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Ruth Irumva, right, is tested for COVID-19 at a testing center in the capital Kigali, Rwanda, Tuesday, July 28, 2020. Like many countries, Rwanda is finding it impossible to test each of its citizens for the coronavirus amid shortages of supplies but researchers there have created an innovative approach using an algorithm to refine the process of pooled testing that's drawing attention beyond the African continent. (AP Photo)

Auch in Afrika, wie hier in Ruanda, sind die Impfprogramme angelaufen, die durch die WHO-Initiative Covax unterstützt werden. Doch die Verteilung ist in den verschiedenen afrikanischen Ländern unterschiedlich. Bild: keystone

Die Schweizer Impfkampagne läuft schleppend, doch: An anderen Orten wartet man viel länger

Zwar sind in den allermeisten Ländern der Welt die Covid-19-Impfprogramme angelaufen. Doch in ärmeren Ländern wird es bis zu einer Durchimpfung noch lange dauern. Marcel Tanner rät zur Beschleunigung.

Bruno Knellwolf / ch media



Zuerst die gute Nachricht: 171 Länder haben gemäss dem Vaccination-Tracker von Reuters mit dem Impfen gegen Covid-19 begonnen. Das tönt besser, als es ist, denn diese Zahl sagt wenig über die reale Impfsituation in einem Teil dieser Länder aus. Generell haben reichere Länder eine bessere Gesundheitsinfrastruktur, um Impfdosen entweder zu produzieren, zu erhalten oder in der Bevölkerung zu verteilen.

56 Prozent der Menschen, die eine Dosis eines Coronavirus-Vakzin erhalten haben, stammen aus reicheren Ländern – 54 Prozent aus Europa oder Nordamerika. Als Beispiel: In Grossbritannien haben 49 Prozent der Bevölkerung eine erste Dosis erhalten, 15 die zweite. Sudan hat auch mit der Impfkampagne begonnen. Dort haben aber nur 0.2 Prozent eine erste Impfung erhalten.

«In Afrika gibt es viele Länder, die kaum oder gar nicht testen. Deshalb gibt es auch keine verlässlichen Daten zur Situation der Pandemie»,

sagt der Basler Epidemiologe Marcel Tanner, der viele Jahre in Afrika und Asien in der Forschung an Infektionskrankheiten, insbesondere der Malariabekämpfung und -Impfung gearbeitet hat. Die Datenlage ist dementsprechend schlecht. Tansanias Präsident hat bis zu seinem Tod vor kurzem jegliche Tests für unnötig erklärt und ist wohl nun selbst an Covid-19 gestorben. Tanner ist dort seit Jahrzehnten an vielen Gesundheits-Projekten beteiligt und hat viele Mitarbeitende an Covid-19 erkranken und auch sterben sehen. Diese tauchen aber nie in einer Statistik auf.

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In weiter entwickelten Staaten wie Südafrika, Kenia oder Ägypten sieht es besser aus

Impfstoffe täten in Afrika somit not, doch die Schätzungen der Experten von «The Economist Intelligence Unit» zeigen, dass dort Impfstoffe erst 2023 breit erhältlich sein werden. Ausser in den weiter entwickelten Ländern wie Südafrika, Ägypten oder Kenia, wo immerhin Anfang 2022 mit einer gewissen Durchimpfung gerechnet werden darf. «Kenia hat im Gegensatz zu anderen afrikanischen Ländern früh mit Testen und Massnahmen begonnen und verfügt somit über eine relativ gute Datenlage», sagt Tanner.

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Im Gesamten sind bis heute nur zwei Prozent der Impfstoffe in Afrika gelandet. Auch andere Weltregionen haben ähnliche Verhältnisse. Während die Versorgung in Indien, das selbst Impfstoffe produziert, gut ist, haben einige Länder in Asien wie zum Beispiel Bangladesch, die Mongolei oder Indonesien Impfbedingungen wie in Afrika und können erst in einem Jahr mit genügend Impfstoff rechnen.

Das gilt auch für einige Länder in Lateinamerika. Das hält Tanner für fatal: «Wir erreichen die neue Normalität nur, wenn weltweit wieder ein Austausch möglich ist und nicht ganze Regionen keinen Impfstoff haben», sagt der Präsident der Akademien der Wissenschaften. Eine Unterteilung in erste, zweite und dritte Welt sei nicht akzeptabel und funktioniere nicht.

