Schweiz
International

Zugunglück in Spanien: Experte sieht auch die Schweiz unter Druck

Emergency services work at the scene of a collision between two trains in Urda, Spain, on Wednesday, Oct. 28, 2026. (AP Photo/Manu Fernandez)
APTOPIX Spain Train Crash
Auf der Schnellzugstrecke zwischen Madrid und Sevilla fuhr ein Schnellzug der staatlichen Renfe in einen stehenden Schnellzug eines Privatunternehmens. Mindestens 69 Menschen sind tot.Bild: keystone

Zugunglück in Spanien: Auch Schweizer Bahninfrastruktur unter Druck

In Spanien sind innerhalb von weniger als einem Jahr bei zwei Zugunglücken mindestens 115 Menschen gestorben. Wie steht es um die Schweizer Schieneninfrastruktur? Ein Experte hat Antworten.
30.10.2026, 13:1030.10.2026, 13:27

Nach zwei tödlichen Zugunglücken auf der gleichen Schnellzugstrecke diskutiert Spanien über die Sicherheit seiner Bahninfrastruktur. Beim Unfall am Mittwoch kollidierten zwei Züge, die in die gleiche Fahrtrichtung unterwegs waren. Zum Zeitpunkt des Aufpralls reisten in beiden Schnellzügen 544 Menschen, bis jetzt sind 69 Todesopfer bestätigt.

Schon nach dem ersten Unglück im Januar, bei dem bei einem Schienenbruch 46 Menschen starben, war das Vertrauen in die Hochgeschwindigkeitszüge angeschlagen. Im ersten Halbjahr gingen die Fahrgastzahlen um 14 Prozent zurück.

Wie steht es um den Zustand des Schweizer Schienennetzes? Wie viel Geld steckt der Bund in den Ausbau und Unterhalt der Infrastruktur? Diese stehe auch in der Schweiz unter Druck, sagt Professor Patrick Braess, der an der ETH zur Bahninfrastruktur lehrt und forscht. Er nennt vier Gründe:

«Auf unserem Schienennetz fahren immer mehr Züge, es fahren schnellere Züge, sie beschleunigen schneller und es fahren schwerere Züge. Das alles erhöht die Beanspruchung der Fahrbahn.»

Patrick Braess ist ein sogenannter Professor of Practice. Das heisst, dass er nebst seiner akademischen Tätigkeit an der ETH weiterhin auch bei der praktischen Arbeit am Gleis im Einsatz steht.
Patrick Braess ist ein sogenannter Professor of Practice. Das heisst, dass er nebst seiner akademischen Tätigkeit an der ETH weiterhin auch bei der praktischen Arbeit am Gleis im Einsatz steht. Bild: zvg

Einfachstes Beispiel dafür: Auf den Hauptstrecken fahren heute fast überwiegend Doppelstockzüge. Abnutzung und Verschleiss der Schiene verlaufen dabei ungünstigerweise nicht proportional zur Last, sondern steigen exponentiell an, erklärt Braess: «Steigt beispielsweise die Achslast um 10 Prozent, erhöht das die Abnutzung von Schiene und Schotter eher um 40 Prozent.»

Weil die Züge auf dem Schweizer Schienennetz immer häufiger auch nachts fahren, verkürzen sich auch die Zeitslots, in denen Gleisbauarbeiter die Schiene warten können.

Die effizienteste Lösung ist es daher, Streckenabschnitte zum Unterhalt für eine gewisse Zeit ganz zu sperren. «Das aber führt dazu, dass die Leute wieder aufs Auto umsteigen, weil sie ja nicht einfach mehrere Monate nicht zur Arbeit erscheinen können.»

Schweiz steckt mehr Geld in Unterhalt

watson hat beim Bundesamt für Verkehr nachgefragt, wie viel Geld in den Unterhalt der Bahninfrastruktur fliesst. Das SBB-Streckennetz umfasst eine Länge von 3256 Kilometern. «Dieses Streckennetz ist mehrheitlich mehrspurig», sagt Andreas Windlinger, Leiter Kommunikation beim Bundesamt für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK).«Damit stellt der Bund für die laufende Vierjahresperiode pro Kilometer des SBB-Streckennetzes rund 2,63 Millionen Franken für den Substanzerhalt und Betrieb zur Verfügung.»

Nach dem Zugunglück im Januar hatte der Chef der spanischen Strassen- und Schieneningenieure verlangt, dass Spanien pro Eisenbahnkilometer 150'000 Euro statt der aktuellen 110'000 Euro ausgeben müsste.

Ein anderer Unterschied zwischen dem spanischen und dem Schweizer Schienennetz: Spanien investiert viel mehr in neue Infrastruktur. 84 Prozent der finanziellen Mittel flossen 2025 in neue Schienenprojekte und nur 16 Prozent in den Unterhalt der bestehenden Infrastruktur.

In der Schweiz verhält es sich genau umgekehrt: «Rund zwei Drittel bis drei Viertel der Mittel, die der Bund für das Bahnnetz ausgibt, fliessen in den Substanzerhalt des bestehenden Netzes», sagt Windlinger.

«Mehr Leute im Gleis»

Dass genügend Geld in den Unterhalt der Schiene fliesst, findet auch Bahninfrastruktur-Professor Braess wichtig. Er gibt aber zu bedenken: «Es braucht auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die den Unterhalt leisten.»

Hier habe die Schweiz jahrzehntelang davon profitiert, dass sie mit ihren hohen Löhnen gut ausgebildete Fachkräfte aus dem Ausland angeworben habe. Die Schweiz selbst bildet zu wenig aus. «Wir brauchen mehr Menschen, die wirklich im Gleis stehen», sagt Braess. Es brauche mehr Ingenieure und Ingenieurinnen bei den Infrastrukturbetreibern, zum Beispiel bei den SBB in der Planung, bei den Gleisbaufirmen, die Wartungen ausführen, und beim Bundesamt für Verkehr in der Prüfung. Das heisst:

«Für jeden investierten Franken müsste ich auch drei Ingenieure mehr haben.»
Patrick Braess

Wie viel Sorge macht sich Experte Braess um den Zustand des Schweizer Schienennetzes?: «Sorgen mache ich mir keine, aber es ist eine Herausforderung», sagt er.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Adieu SBB Minibar
1 / 8
Adieu SBB Minibar
SBB-Idylle pur: Die nette Dame von der Minibar serviert der Familie Snacks.
quelle: sbb / alain d. boillat
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Zugkollision in Spanien fordert mindestens 46 Tote
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Streik legt Fährverkehr in Griechenland weitgehend lahm – zahlreiche Touristen betroffen
Wegen eines Streiks der Seeleute ist der Fährverkehr in Griechenland weitgehend zum Erliegen gekommen. Betroffen sind Piräus und sechs weitere wichtige griechische Häfen, berichtete der griechische Rundfunk ERTNews.
Zur Story