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Triage: Nicht alle Nachbarländer entscheiden nach denselben Kriterien

Alte müssen warten – das sind die Triage-Kriterien unserer Nachbarländer

Niemand will sie – doch die ganze Welt muss sich darauf einstellen, dass sie in den vollen Spitälern bald Realität werden könnte: die Triage. Doch nicht all unsere Nachbarländer entscheiden nach denselben Kriterien.
31.12.2021, 10:1031.12.2021, 14:24
Samuel Schumacher / ch media
ZU COVID-19-PATIEN*INNEN AUF DER INTENSIVSTATION DES ZUERCHER STADTSPITALS TRIEMLI UND DEREN BEHANDLUNG MIT EINEM ECMO STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES NEUES BILD ZUR VERFUEGUNG. WEITERE BILDER FINDEN SIE  ...
Eine Covid-Patientin auf der Intensivstation des Zürcher Stadtspitals Triemli. Seit 2011 setzt das Spital auf das Manchester Triage System.Bild: keystone

Patienten nach der Schwere ihres Leidens einteilen und dann entscheiden, wer gerettet wird und wer nicht: Das machten schon die preussischen Heere im 18. Jahrhundert. In den beiden Weltkriegen dann gehörte die sogenannte «Triage» zum Alltag in den Feldlazaretten an der Front.

In der aktuellen Situation drohen inzwischen Tausende Spitäler rund um den Globus zu pandemischen Lazaretten an der Kampffront gegen den winzig kleinen Todfeind zu werden. Und rund um den Globus stellen sich Ärztinnen, Ethiker und Politiker die Frage: Wen soll man retten und wen seinem Schicksal überlassen, wenn die Intensivbetten immer knapper und die Notfallstationen immer voller werden?

In der Schweiz hat die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) im März 2020 Triage-Empfehlungen für die Spitäler veröffentlicht. Im Herbst 2021 wurden sie aufgrund der sich zuspitzenden Lage gemeinsam mit der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin überarbeitet. Ziel der Schweizer Triage-Regelung ist es, möglichst viele Menschenleben zu retten. Wenn es hart auf hart kommt, sollen jene bevorzugt werden, die kurzfristig die besten Überlebenschancen haben.

Diese Kriterien sind bei der Triage in Schweizer Spitälern entscheidend.
Bild: keystone/APA

Der Impfstatus einer Person darf dabei keine Rolle spielen. Forderungen etwa der Krebsorganisation Oncosuisse, die Geimpften den Vorzug vor Vakzin-Verweigerern geben möchte, lehnt die SAMW ab. Der Impfstatus, so die Akademie, fliesse allerdings indirekt in die Triage-Entscheidungen ein. Ungeimpfte hätten bei Covid-Erkrankungen nämlich das höhere Risiko eines schweren Verlaufes, was den Behandlungsaufwand massiv erhöhe und ihnen damit schlechtere Chancen bei der Triage einräume.

Auch Behinderung darf keine Rolle spielen

Deutschland, wo erste Triage-Entscheidungen im hart getroffenen Bundesland Sachsen bereits getroffen werden mussten, fragt ebenfalls primär nach der kurzfristigen Überlebenschance eines Patienten. Denn: Je rascher die Genesung erfolgt, umso schneller wird das Intensivbett für den nächsten Patienten frei. Landesweit verbindliche Triage-Regelungen gibt es nicht. Allerdings handeln viele Spitäler nach dem 1995 entwickelten, in Europa weit verbreiteten Manchester Triage System (MTS), das Patienten aufgrund verschiedener Kriterien (u.a. Blutverlust, Schmerzen, Temperatur, Begleitkrankheiten) in Dringlichkeitskategorien einordnet.

Speziell hervorgehoben wird in Deutschland der Schutz der Behinderten. Erst diese Woche hat das Verfassungsgericht unterstrichen, dass die Behinderung einer an Covid erkrankten Person bei der Triage-Entscheidung keine Rolle spielen darf.

Nach denselben Grundsatz-Kriterien wie in Deutschland entscheiden auch die Ärztinnen und Ärzte in Österreich und Frankreich.

Italien gibt den Jungen den Vorzug

Ein Sonderfall in Europa stellt Italien dar. Das Land, in dem die Mediziner im Frühjahr 2020 in den Seuchen-Hotspots rund um Bergamo zahlreiche Triage-Entscheidungen treffen mussten, will nicht primär möglichst viele Menschen retten, sondern möglichst viele Lebensjahre.

FILE - In this March 26, 2020 file photo, military trucks moving coffins of deceased people leave the cemetery of Bergamo, one of the areas worst hit by the coronavirus infection, on their way to a cr ...
Militärlastwagen transportieren am 21. März 2020 Särge mit Covid-Verstorbenen vom Spital zum Friedhof von Bergamo.Bild: keystone

Eine entsprechende Empfehlungsgrundlage hat die Gesellschaft «Società Italiana die Anestesia Analgesia Rianimazione e Terapia Intensiva» (SIAARTI) ausgearbeitet. Konkret heisst das: Bei gleicher Überlebenschance entscheidet Italien sich für die Rettung der jüngeren Person. Italien ist damit das einzige Nachbarland der Schweiz, welches das Alter explizit als Triage-Kriterium erachtet.

Praktisch allen Ländern der Welt gemein ist die Regelung, dass der Impfstatus einer Person bei der Triage keine Rolle spielen darf. In Singapur müssen Ungeimpfte seit dem 8. Dezember die Kosten für eine durch Covid verursachte Intensivbehandlung allerdings selber bezahlen (kostet im asiatischen Stadtstaat im Schnitt 18’500 Dollar). Und in den USA wollten die Berater der «North Texas Mass Critical Care Guideline Task Force» den Spitälern im Norden des Bundesstaats vorschreiben, dass sie Geimpfte bevorzugt behandeln müssen. Wegen massiver Proteste hat die Task Force den Vorschlag allerdings zurückgezogen.

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