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Interview

Fall «Carlos»: Ex-Jugendanwalt Gürber erzählt, was damals wirklich geschah

Mit ihm hat der Fall «Carlos» begonnen: Ex-Jugendanwalt Hansueli Gürber schildert zum ersten Mal seine Sicht auf den Skandal und erhebt einen schweren Vorwurf. Sein Vorgesetzter soll gelogen haben.

Andreas Maurer / CH Media



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Er entsprach nie dem typischen Bild eines Jugendanwalts: Hansueli Gürber diese Woche in seinem Wohnzimmer in Adliswil ZH. Bild: Severin Bigler

Vor dem Interview will Hansueli Gürber noch eine Zigarette rauchen. Der 68-Jährige steht in seinem Garten in Adliswil ZH und bläst den Rauch Richtung Üetliberg, der sich vor ihm in die Höhe wölbt. Neben ihm gackern die Hühner. Er hält drei Sorten mit je einem Hahn. Das Setting hat er so arrangiert, dass die Gockel gut miteinander auskommen. Gürber drückt den Stummel in den überquellenden Aschenbecher und giesst sich einen Kaffee in eine Tasse mit Totenkopf-Motiv.

Sechs Jahre lang haben Sie geschwiegen zum Fall «Carlos». Warum sind Sie jetzt bereit, Ihre Geschichte zu erzählen?
Hansueli Gürber:
Es ist unglaublich, dass die gesamte Zürcher Politszene eigentlich weiss, was damals abgelaufen ist. Aber alle halten dicht. Ich habe es satt, die ganze Geschichte noch länger für mich zu behalten. Mit dem Prozess gegen Brian K. sind die Ereignisse von 2013 bei mir wieder hochgekommen. Ich werde dauernd darauf angesprochen. Deshalb habe ich entschieden, dass es am besten ist, jetzt Transparenz zu schaffen.

Zuerst zur Vorgeschichte: Wie hat der Fall für Sie begonnen?
Ich kam 1997 als Leitender Jugendanwalt nach Zürich und übernahm Brian dort von einem Kollegen. Nach der ersten Verhaftung von Brian, die sich nachträglich als ungerechtfertigt herausstellte – Brian war von einem anderen Jugendlichen fälschlicherweise als Täter bezeichnet worden – war das Verhältnis zwischen diesem Jugendanwalt und Brians Vater schlecht. Ein Neuanfang war nötig.

Schon mit dem 13-jährigen Brian waren die traditionellen Heime und Wohngemeinschaften überfordert. Was war die Ursache?
Einerseits war er ein lebhafter Jugendlicher, einer, der aus seinem Leben etwas machen wollte. Andererseits hat er bald realisiert, dass er keine Chance haben wird. In der Schule war er auffällig. Mit 17 war er auf dem Niveau eines Primarschülers. Eine Lehre zum Beispiel war schlicht nicht möglich.

Dieses Problem haben auch andere.
Ja, manche Jugendliche realisieren mit 15, dass sie voll schräg im Leben stehen und vermutlich nie eine Chance haben werden. Deshalb beginnen sie, sich zu prügeln – eine nachvollziehbare Reaktion. In den meisten Fällen gibt es aber eine Lösung. Man vermittelt ihnen einen Job, zum Beispiel in der Migros, wo sie Regale auffüllen können. So kommen sie zu ihrem ersten Lohn und schon gewinnen sie Zuversicht. Brian war immer anders. Er wollte mehr als das. Er wollte jemand werden.

Weshalb entschieden Sie sich für das berühmte Sondersetting?
Wir standen vor zwei Möglichkeiten. Weil wir alle möglichen Heime angefragt haben und nur Absagen erhalten haben, hätten wir ihn einfach auf die Strasse stellen und abwarten können, bis wieder etwas passiert. Das wollten wir nicht. Deshalb haben wir nach einer Alternative ausserhalb der Institutionen gesucht.

