Schweiz
Justiz

Wegen Sex-Vorwürfen entlassener Bankdirektor erhält Entschädigung

Wegen Sex-Vorwürfen entlassener Bankdirektor erhält 70'000 Franken Entschädigung

30.04.2024, 17:00

Eine Bank muss einem langjährigen Direktor eine Entschädigung von 70'000 Franken zahlen. Dessen Kündigung sei missbräuchlich gewesen, hält das Zürcher Obergericht fest. Der Mann habe sich gegen die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gar nicht wehren können.

Banker
Dem Mann wurden 70'000 Franken Entschädigung zugesprochen. (Symbolbild)Bild: Shutterstock

Eine Angestellte hatte den Direktor im August 2018 bei der internen Ombudsfrau für Verhalten und Ethik gemeldet. Die Bank untersuchte den Fall. Sie kam dabei zum Schluss, dass die von der Angestellten sowie von weiteren Mitarbeitenden beschriebenen unangemessenen Verhaltensweisen mit grosser Wahrscheinlichkeit stattgefunden hätten.

Die Bank entliess daraufhin den Mann ordentlich. Doch der Geschasste, der neun Jahre lang für die Bank gearbeitet und am Ende 20'000 Franken pro Monat verdient hatte, setzte sich dagegen zur Wehr und pochte auf eine Entschädigung.

Kündigung grundsätzlich möglich

Das Zürcher Arbeitsgericht hatte dem Mann eine Entschädigung noch verwehrt. Missbräuchlich sei eine Kündigung nur, wenn sie leichtfertig und ohne vernünftige Begründung ausgesprochen werde. Vorliegend habe aber ein begründeter Verdacht bestanden, der die Weiterbeschäftigung des Mannes als unzumutbar habe erscheinen lassen.

Die Bank habe die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gemäss ihren internen Richtlinien und Merkblättern untersucht und sie sorgfältig auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Angesichts mehrerer Personen, die den Direktor belasteten, sprach das Arbeitsgericht nicht von einem isolierten Vorfall, sondern von wiederholten Verhaltensweisen.

Grundsätzlich kann ein Arbeitsverhältnis von beiden Seiten ohne Grund gekündigt werden, hält auch das Zürcher Obergericht in seinem kürzlich veröffentlichen Urteil fest. Deshalb wäre die vorliegende Verdachtskündigung – der Direktor wurde wegen bloss vermuteten Fehlverhaltens entlassen – prinzipiell zulässig.

Allzu pauschale Vorwürfe

Diese Kündigungsfreiheit finde aber im Missbrauchsverbot ihre Grenzen, schreibt das Obergericht weiter. Und diese Grenzen seien in diesem Fall überschritten worden, da sich der Direktor gar nicht habe sinnvoll verteidigen können.

Denn die Bank überrumpelte den Mann; sie hatte ihn zu einem «Gespräch» eingeladen und dabei unerwartet mit allgemeinen Vorwürfen konfrontiert. Sie informierte ihn dabei weder über die Namen der angeblich belästigten Personen noch über Ort, Zeitpunkt und genaue Art und Weise der ihm vorgeworfenen Handlungen.

Die Bank hatte geltend gemacht, damit – wie in den Merkblättern festgehalten – die Anonymität der meldenden Personen zu schützen. Sichere die Bank ihren Mitarbeitenden Vertraulichkeit zu, könne dies aber nicht zulasten der Verteidigungsmöglichkeiten des Angeschuldigten gehen, hält das Obergericht nun fest.

Dem Bankdirektor sei «aufgrund der mangelhaften Spezifizierung der Vorwürfe die Möglichkeit genommen worden, allfällige entlastende Tatsachen vorzubringen». Ihm sei das rechtliche Gehör nicht gewährt worden. Die Kündigung sei damit missbräuchlich erfolgt. Das Obergericht sprach dem Mann eine Entschädigung von dreieinhalb Monatslöhnen – also 70'000 Franken – zu. (saw/sda)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
«Mit ihr auf dem Ticket könnte es eine ähnliche Dynamik geben wie 2015»
Bundesrat Guy Parmelin tritt per Ende 2026 zurück. Was hinterlässt er nach elf Jahren Amtszeit? Und wer aus der SVP hat gute Chancen, ihn zu beerben? Antworten hat Politologe Mark Balsiger.
Bundesrat Guy Parmelin hat seinen Rücktritt per Ende Jahr bekanntgegeben. Geht er, wenn es am schönsten ist?
Mark Balsiger:
Ja, er hat einen optimalen Zeitpunkt gewählt. In diesem Jahr hat er als Bundespräsident bislang eine gute Figur gemacht. Angefangen damit, wie er nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana volksnah und empathisch aufgetreten ist. Ausserdem hat er das Vertragspaket mit der EU und die Handelsbeziehungen mit Indien unter Dach und Fach gebracht. Das ist ein würdiger Abschluss.
Zur Story