So viel kosten Trumps und Putins Kriege die Schweizer Autofahrer
US-Präsident Donald Trump hatte im März versprochen, der Krieg sei «sehr bald vorbei». Doch der August geht dem Ende zu, der Krieg ist nicht vorbei, und Trump droht dem Iran jetzt mit den «vernichtendsten Wirtschaftsstrafen, die jemals gegen ein Land durchgesetzt wurden». Der Iran droht seinerseits, seine Reaktion werde «vernichtend» sein, «strafend und verheerend». Auch wenn sich da beide Seiten voreinander aufplustern, ist offensichtlich: Der Krieg droht zu eskalieren.
Derweil bleibt die Strasse von Hormus weitgehend blockiert, durch welche zuvor 20 Prozent des globalen Ölangebots passierten. Doch der Erdölpreis steht noch immer bei überraschend tiefen 90 Dollar pro Fass. Das sind zwar 30 Dollar mehr als zu Jahresanfang, aber doch wenig für den laut der Internationalen Energieagentur «grössten Schock der Öl-Industrie aller Zeiten». Das grosse Rätsel ist: Warum kostet Erdöl nicht längst viel mehr?
Eine mögliche Antwort darauf ist, dass sich der Erdölpreis von der Energiekrise entkoppelt hat. Sprich: Der Schock ist grösser, als es der Erdölpreis vermuten lassen würde.
Der Erdölpreis muss nämlich für sich genommen nicht gross interessieren. Der Normalverbraucher verbrennt kein Erdöl. Was er oder sie benötigt, ist das, was daraus hergestellt wird: Benzin oder Diesel. Wird Öl teurer, kümmert das hauptsächlich deshalb, weil auch Benzin und Diesel in ähnlichem Ausmass teurer werden. Vor dem Iran-Krieg war das jedenfalls so. Jetzt nicht mehr.
Die Preise von Benzin und vor allem von Diesel liegen heute wesentlich höher, als man es beim aktuellen Erdölpreis erwarten würde. In den USA hat sich der Dieselpreis zuletzt stark erhöht auf fast 190 Dollar pro Fass. Damit nähert er sich dem Allzeitrekord von 2022, als Russlands Präsident Wladimir Putin die Ukraine angriff und so eine Energiekrise auslöste.
In der Schweiz sind die Preise von Benzin und Diesel während des ganzen Iran-Kriegs mehr oder weniger ohne Unterbrechung gestiegen. Kürzlich hat der Benzinpreis die Marke von 2 Franken pro Liter überschritten. Gemäss dem TCS lag er zuletzt bei 2.02 Franken – und damit um 37 Rappen höher als zu Jahresanfang. Bei Diesel war der Anstieg noch grösser, nämlich um 49 Rappen auf neu 2.27 Franken pro Liter.
Der Anstieg ist nicht die Folge einer plötzlich ausgebrochenen Geldgier in der Ölindustrie. Das Problem sind die Schäden, die zwei Kriege weltweit an Raffinerien angerichtet haben.
Mit dem Iran-Krieg wurde nicht bloss die Strasse von Hormus weitgehend blockiert. Der Iran hat in der Region zahlreiche Raffinerien beschädigt, welche sonst das Erdöl zu Benzin oder Diesel verarbeiten.
In Russland war es die Ukraine, die in ihrem Verteidigungskampf systematisch Raffinerien bombardiert hat. Präsident Wladimir Putin hat dies gleichzeitig anerkannt und heruntergespielt. «Natürlich haben solche Angriffe keine kritischen Folgen – sie hatten keine und können auch keine haben. Aber sie fügen uns durchaus Schaden zu – das ist offensichtlich.» Offensichtlich oder nicht: Russland produziert nun viel weniger Diesel.
Versorgung über den Rhein praktisch ausgefallen
All dies bedeutet: Knapp ist heute weniger das Rohöl selbst. Es fehlt vielmehr an Raffineriekapazitäten. Diese Knappheit zeigt sich an einer Kennziffer, dem Crack Spread. Dieser bildet in etwa ab, was eine Raffinerie verdient, wenn sie Rohöl kauft, die langen Kohlenwasserstoffmoleküle aufbricht, also crackt, dann die so entstandenen Produkte wie Benzin und Diesel verkauft und schliesslich den Spread, die Differenz, kassiert.
