Transfrau-Eklat in Berner Freibad: Jetzt äussert sich die Polizei
Am Sonntagabend eskaliert im Berner Freibad Marzili eine Situation: Eine trans Frau wurde im sogenannten «Paradiesli», dem für Frauen reservierten FKK-Bereich des Freibads, von der Polizei abgeführt.
Die Stadt Bern räumt inzwischen ein: Das hätte nicht passieren dürfen.
In einer Medienmitteilung vom Montag schreibt die Stadt, der Entscheid habe sich «im Nachhinein als falsch» erwiesen. Die Direktion für Bildung, Soziales und Sport bedauere den Entscheid ausdrücklich und entschuldige sich bei der betroffenen Person.
Die Person habe den Frauenbereich auch nach mehrmaliger Aufforderung durch das Personal nicht verlassen wollen. Deshalb sei die nächste verfügbare Patrouille ausgerückt, «um die Situation zu klären», schreibt die Kantonspolizei. Die Polizei verfolge grundsätzlich das Ziel, Konflikte durch Kommunikation und Deeskalation einvernehmlich zu lösen. Im vorliegenden Einsatz sei dies wegen der Weigerung der betroffenen Person jedoch nicht möglich gewesen.
Weiter schreibt die Kantonspolizei, die betroffene Person habe sich unkooperativ gezeigt und sich nicht ausweisen wollen. Eine Prüfung der Identität sei vor Ort nicht möglich gewesen. Die Badeanstalt habe in der Folge von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht und verlangt, dass die Person die Badeanstalt verlassen müsse.
Danach habe sich die betroffene Person «aktiv und vehement gegen die polizeilichen Massnahmen» gewehrt. Deshalb sei sie in Handschellen gelegt und für weitere Abklärungen auf eine Polizeiwache gebracht worden. Anschliessend sei sie wieder entlassen worden.
So ist die Situation eskaliert
Die Frau, die wir hier Chiara* nennen, hatte sich am Sonntagabend im «Paradiesli» aufgehalten. Dabei handelt es sich um einen FKK-Bereich für Frauen, der baulich vom übrigen Marzili abgetrennt ist.
Gemäss Darstellung der Stadt wurde Chiara «aufgrund einiger körperlicher Merkmale» von anderen Badegästen nicht als weiblich gelesen. Mehrere Besucherinnen hätten sich durch ihre Anwesenheit gestört gefühlt.
Daraufhin habe die Anlageleitung das Gespräch mit Chiara gesucht und sie gebeten, das «Paradiesli» zu verlassen. Auch Gespräche mit dem Präsenz- und Präventionsteam des Sicherheitsdienstes Taktvoll hätten keine Beruhigung gebracht. Wegen der zunehmend angespannten Stimmung habe sich der Betrieb schliesslich für eine polizeiliche Wegweisung entschieden.
Die Polizei teilte danach mit, die betroffene Person habe sich trotz Aufforderung durch das Badepersonal geweigert, den Frauenbereich zu verlassen – und mehrere Anwesende hätten sich mit der betroffenen Person solidarisiert. Sie hätten die polizeiliche Intervention behindert, während sich die Person den Massnahmen aktiv widersetzt habe. Im Verlauf des Einsatzes sei eine Polizistin tätlich angegriffen und leicht verletzt worden. Schliesslich sei die Frau abgeführt worden.
Genau dieses Vorgehen bezeichnet die Stadt nun als falsch.
Denn brisant ist: Laut Stadt Bern hätte Chiara den Frauenbereich benutzen dürfen. In der Mitteilung heisst es, alle Personen, die sich als Frau identifizieren und als solche leben, hätten Zugang zum «Paradiesli». Eine interne Orientierungshilfe des Sportamts und der Fachstelle für Gleichstellung in Geschlechterfragen halte zudem fest, dass im Härtefall das amtliche Geschlecht gelte. Und: Die betroffene Person habe diese Zutrittsregelung erfüllt, schreibt die Stadt.
Für eigene Rechte eingestanden
Aus dem direkten Umfeld von Chiara heisst es gegenüber watson, die Frau sei nach dem Vorfall psychisch stark belastet. Eine Person, die mit ihr in engem Kontakt steht, sagt, Chiara sei «massiv am Boden», zerstört und in ihrer Existenz erschüttert.
Die Aare und das Marzili seien für sie bisher wichtige Orte gewesen. Nun sei plötzlich ausgerechnet dieser Ort für sie mit dem Gefühl verbunden, dort nicht mehr sicher zu sein. Besonders die Darstellung, Chiara sei nach Aufforderung des Badepersonals «einfach nicht gegangen», greife aus Sicht ihres Umfelds zu kurz. Sie habe nicht grundlos Widerstand geleistet, sondern sei für sich und ihre Rechte eingestanden, da es keinen Grund gab, sie aus dem Frauenbereich zu bringen – auch nicht für die Polizei.
«Sie hat sich nicht einfach abtransportieren lassen, sondern darauf bestanden, dass sie dort sein darf. Schliesslich ist sie im Pass als Frau eingetragen», sagt die Person aus ihrem Umfeld am Telefon.
Damit stellt sich die Frage: Weshalb wurde am Ende die trans Frau aus dem Frauenbereich entfernt – obwohl sie laut Stadt Bern die Zutrittsregelung erfüllte?
Nicht erster Vorfall laut Umfeld
Die Stadt schreibt in ihrer Mitteilung von einer «konfliktbeladenen Stimmung», die zu einer falschen Einschätzung der Situation geführt habe. Künftig soll der Zugang zum «Paradiesli» klarer kommuniziert werden. Zusätzlich zur internen Orientierungshilfe soll ein öffentlicher Leitfaden erstellt werden, der den Zugang vor Ort und online erklärt.
Zudem werde das Anlagepersonal im Marzili in den kommenden Tagen durch ein Präsenz- und Präventionsteam von Taktvoll unterstützt und gezielter im Umgang mit geschlechtsspezifischen Schutzräumen geschult.
Genau dieser Punkt sorgt im Umfeld der betroffenen Frau allerdings für Kritik.
Aus dem Umfeld von Chiara heisst es, bei vielen queeren Menschen sei das Vertrauen in Taktvoll nach dem Vorfall erschüttert, da das Team bereits beim eskalierten Vorfall involviert war. Die Stadt müsse deshalb nicht nur die Regeln im Marzili klären, sondern auch die Rolle von Taktvoll aufarbeiten.
Aus dem Umfeld der betroffenen Frau wird zudem kritisiert, der Vorfall sei kein Einzelfall. Es habe im Marzili bereits früher Situationen gegeben, in denen trans Personen oder Menschen, die «nicht in ein bestimmtes Bild passten», von anderen Badegästen beanstandet worden seien. Die Reaktion falle dann oft zugunsten jener Personen aus, die sich beschwerten, heisst es aus Chiaras Umfeld.
Diese Darstellung lässt sich derzeit nicht verifizieren. Die Stadt Bern schreibt in ihrer Mitteilung, sie setze sich ausdrücklich für eine solidarische Gemeinschaft ein, die sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung stelle.
Trotzdem: Aus Chiaras Umfeld heisst es, die erste Reaktion der Stadt werde grundsätzlich begrüsst. Doch es brauche auch eine Aussprache und eine Klärung, damit solche Situationen nie mehr passieren könnten.
(*Name geändert)