Die Schweiz hat «sehr bescheidene» 20 Millionen Franken gespendet

Um eine gerechtere Verteilung zu ermöglichen, hat die WHO die Initiative Covax ins Leben gerufen. Betrieben wird Covax von der WHO zusammen mit den privat-öffentlichen Impfstoff-Allianzen GAVI mit Sitz in Genf, die unter anderem von Partnerländern und auch von der Gates Foundation unterstützt wird.

Covax hat das Ziel, dass bis Ende dieses Jahres mindestens zwei Milliarden Impfstoffdosen bereitstehen, um die akute Phase der Pandemie zu beenden. Gemäss der Covax sollen ärmere Länder mindestens 1,7 Milliarden Impfdosen erhalten, damit rund 26 Prozent der Bevölkerung geschützt sind. Die Schweiz hat dafür 20 Millionen Franken zur Verfügung gestellt, was Tanner bei einer Gesamtsumme von 22 Milliarden und der Rolle der Schweiz auf dem Gebiet der globalen Gesundheit für «sehr bescheiden» hält.

«Beim Covax-Programm geht es nicht nur um die Verteilung, sondern auch darum, mit den einzelnen Ländern Verhandlungen zu führen, um zu verhindern, dass die Regierungen einen Vakzin-Nationalismus pflegen», sagt Tanner. Das ist allerdings in vielen Ländern, gerade auch in Afrika, eine Schwierigkeit. Und nicht nur dort: Venezuelas Präsident hat den Impfstoff an seine Parteigenossen verteilt. Nicht nur die Korruption sei ein Problem, sagt Tanner. Es fehle in diesen Ländern an Erfahrung und Expertise in Management und Logistik. In einigen Ländern sei es einfacher, einen Waffentransport an eine Front zu organisieren als die Versorgung mit Medikamenten und Impfstoffen.

Generell müsse Covax nun schneller operationell werden, sagt Tanner. Dazu gehöre auch, dass in weniger entwickelten Ländern ein pragmatischer Ansatz gewählt werde. Will heissen, auch wenn die Datenlage zu den Coronaviren noch schlecht ist, müssen die Impfprogramme doch geplant und forciert werden.

Die Impfstoff-Verteilung von Covax ist im Gange

Aktiv ist das Projekt Covax-Facility bereits. 40 Millionen Dosen werden aktuell in 114 Länder und davon in 36 afrikanische Staaten geschickt. «Das ist alles gut. Aber 40 Millionen in 114 Länder mit teils riesiger Bevölkerung ist im Verhältnis doch relativ wenig. Namibia hat zum Beispiel bis jetzt nur 25000 Dosen erhalten», sagt der Epidemiologe Tanner. Und WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sagt, dass die meisten afrikanischen Länder nicht einmal genug Vakzine haben, um das Gesundheitspersonal und alle Risikopersonen impfen zu können.

Die Covax hat aufgrund der Komplexität eine Herkules-Aufgabe. Denn dass Länder wie Indien mit gut einer Milliarde Einwohnern bei Impfstoff-Knappheit die Lieferungen nach Afrika auch mal aussetzen, um im eigenen Land genug impfen zu können, ist nicht zu vermeiden. «Trotzdem ist es wichtig, weltweit schnell zu impfen. Dann kann man auch den Einfluss besorgniserregender Varianten, die immer wieder und überall vorkommen, eindämmen», sagt Marcel Tanner.

Generell sind die globalen Impfstoff-Entwicklungen auf gutem Weg. Gemäss der WHO sind zurzeit offiziell 275 Impfprojekte am Laufen. Dazu gehören auch die drei in der Schweiz zugelassenen Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna und Johnson & Johnson. In der EU ist mit dem Impfstoff von Astrazeneca noch ein weiterer Impfstoff zugelassen. Neue Technologien, Vorerfahrung mit Impfstoffprojekten gegen verwandte Viren und die Beschleunigung aller Zulassungsverfahren durch die Arzneimittelbehörden haben es möglich gemacht, dass für die Entwicklung dieser Impfstoffe nicht Jahre gebraucht worden sind, sondern nur Monate.

So werden weltweit acht Impfstoffe eingesetzt, zu denen auch der russische Sputnik, die chinesischen Coronavac und Sinopharm sowie das amerikanische Novavax gehören. Welcher Impfstoff in einem Land eingesetzt wird, spielt nach Tanner momentan keine Rolle. Für eine Zweiklassigkeit der Impfstoffe, was deren Wirksamkeit und Sicherheit betrifft, gibt es gemäss dem Epidemiologen keine wissenschaftlichen Hinweise, auch wenn jener von Astrazeneca gerade in verschiedenen Ländern geprüft oder ausgesetzt wird und zu Sputnik wissenschaftliche Daten bei uns eigentlich fehlen.

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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