Der Jugendanwalt und sein Problemfall

Hansueli Gürber war vier Jahre Staatsanwalt, zwei Jahre Richter und fast dreissig Jahre Jugendanwalt. Vor seiner geplanten Frühpensionierung liess er seine Kreativität durch eine SRF-Reportage in allen Facetten würdigen: im Job (massgeschneiderte Betreuungsangebote), in der Familie (polyamore Beziehungen) und im Hobby (passionierter Reptilienzüchter).
So begann 2013 der Skandal um den Fall «Carlos». Unter diesem Pseudonym wurde der damals 17-jährige Serientäter Brian K. vorgestellt, der in einem Sondersetting erste Erfolge zeigte. Danach wurde die Massnahme abgebrochen und Brian wieder eingesperrt. Als er frei kam, wurde er rückfällig. Im Gefängnis ging er mehrmals auf Aufseher und Insassen los. Anfang November wurde er deshalb zu einer stationären Therapie in einer geschlossenen Anstalt und einer weiteren Freiheitsstrafe verurteilt.
Der Verteidiger hat Berufung angemeldet. Gürber verlor seinen Job nach dem Beginn des Skandals 2013. Drei Jahre später erschien im Wörterseh-Verlag ein Buch über ihn. Darin äusserte er sich nicht zum Fall «Carlos», weil ihn die Justizdirektion nicht vom Amtsgeheimnis entband. Das gilt noch heute, doch Gürber kümmert das nicht mehr. Der 68-Jährige hat sein ganzes Leben im Kanton Zürich gewohnt. Durch seine Reisen wurde Afrika aber zu einer zweiten Heimat: Als Ein-Mann-Betrieb veranstaltet er derzeit zwei Mal jährlich eine Tour für Touristen. Es sind quasi Sondersettings: Das Programm ist aufwendig und wird an die Teilnehmer individuell angepasst. (mau)

Das Vorhaben war gefährlich: Sie wollten einen Muskelprotz zähmen, indem Sie ihm ein Kampfsporttraining finanzieren liessen.
Meine erste Reaktion, als ich den Vorschlag hörte, war: «Geht es eigentlich noch?» Doch wenn ich Brian anschaute, musste ich feststellen, dass sich seine Kraft kaum mehr steigern liess. In den Monaten im Gefängnis hat er nichts anderes gemacht, als auf das Bett zu springen, auf und ab, immer weiter. Und er hat sich ständig am Kasten oder am Bett hochgezogen. Er hatte so viele Muskeln, dass mir klar war: Wenn er will, bin ich in zwei Minuten tot. Das Thaiboxen hat dieses Kraftpaket nicht gesteigert, im Gegenteil. Er war zufrieden, hatte ein Ziel, wurde ausgeglichener und begann, seine Schläge zu reflektieren.

Wie denn?
Er hatte drei Kämpfe. Den ersten gewann er gegen einen schwächeren Gegner. Den zweiten verlor er gegen einen stärkeren Gegner. Den dritten verlor er ebenfalls, aber gegen einen schwächeren Gegner. Nach dem Fight sagte er zu seinem Trainer: «Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich doch nicht so hart auf einen Menschen einprügeln kann.» Der Trainer sagte ihm, dies sei grundsätzlich richtig, ausser beide Seiten seien damit einverstanden im Rahmen eines sportlichen Wettkampfes. Brian hat einen Lernprozess gemacht.

Die Kosten betrugen 29200 Franken pro Monat. Viele Familien müssen mit einem Sechstel davon leben. Wie ist das zu verantworten?
Es ist unbestritten: Die Kosten waren enorm hoch. Am vorletzten Ort, in der geschlossenen psychiatrischen Klinik in Basel, kostete er sogar 42000 Franken. Unsere Lösung war deutlich günstiger, aber sie war teurer als eine Unterbringung in einem Heim. Dort werden jeweils Kosten von rund etwa 9000 Franken bis 16000 Franken pro Monat ausgewiesen. Hinzu kommen jeweils noch Staatsbeiträge von rund 40 Prozent dieser Kosten, die meistens unerwähnt bleiben.

Warum?
Die Kommunikationspolitik lautete damals: Es durfte niemand wissen, was die Massnahmen des Jugendstrafrechts kosteten. Ich war immer der Ansicht: Wir sollten dem Volk sagen, dass wir ein sehr teures Jugendstrafrecht betreiben. Es führt dazu, dass die Kriminalität um vielleicht fünf bis acht Prozent tiefer ist. Unter dem Strich ist ein Sondersetting deshalb günstiger. Das Volk soll das wissen und entscheiden, ob es das will oder nicht.

