Knapp vier Jahre ist es her, dass der Versicherungskonzern Axa dem Branchenverband den Rücken kehrte. Offiziell begründet wurde der Schritt Ende 2020 mit einem «anderen Verständnis der politischen Einflussnahme», wie es damals hiess. Namentlich störte sich Axa aber vor allem an den europapolitisch kritischen und SVP-freundlichen Interventionen von Rolf Dörig, dem damaligen Präsidenten des Schweizerischen Versicherungsverbandes SVV. Nun kehrt der abtrünnige Versicherer per Anfang 2025 und damit pünktlich zum 125-Jahr-Jubiläum des Verbandes zurück, wie der neue SVV-Präsident Stefan Mäder bestätigt. «Das freut uns sehr.» Es sei wichtig, dass die Branche geschlossen auftrete und mit einer Stimme spreche.
Was haben Sie dem Axa-Konzern versprochen, damit er zurückkehrt?
Stefan Mäder: Gar nichts, Axa wird ein Mitglied wie jedes andere auch.
Haben Sie nicht versprochen, zurückhaltender zu sein als Ihr Vorgänger und sich nicht mehr zu politischen Themen zu äussern?
Jeder Präsident hat seinen Stil. Mein Stil ist klar: Ich vertrete als Verbandspräsident die Anliegen der Versicherungsbranche, die wir zuerst im Vorstand gemeinsam erarbeitet haben. Nicht mehr und nicht weniger.
Also keine europapolitischen Sonderzüge mehr?
Geregelte Verhältnisse zu Europa sind für uns wichtig. Aber wir haben das Europa-Dossier noch nicht besprochen, das kommt jetzt dann wieder auf den Tisch. Und wir müssen dazu eine Position haben. Welche, entscheidet der Vorstand. Und was auch immer dann das Ergebnis sein wird, es ist als Präsident meine Aufgabe, dieses nach aussen zu vertreten.
Und falls sich die Mitglieder mal nicht einig sind?
Dann liegt es an mir, den grössten gemeinsamen Nenner mit dem Vorstand zu erarbeiten. Ein Vorteil ist vielleicht auch, dass ich in keiner Partei Mitglied bin. Als Verband der Privatversicherer kämpfen wir für marktwirtschaftliche Lösungen, die auf Wettbewerb und Eigenverantwortung basieren. Das sind Prinzipien, die auch mir persönlich wichtig sind.
Es scheint eine Zeit der Versöhnungen zu sein. Raiffeisen ist zurückgekehrt zur Bankiervereinigung, Axa schliesst sich dem Versicherungsverband wieder an, die beiden Krankenkassenverbände wagen den Neustart.
Eine der Stärken der Schweiz ist, dass wir gemeinsame Lösungen finden, obwohl wir unterschiedliche Positionen haben. Der «gutschweizerische Kompromiss» wird zwar manchmal ein wenig belächelt, aber es ist einer der Erfolgsfaktoren der Schweiz. Am Schluss haben wir eine Lösung für unser Land, für die Bürgerinnen und Bürger, für die Zukunft und die Gesellschaft.
Kompromisse führen nicht immer zu einer Lösung. Das hat jüngst die Abstimmungsschlappe beim BVG, also der beruflichen Vorsorge, gezeigt. Was nun?
Wir haben doch hier eine Lösung, wir haben unser gut funktionierendes Dreisäulensystem.
Aber die zweite Säule hat Probleme, das war doch Ihre Position bis zum Abstimmungswochenende?
Die Bevölkerung hat zum dritten Mal die Senkung des Umwandlungssatzes abgelehnt. Das müssen wir respektieren. Es braucht einen Marschhalt. Das muss auch die Politik einsehen. Aber wir haben ein demografisches Problem, das müssen wir früher oder später angehen. Aber, Stand heute, geht es den Pensionskassen gut, der Deckungsgrad ist hoch.
Weil die Börsen gut liefen.
Das ist so. Es ist immer nur eine Momentaufnahme. Es kann sich sehr schnell ändern, zwei schlechte Börsenjahre und die Situation sieht wieder ganz anders aus. Mich persönlich reut am Nein zur BVG-Revision am meisten, dass nun all jene mit tiefen Löhnen und Teilzeitpensen weiterhin kein Recht auf eine zweite Säule haben. Und das trifft vor allem die Frauen.
Sie sehen also keine Schuld bei sich, dass die Reform abgelehnt wurde – etwa wegen zu hoher Vermögensverwaltungsgebühren?
Wir kassieren nicht ab, wie das immer wieder behauptet wird. Das stimmt einfach nicht. Mag sein, dass es auch hier einige schwarze Schafe gibt, wie überall. Aber im Grundsatz wird das Vermögen in Pensionskassen und Sammelstiftungen extrem effizient verwaltet. Die Vermögensverwaltungskosten sind bedeutend tiefer als jene, die man als Privatperson zahlt. Aber ich glaube, wir haben woanders versagt.
Wo?
Bei der Aufklärung. Gemäss einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr wissen ganze 70 Prozent nicht, dass die BVG-Gelder ihnen persönlich gehören. 70 Prozent! Das ist wahnsinnig! Da haben wir als Versicherungsbranche eine Bringschuld. Wir müssen zusehen, dass alle verstehen, dass das Vorsorgegeld in der zweiten Säule jedem Einzelnen individuell gehört. Dass dieses Geld Teil ihres persönlichen Vermögens ist. Eine Art Sparkonto, bei dem die Menschen bei der Pensionierung entweder das Kapital oder die Rente beziehen können. Da braucht es Basisarbeit, die wir machen müssen.