Der «Crack Spread» ist für Diesel stark angestiegen. In den USA hat er laut der Nachrichtenagentur «Bloomberg» kürzlich ein Allzeithoch von 100 Dollar pro Fass erreicht.
Wenn heute also das Rohöl angesichts eines historischen Ölschocks nicht allzu teuer ist, der Dieselpreis sich jedoch tatsächlich Rekordhöhen annähert, dann liegt das am «Crack Spread». In der «New York Times» warnt ein Öl-Experte deshalb: «Der ‹Crack Spread› wird uns noch das Leben schwer machen.»
In der Schweiz kommt zum Anstieg des Crack Spreads noch der rekordniedrige Rheinpegel hinzu, welcher den Transport von Ölprodukten verteuert. Das Bundesamt für Landwirtschaft schreibt in seinem neuesten Bericht, die Versorgungslage bei Benzin und Dieselöl bleibe angespannt. «Die Versorgung über den Rhein ist praktisch komplett ausgefallen.»
Alles in allem liegen die Preise für Benzin und Diesel hierzulande deshalb weit höher, als beim aktuellen Rohölpreis zu erwarten wäre. Die Ökonomen der Raiffeisenbank schätzen, dass Benzin um 30 Rappen pro Liter mehr kostet, weil der «Crack Spread» angestiegen und der Rhein nicht mehr passierbar ist. Beim Dieselpreis sind es sogar 40 Rappen.
Strasse von Hormus doch nicht blockiert
Die wirtschaftlichen Folgen dürften sich erst noch zeigen. «Explodierende Dieselpreise erschüttern die US-Wirtschaft», titelte die «Financial Times». Diesel ist etwa auf dem Bau und im Gütertransport so wichtig, wie es Benzin im privaten Autoverkehr ist. Europa, das stark von Importen abhängt, könnte es hart treffen. «Bloomberg» zitiert einen Experten, wonach die Preise vor allem im Winter, wenn die Nachfrage grösser ist, extrem ansteigen könnten. «Europa hat ein gewaltiges Dieselproblem.»
Doch es gibt noch eine andere Erklärung dafür, dass der Erdölpreis selbst noch immer unerwartet tief liegt – oder zumindest nicht wie von Experten erwartet auf weit über 100 Dollar pro Fass gestiegen ist. Es scheint so zu sein, dass die Strasse von Hormus nicht so dicht blockiert ist, wie der Iran immer glauben machen wollte. Anscheinend konnten die regionalen Öl-Produzenten dennoch täglich Millionen von Fässern an den iranischen Kontrollen vorbeischmuggeln.
«Für den Ölmarkt ist die Strasse von Hormus nicht geschlossen», sagt der Bloomberg-Experte Javier Blas. Der US-Energieminister Chris Wright hat gar behauptet, es würden täglich 9 Millionen Fass die Strasse passieren. Zusammen mit dem Öl, das seit Kriegsbeginn zusätzlich via Pipelines fliesst, käme kaum weniger Rohöl aus dem Nahen Osten als zuvor. Das hat dem US-Energieminister Wright am Ölmarkt zwar kaum ein Experte abgenommen. Aber dass täglich ungefähr 5 Millionen Fass durchkommen, ist laut Blas weithin akzeptiert. «Die Strasse ist nicht vollständig blockiert. Es gelangt eine beträchtliche Ölmenge heraus.»
Es braucht allerdings nicht viel, und der Ölpreis steigt noch höher. Der «New York Times» zufolge könnte etwa der Iran in Trumps jüngsten wirtschaftlichen Drohungen ein Zeichen der Schwäche sehen. Damit habe Trump in den Augen des Iran nur gezeigt, dass er militärisch nicht mehr eskalieren will, sagt Dennis B. Ross, ein früherer Nahost-Unterhändler der USA. «Das schafft für das Regime einen Anreiz, seinerseits zu zeigen, dass es sehr wohl militärisch eskalieren kann.» (schweizheute.ch)

