«Opfer eines Fehlentscheids»: Berner Gemeinderätin äussert sich zu Festnahme von Transfrau
Der Vorfall hat in den sozialen Medien heftige und kontroverse Diskussionen ausgelöst. Am Sonntag führte die Berner Kantonspolizei eine Transfrau aus dem Marzilibad an der Aare in Bern ab, weil sie eine für Frauen reservierte FKK-Zone, das «Paradiesli», betreten hatte. Einige Badegäste störten sich an der Anwesenheit einer Person mit männlichen Geschlechtsmerkmalen, die gemäss amtlichen Dokumenten eine Frau ist. Schliesslich legte die Polizei der Transfrau Handschellen an und führte sie zum Polizeiposten.
Ursina Anderegg (Grüne) ist Vorsteherin der Direktion für Bildung, Soziales und Sport der Stadt Bern. Die 45-jährige Gleichstellungsexpertin wurde im November 2024 in die Exekutive gewählt. Die Gemeinderätin setzt sich schon lange für queere Anliegen ein.
Ursina Anderegg, die Stadt Bern hat sich via Medienmitteilung bei der Transfrau entschuldigt, die von der Polizei aus dem Marzilibad abgeführt wurde. Werden Sie das auch noch persönlich tun?
Ursina Anderegg: Ich stehe in Kontakt mit ihrem Umfeld und werde mich in den nächsten Tagen persönlich bei ihr entschuldigen, wenn sie dazu bereit ist. Sie ist Opfer eines Fehlentscheids.
Die Badileitung hat die Polizei gerufen, weil sich die Transfrau weigerte, das «Paradiesli» zu verlassen. Weshalb hat die Badileitung aus Ihrer Sicht falsch gehandelt?
Alle Personen, die sich als Frau identifizieren, haben Zugang zum «Paradiesli». Das besagen die Regeln des zuständigen Sportamts. Grundsätzlich genügt eine Selbstdeklaration. Einige Gäste beschwerten sich über die Anwesenheit der Transfrau. Deren Begleiterinnen solidarisierten sich mit ihr, und die Lage eskalierte. Die Badileitung schätzte die Situation falsch ein, und es kam zur polizeilichen Wegweisung.
Überrascht Sie das?
Ich kann grundsätzlich nachvollziehen, dass manche Personen in einer solchen Situation verunsichert sind. Die Gesellschaft hat es sich antrainiert, Geschlecht mit körperlichen Merkmalen gleichzusetzen. Aber langsam gewöhnen wir uns – in unterschiedlichem Tempo – an mehr Diversität und daran, dass die Kategorien Mann und Frau nicht alle Geschlechtsidentitäten erfassen. In diesem Spannungsfeld können aber Konflikte entstehen, gerade wenn es um intime Räume wie Frauenabteile in Badis geht.
Welche Lehren zieht die Stadt Bern aus dem Vorfall?
Die Situation lief aus dem Ruder, weil die bestehenden Zutrittsregeln offenbar nicht bekannt waren. Es ist wichtig, dass wir diese gut erklären. Wir werden sie vor Ort sichtbar machen. Wir werden das Badipersonal besser schulen, um Vorfälle wie am Sonntag möglichst zu vermeiden.
Einige Frauen haben das «Paradiesli» verlassen, weil sie sich durch die Anwesenheit einer Person mit Bart, Körperbehaarung und männlichen Geschlechtsmerkmalen unwohl fühlten. Was sagen Sie diesen Frauen?
Dass ich für sie Verständnis habe. Umso wichtiger ist es jetzt, mit diesen Personen in Kontakt zu treten. Wir wollen herausfinden, wie wir das «Paradiesli» gestalten können, damit sich dort alle Menschen sicher und geschützt fühlen – auch Transfrauen mit männlichem Erscheinungsbild.
Müssen Frauen, die sich angesichts männlicher Geschlechtsteile gestört fühlen, künftig auf den Aufenthalt dort verzichten?
Genau das wollen wir verhindern, indem wir jetzt in aller Ruhe einen Dialog mit allen «Paradiesli»-Besucherinnen führen. Ich könnte mir vorstellen, dass sanfte Veränderungen ein Lösungsansatz wären. Zum Beispiel könnte man mit Pflanzentöpfen Rückzugsorte schaffen.
Müssen auch Transpersonen toleranter sein, wenn jemand Mühe bekundet, eine Person mit äusserlich männlichen Merkmalen nicht als Frau zu lesen?
Es braucht Toleranz von allen Seiten. Die meisten Transpersonen haben viel Erfahrung darin, in Bezug auf ihre Geschlechtsidentität nicht korrekt wahrgenommen zu werden. Ihnen ist bewusst, dass ihre Lebensrealität irritierend wirken kann. Sie leisten aber im Alltag viel Aufklärungsarbeit. Der direkte Kontakt mit Transmenschen hilft, Vorurteile abzubauen. Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft einen unverkrampften Umgang mit Geschlechtsidentitäten finden. Je besser das gelingt, desto eher können wir Verletzungen und Diskriminierung vermeiden. Und wir müssen uns bewusst sein, dass sich die Mehrheitsgesellschaft in einer privilegierten Situation befindet. Die meisten Transmenschen haben einen langen Leidensweg hinter sich.
Geraten Rückzugsorte für Frauen in Gefahr, wenn alle Personen, die sich als Frau ausgeben, exklusiv für Frauen reservierte Bereiche betreten dürfen? Für 75 Franken kann sich jedermann unbürokratisch zur Frau erklären lassen.
Die Schutzräume sind nicht in Gefahr. Es wird nur neu ausgehandelt, wie ein Schutzraum gestaltet werden kann. Die Missbrauchsdebatte ist alt und poppt regelmässig auf. In der Realität gibt es aber praktisch keine Fälle, in denen Männer ihr Geschlecht missbräuchlich ändern. Es ist nicht einfach, einen Ausweis mit sich zu tragen, der vom äusseren Erscheinungsbild abweicht. Man muss damit rechnen, dass man andere Personen irritiert und Gewalt ausgesetzt ist. Das macht niemand freiwillig. (schweizheute.ch)