Suchten Sie deshalb die Debatte?
Nein, ich wollte einfach nicht die Kosten verheimlichen. Ich wollte zeigen, dass man mit aussergewöhnlichen Massnahmen Erfolg haben kann.

War Ihre Rolle im Film kein Fehler?
Ich habe vor allem einen Fehler gemacht: Ich hätte die Aufnahmen aus dem Boxtraining nicht zulassen dürfen. Alles andere hätten wir erklären können. Ich hätte das Spektakel aus dem Film rausnehmen sollen. Die Kraft dieser Bilder war kaum zu kontrollieren.

Der Blick titelte: «Sozial-Wahn!»
Ich kam an diesem Morgen, es war ein Dienstag, um sieben Uhr ins Büro. Dann zeigte mir ein Mitarbeiter den «Blick». Um acht Uhr wurden unsere Telefonleitungen geöffnet und da ging es los mit Beschimpfungen und Morddrohungen. Die Telefonleitungen waren blockiert. Wir konnten nicht mehr arbeiten. Ich bin dann zu meinem Chef gegangen, zu Marcel Riesen, dem Leiter der Oberjugendanwaltschaft. Ich habe mich für den Film entschuldigt und ihm gesagt, dass ich die Verantwortung dafür übernehme.

Hatten Sie das Sondersetting mit Ihrem Vorgesetzten abgesprochen?
Ja, natürlich. Er wusste über alles Bescheid, auch für den Film brauchte ich seine Genehmigung. Er wusste, wie viel das Sondersetting kostete. Es fanden regelmässig Sitzungen statt, die er leitete. Brian war mein intensivster Fall. Ich berichtete ausführlich über den Verlauf der Massnahme. Und dennoch entstand der Eindruck, ich hätte heimlich gehandelt.

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Hansueli Gürber war als Jugendanwalt verantwortlich für den Fall „Carlos“/Brian, fotografiert am 20. November 2019 zuhause in Adliswil. Bild: CH Media

Wie?
Oberjugendanwalt Riesen sagte seinem Chef, dem damaligen Justizdirektor Martin Graf, ich hätte heimlich gehandelt. Weil Graf ein juristischer Laie ist, glaubte er dies tatsächlich. Als ich zu einer Aussprache mit der Justizdirektion bat, kam es zu einer Sitzung mit Riesen, Graf und dem Generalsekretär. Ich verlangte, dass sie klar kommunizieren, dass ich nicht heimlich gehandelt habe. So klang es nämlich in Presseberichten. Ihre Reaktion ging mir durch Mark und Bein. Alle drei lachten schallend und sagten: «Das machen wir sicher nicht.»

Dann kam die Aufarbeitung durch die Justizkommission. Wie lief die Befragung ab?
Ein Politiker fragte mich in der Anhörung: «Warum haben Sie heimlich gehandelt?» In meiner Antwort habe ich erwähnt, dass dies nicht stimmt und die Kosten immer über die Oberjugendanwaltschaft liefen. Riesen sass auch im Sitzungszimmer und intervenierte: «Aber nicht über meinen Tisch!» Ich fiel aus allen Wolken. Ich begriff jetzt, weshalb ich an der Medienkonferenz nicht teilnehmen durfte. Eben, weil ich angeblich heimlich gehandelt hatte.

Ihr Vorwurf wiegt schwer: Sie bezichtigen Ihren ehemaligen Vorgesetzten der Lüge.
Noch schwerer ist: Alle wussten es. Aber niemand sagte etwas.

Mit diesen Aussagen riskieren Sie ein Strafverfahren. Warum nehmen Sie das in Kauf?
Es nervt mich, dass über all die Jahre ein falsches Bild entstanden ist. Vielleicht habe ich einen blödsinnigen Gerechtigkeitssinn: Ich halte es einfach nicht aus, dass dieser ganze Politklüngel Bescheid weiss, aber alles unter dem Deckel hält. Ich bin für Transparenz und Ehrlichkeit. Falls ich dafür verurteilt werde, muss ich damit leben.