Wechseln wir zu einem anderen Politikum, das Ihre Branche umtreibt: die Erdbebenversicherung. Seit Jahren haben Sie dafür gekämpft, nun hat der Bundesrat einen Vorschlag präsentiert, und Sie sind dagegen. Wieso?
Beim bundesrätlichen Vorschlag müssten alle Immobilieneigentümer im Fall eines Erdbebens solidarisch einen Betrag von bis zu 0,7 Prozent ihres Liegenschaftsversicherungswertes einzahlen. Das ist keine Versicherung, das ist eine nachgelagerte Steuer.
Und weil es keine Versicherung ist, stören Sie sich daran, dass Sie nichts daran verdienen können?
Natürlich würde uns mit dem Bundesratsvorschlag ein Geschäft entgehen. Aber es geht vor allem um das Prinzip: Erdbeben können privat versichert werden, sie erfüllen alle Kriterien. Das heisst: Erdbeben treten selten, zufällig und regional begrenzt auf, sie treffen also nie alle gleichzeitig – und Erdbeben sind sogar international rückversicherbar. Anders als etwa eine Pandemie, die nicht versicherbar ist, weil sie alle auf einmal trifft.
Sie plädieren für private und wettbewerbliche Lösungen, wollen die Erdbebenversicherung für alle Hausbesitzer als verpflichtend erklären. Ist das nicht ein Widerspruch?
Nein. Wir müssen die heutige Situation anschauen: Derzeit sind nur gerade 15 Prozent aller Liegenschaften gegen Erdbeben versichert. Das reicht einfach nicht. Wir schlagen deshalb vor, dass Erdbeben als zehnte Naturgefahr in die Elementarschadenversicherung aufgenommen wird und über den Elementarschadenpool solidarisch getragen wird. Es wäre in der Tat eine Pflichtversicherung, bei der im Grundsatz alle den gleichen Prämiensatz zahlen, egal ob ihr Haus in einem Gebiet mit höherem oder tieferem Erdbebenrisiko steht. Und je erdbebensicherer gebaut wird, desto tiefer sollte dann die Prämie der Pflichtversicherung sinken.
Neu auf der Karte sind Cyberrisiken. Sind diese denn versicherbar?
Ja – noch. Und wir bieten Cyberversicherungen auch an. Es ist derzeit ein sehr schnell wachsendes Geschäftsfeld. Allein innerhalb des letzten Jahres hat das Prämienvolumen um 18,5 Prozent zugenommen. Gleichzeitig ist es auch noch ein sehr kleines Feld: Nur gerade knapp 10 Prozent der Schweizer Firmen sind heute gegen Cyberrisiken versichert, das Prämienvolumen beläuft sich auf bescheidene 141 Millionen Franken. Das ist nichts.
Wieso sagen Sie «noch» versicherbar?
Weil: Die Frage hier lautet nicht, ob das grosse Cyber-Ereignis passiert oder nicht, sondern wann? Nehmen wir den Fall von Crowdstrike, bei dem innert Stunden auf der ganzen Welt Flugzeuge am Boden blieben und Apparaturen in Spitälern nicht mehr funktionierten. Das zeigt die globale Dimension des Cyberrisikos. Weltweite Schäden sind dann eben nicht mehr versicherbar.
Wobei es sich hier einfach um einen Fehler beim Update der Crowdstrike-Software handelte.
Genau. Bei einem böswilligen Angriff dürfte das Problem nicht so schnell gelöst werden. Daran sieht man, dass wohl ein Teil der Risiken nicht mehr versicherbar sein wird. Deshalb muss zuerst einmal in die Prävention investiert werden. Dies erhöht die Versicherbarkeit und damit auch die Durchdringung. Bei weltweiten Schäden jedoch wird man früher oder später eine Lösung mit dem Staat diskutieren müssen.
Also, dann sind jene, die jetzt Cyberversicherungen kaufen, die Dummen, weil die Versicherung beim grossen Knall doch nicht hilft.
So vereinfacht kann man das nicht sagen. Wir als Versicherungsbranche stehen zu unserem Leistungsversprechen in den Policen, helfen mit unseren Produkten aber auch ein Risikobewusstsein zu schaffen. Und wir zeigen präventiv auf, wie Unternehmen und Privatpersonen ihre Risiken minimieren können. Zudem unterstützen wir die Unternehmen darin, wie sie im Schadensfall möglichst schnell wieder funktionsfähig werden. (aargauerzeitung.ch)
Wir waren früher bei Swiss Life, über einen Knebelvertrag mit 8 Jahren Laufzeit, versichert. Am 1. Januar hätte die ganze Jahresprämie einbezahlt werden müssen, niemand kann das, Zahlung am 3. und Eingang an 4., kurz darauf flatterte eine Rechnung ins Haus mit 4 Tagen Verzugszins. Ein unscheinbares Blatt Papier zusätzlich zum Versicherungsnachweis zeigte die Zinsen im Überobligatorischen und eine zusätzliche Verwaltungsgebühr von 53% des Zinsertrages obwohl die Gebühr mit der regulären Rechnung bezahlt wurde. Das Üo ist eine Black Box, zum Abzocken gemacht.
Diese Aussage braucht schon extrem viel Selbstvertrauen, angesichts der Tatsache, dass die PK meist schlechter als der Markt abschliessen.
Aber irgendwie muss man ja die überteuerten Verwaltungskosten rechtfertigen.