Schweiz
Interview

Energie-Ökonomin über den Preis für neue AKWs in der Schweiz

Der Kommandoraum von Reaktor 2 des Kernkraftwerks Beznau.
Der Kommandoraum von Reaktor 2 des Kernkraftwerks Beznau. bild: keystone
Interview

Ökonomin zu AKW-Finanzierung: «Schweiz hat zusätzliches Risiko»

In der Sommersession hat das Parlament knapp das AKW-Neubauverbot aufgehoben. Auch wegen Kostenfragen fiel der Entscheid knapp aus. Warum gelten neue Atomkraftwerke als teurer Spass? Energieökonomin Claudia Kemfert beantwortet die Frage im Interview und sagt, warum sie auf andere Energiequellen setzen würde.
19.06.2026, 19:1019.06.2026, 19:40
Yann Lengacher
Yann Lengacher

Frau Kemfert, die Schweiz diskutiert derzeit die Aufhebung des AKW-Neubauverbots und die möglichen Kosten für neue Kernkraftwerke. Sie vertreten die Haltung, dass Atomkraft meist zu teuer ist. Warum?
Viele Studien belegen, dass neue Atomkraftwerke in liberalen europäischen Demokratien meist sehr teuer werden. Sie benötigen hohe Anfangsinvestitionen, lange Bauzeiten und bergen hohe Finanzierungsrisiken. Komplexe Regulierungen, Lieferkettenprobleme und eine schlechte Risikoverteilung erschweren die Umsetzung von Neubauprojekten in Europa weiter. Darum entstehen neue Atomkraftwerke in den wenigsten Fällen ohne staatliche Garantien. In der Schweiz sagt die Axpo selber, dass ein neues Kernkraftwerk zwar technisch möglich wäre, aber einer staatlichen Absicherung bedürfte.

Sie haben die Axpo angesprochen. Ein Bericht des Energiekonzerns schätzt die Baukosten auf rund 7 bis 10 Milliarden Franken – eine andere Schätzung geht von einem Höchstwert von 13 Milliarden Franken für ein neues Schweizer Atomkraftwerk aus. Welche Zahl halten Sie für realistischer?
Die 7 bis 10 Milliarden Franken Baukosten sind anhand der internationalen Erfahrungen mit Atomkraftprojekten im unteren Bereich anzusiedeln. Nehmen Sie das Projekt von Flamanville in Frankreich: Nach mehrjährigen Verzögerungen wurde dieses mit Kosten von 23.7 Milliarden Euro fertig. Ursprünglich hatte man die Kosten auf etwas über 3 Milliarden Euro geschätzt.

Zur Person
Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität Lüneburg. Im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit hat sie unter anderem europäische Neubauprojekte für Atomkraftwerke miteinander verglichen. Die 57-Jährige ist in verschiedenen Nachhaltigkeitsbeiräten tätig und hat schon die EU-Kommission beraten.
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Genau lassen sich die Kosten für ein Schweizer Atomkraftwerk noch nicht beziffern. Eine Parlamentskommission hat diese Woche darum einen Kostenbericht bestellt, der mehr Klarheit bringen soll. Wie muss dieser Bericht gestaltet sein, damit ein umfassendes Kostenbild vorliegt?
Ein seriöser Bericht darf nicht nur die Baukosten betrachten, sondern muss den gesamten Lebenszyklus eines Atomkraftwerks abbilden. Das umfasst einerseits die Kosten vor Baubeginn: die Mittel für Planung, Projektierung, Bewilligung, Sicherheitsnachweise und Personalbeschaffung. Im Rahmen der Baukosten gilt es Faktoren wie die Verzögerung von Rohstofflieferungen, Versicherungs- und Haftungsfragen zu berücksichtigen. Und natürlich müssen Betriebs- und Instandhaltung sowie die Endlagerung des Atommülls mit eingepreist sein.

Ist das alles?
Bedenken Sie auch: Je länger der Bau- und Planungsprozess dauert, desto teurer wird es. In der Schweiz besteht zudem ein zusätzliches Finanzierungsrisiko, weil eine mögliche Volksabstimmung den Planungs- und Bauprozess verlängern kann. Die Möglichkeit eines Neins zu einem Atomkraftwerk an der Urne schafft zudem zusätzliche Unsicherheiten für Investoren.

Atomkraftwerke werden oft teurer als ursprünglich geplant. Durchschnittlich liegt die Kostenüberschreitung bei 117 Prozent. Warum ist das so?
Die erwähnten Risiken werden häufig nicht mitgedacht. Zudem gibt es eine Tendenz, die Kosten für solche Projekte tiefer einzuschätzen. Auch das zeigen Studien. Der Effekt ist als «Optimism-Bias» bekannt.

China baut derzeit standardisierte Atomkraftwerke, die vergleichsweise günstig sind. Wäre das nicht auch eine Lösung für die Schweiz?
China zeigt, dass Standardisierung, aber auch staatlich koordinierte Industriepolitik, tatsächlich die Kosten für neue Atomkraftwerke senken können. Doch das ist nur begrenzt auf die Schweiz übertragbar. China baut viele Kraftwerke parallel und hat dazu eine grosse Serienfertigung von Bauteilen hochgefahren. Damit kann das Land die Produktionskosten für neue Atomkraftwerke senken. Die Bauarbeiten sind zudem über staatlich organisierte Lieferketten ziemlich sicher und voraussehbar. In der Schweiz hätte man Einzelprojekte und keine eigene Serienfertigung. Dazu befindet man sich noch in einem föderalen und hochregulierten Umfeld. Damit besteht eine andere Ausgangslage.

Viele internationale Organisationen haben umgeschwenkt und auf die Notwendigkeit von Atomkraft hingewiesen, um die Klimaziele zu erreichen. Sie sehen das anders. Warum?
Die Atomkraft ist zu teuer, zu langsam und nicht wirklich tauglich für den Klimaschutz. Es zeigt sich, dass erneuerbare Stromsysteme sehr viel schneller realisierbar wären. Gerade für die Schweiz stellt sich nicht nur die Frage der Wirtschaftlichkeit, sondern auch jene der Geschwindigkeit, sollen die Klimaziele erreicht werden. Lösungen wie Smart Grids, Solar- und Windenergie sind mit dem entsprechenden politischen Willen schneller und kostengünstiger umgesetzt.

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