Wo sehen Sie das grundsätzliche Problem bei den Massnahmen des Jugendstrafrechts?
Das Problem ist, dass man immer grosse Mengen von Jugendlichen zusammentut. Zum Beispiel fünfzig Jugendliche in ein Heim, in dem alle Schwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten haben. Das ist gerade für die schwierigsten Jugendlichen oft nicht der richtige Ort. Sie benehmen sich schlecht, beeinflussen andere Jugendliche negativ, und fliegen dann raus. Die Sozialpädagogen haben ihre Arbeitszeiten, sind also häufig nicht anwesend. Für die schwierigsten Jugendlichen musste ich daher häufig nach anderen Lösungen suchen. Kleine Institutionen, meist mit einem Leiter für den die Arbeit mit Jugendlichen mehr als nur Beruf war. Der wohnte und lebte oft mit ihnen zusammen, verbrachte mit ihnen die Freizeit und ging mit ihnen in die Ferien. Das ergibt natürlich eine ganz andere Beziehung. Ich habe immer wieder so besondere Leute gesucht und auch gefunden. Sie waren für ganz schwierige Jugendliche sehr wichtig.

Brian K. wurde kürzlich zu einer stationären Therapie hinter Gittern verurteilt. Glauben Sie an einen Erfolg?
Es ist möglich, wenn es einem Therapeuten und anderen Mitarbeitern gelingt, eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Unser Sondersetting zeigte, dass es funktionieren kann.

Hatten Sie nach dem Abbruch des Sondersettings noch Kontakt zu ihm?
Ich habe ihn gleich nach seiner Verhaftung im Gefängnis besucht und mich für den Film entschuldigt. Er sagte: «Herr Gürber, das ist nicht so schlimm, ohne Sie wäre ich in meiner Entwicklung nicht so weit.»

Sahen Sie ihn danach wieder?
Als er frei kam, haben wir uns mehrmals privat in Zürich getroffen. Wir haben Spaziergänge am See gemacht und verrückte Gespräche geführt. Intelligenterweise hatte man ihn in einer Zelle mit einem fundamentalen Muslim untergebracht. Brian ist konvertiert und trug danach eine Islam-Kluft. Am See hat er sich über die halb nackten Frauen aufgeregt, die dort badeten. Als ich in einem Restaurant eine Stange Panaché bestellte, sagte er: «Herr Gürber, wenn Sie jetzt Alkohol trinken, kann ich nicht mehr mit Ihnen reden.» Also bestellte ich ein Rivella.

So reagieren die ehemaligen Vorgesetzten auf die Vorwürfe

Marcel Riesen, leitender Oberjugendanwalt des Kantons Zürich, will sich nicht mehr zum Fall «Carlos» äussern. Seine Sprecherin teilt mit: «Die Vorgänge wurden vor sechs Jahren in zahlreichen Gremien und Aufsichtskommissionen bis ins Detail behandelt. Dem gibt es nichts beizufügen.»
Martin Graf, abgewählter Justizdirektor des Kantons Zürich, schreibt auf Anfrage: «Riesen war aus meiner Sicht wirklich nicht gut über den Fall informiert.» Mehr wolle er dazu nicht sagen. Er bedaure aber, dass «die wirklich Schuldigen», die «Carlos» jahrelang für ihre Zwecke instrumentalisiert hätten, nie genannt würden. Graf nennt sie beim Namen: «Es sind die Medien, allen voran NZZ, ‹Weltwoche› und ‹Blick›, sein Anwalt und seine Eltern. Zudem versagte die Vormundschaftsbehörde in einer sehr frühen Phase.» (mau)​

Befürchteten Sie, dass er nach Syrien reisen könnte?
Ich hatte diese Sorge, aber ich sprach sie nicht aus. Er spürte das. Bei einem unserer Spaziergänge sagte er aus heiterem Himmel: «Wissen Sie, Herr Gürber, ich habe etwas gelernt. Es gibt immer zwei Extreme und man muss irgendwo eine Mitte finden.» Das war für mich die Antwort auf die unausgesprochene Frage und bedeutete: «Keine Angst, ich gehe nicht nach Syrien.»

Man spürt noch heute Ihre Leidenschaft für Ihre Arbeit. Weshalb haben Sie sich trotzdem schon vor dem Skandal für eine Frühpensionierung entschieden?
Es gibt für mich noch andere Leidenschaften, zum Beispiel meine Afrikareisen, meine Reptilien und Hühner. Im Nachhinein merke ich auch: Ich habe mich ein Leben lang um das «Puff» von anderen gekümmert. Jetzt muss ich mich nur noch mit meinen Problemen befassen.

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