle Handlungen vorzunehmen. Die Taten soll er aufgezeichnet haben. Die Ermittler stellten Videos von über 40 Vorfällen sicher.

Die Staatsanwaltschaft hatte im Juli Anklage gegen den 57-jährigen ehemaligen SVP-Grossrat Patrick Frei wegen versuchten Mordes und schwerwiegender Sexualdelikte erhoben. Sie fordert eine lebenslange Freiheitsstrafe.

(pem)

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