Ex-SVP-Grossrat soll 15-Jährige missbraucht haben – den Opfern droht die Ausschaffung
Die Liste der Anklagepunkte gegen den 57-jährigen ehemaligen Aargauer SVP-Grossrat Patrick Frei ist lang: mehrfacher versuchter Mord, mehrfache Vergewaltigung, mehrfache sexuelle Nötigung, Schändung, mehrfache sexuelle Handlungen mit Kindern, mehrfache Körperverletzung, mehrfache Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz, mehrfache Pornografie, mehrfache Verletzung des Geheim- oder Privatbereichs durch Aufnahmegeräte und sexuelle Belästigung.
Frei soll gemäss einer Mitteilung seinen Opfern über längere Zeit K.-o.-Tropfen verabreicht haben, um sie gefügig zu machen. Danach missbrauchte er sie.
Weiter soll Frei die Taten gefilmt haben. Auch andere Personen in seiner Umgebung soll er gefilmt haben. Die Aufnahmen wurden später im Rahmen der Ermittlungen ausgewertet. Die Staatsanwaltschaft urteilte, dass sich die Opfer wegen der Substanzen wiederholt in einem akut lebensbedrohlichen Zustand befanden, der jederzeit zu einem Erstickungstod hätte führen können. Deshalb auch die Anklage wegen mehrfachen versuchten Mordes.
Ans Licht kam der Fall, als die Mutter des minderjährigen Opfers den Beschuldigten in flagranti überraschte und umgehend die Polizei informierte. Frei wurde später an seinem Wohnort festgenommen. Die Ermittlungen sowie die Auswertung grosser Mengen Bild- und Videodateien brachten schliesslich das ganze Ausmass seiner Taten ans Licht.
Frei sitzt seit seiner Festnahme in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft fordert eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und die Anordnung einer ambulanten, vollzugsbegleitenden Behandlung. Bis zu einem Urteil gilt die Unschuldsvermutung.
Die Opfer konnten sich an die Taten nicht erinnern, wie die Staatsanwaltschaft schreibt. Gegenüber dem Tages-Anzeiger schildert das minderjährige Opfer Paula, dass sie im Halbschlaf gedacht habe, ihr Freund sei zu Besuch. Bis sie realisiert habe, «dass Patrick auf mir lag». Kurz darauf sei sie jedoch wieder eingeschlafen.
Die damals 15-Jährige soll gemäss Recherchen der Zeitung über 40-mal betäubt und rund 40 Stunden lang missbraucht worden sein. Auch ihre Mutter und eine weitere Frau sollen zu Freis Opfern zählen. Als die Tat geschah, habe sich Frei als Grossrat gegen kriminelle Ausländer und Pädophile eingesetzt.
In den Ferien kennengelernt
Paula und ihre Mutter Iwona lernten Frei in den Ferien in Spanien kennen. «Ich sass mit meiner Tochter an einem Tisch, da kam er rüber und sprach mich an», erzählt Iwona. Schliesslich entwickelte sich eine Beziehung, Iwona und ihre Tochter zogen Mitte 2022 von Irland in die Schweiz. Gemäss den Recherchen fing Frei zwei Wochen später damit an, Paula im Schlaf zu fotografieren.
Die Übergriffe und der Missbrauch gehen danach zunächst unbemerkt weiter. Nach dem Vorfall, bei dem Paula kurz aufgewacht war, äusserte sie gegenüber ihrer Mutter den Verdacht, von Frei missbraucht worden zu sein. «Es war für mich sehr schwer zu glauben, dass jemand, den ich liebe, so etwas mit meiner Tochter tun würde. Natürlich habe ich mich sehr aufgeregt und bin zu ihm gerannt, schreiend.» Sie verbot Frei, sich ihrer Tochter zu nähern und tauschte das Schloss aus. Doch das half nicht.
In flagranti erwischt
Erst als die Mutter im September 2023 nachts erwachte und Frei nicht neben ihr lag, kontrollierte sie das Zimmer ihrer Tochter und fand Frei vor – verschwitzt, mit einer Kamera und einer Lampe. Frei habe erklärt, er habe überprüfen wollen, ob Paula Marihuana im Zimmer verstecke. Doch die Mutter glaubte ihm nicht und informierte schliesslich die Polizei. Deren Einsatz bekam Paula nicht einmal mit, sie verschlief ihn, schreibt der «Tages-Anzeiger».
Erst als sie am Morgen zur Schule gehen wollte, wurde sie mit der Wahrheit konfrontiert: «Meine Mutter setzte sich neben mich und sagte, ich würde heute nicht zur Schule gehen.» Doch auch Iwona selbst wurde missbraucht. Davon erfuhr sie erst im Laufe der Ermittlungen. Sie habe darauf bestanden, die Fotos zu sehen. Und sagt darüber: «Ich sehe auf diesen Fotos wie eine tote Person aus. Das ist eine Schändung meines Körpers.»
Iwona machte sich Vorwürfe. Mutter und Tochter wollen anderen Opfern sexueller Gewalt Mut machen, indem sie sich zeigen. «Zu viele Frauen, auch in unserem Umfeld, haben schon sexuellen Missbrauch erlebt. Aber aus Scham redet niemand darüber», sagen sie zum Tages-Anzeiger. Nicht sie müssten sich schämen, sondern Frei.
Frei bestreitet die meisten Vorwürfe
Dieser wies die Vorwürfe während der Befragung immer wieder von sich und lenkte nur ein, wenn er mit Videoaufnahmen konfrontiert wurde, berichtet der Tages-Anzeiger weiter. Dass er das Leben von Paula aufs Spiel gesetzt hatte, als er Oralsex mit ihr hatte, während sie bewusstlos war, will er laut des Berichts nicht akzeptieren. Auch dass er Paula GHB verabreicht hat, wollte er nicht eingestehen.
«Herr Frei bestreitet wesentliche Teile der gegen ihn erhobenen Vorwürfe», erklären denn auch seine Verteidiger gegenüber der Zeitung. Zu den konkreten Vorwürfen wollen sie sich vorerst nicht äussern.
Gemeinde will Mutter und Tochter ausschaffen
Die Verhaftung des mutmasslichen Täters hatte derweil nicht nur für diesen Konsequenzen, sondern auch für die beiden Opfer. Denn wie der «Tages-Anzeiger» weiter berichtet, wurden die Behörden nicht nur gegen Frei aktiv, sie prüften auch Massnahmen gegen Iwona und Paula L. Die Gemeinde meldete sie beim Kanton, nachdem sie Sozialhilfe beantragt hatten. Dieser prüfte in der Folge die Ausschaffung der beiden.
Denn: Iwona L. war nicht nur Lebenspartnerin des beschuldigten Patrick Frei, sondern auch dessen Angestellte. Die Polin hatte einen Arbeitsvertrag und einen Aufenthaltstitel B, sie kümmerte sich um Haus, Garten und das Essen. Frei kam für den Unterhalt der beiden Frauen auf, doch einen Lohn zahlte er nicht, so wie das der Vertrag vorgesehen hätte. Die Behörden ermittelten wegen eines Scheinarbeitsverhältnisses und Täuschung der Behörden.
Das Aargauer Migrationsamt forderte deshalb die Ausschaffung. Es hielt fest, dass Mutter und Tochter zwar «Opfer sexueller Übergriffe» geworden seien, doch damit könne «ein schwerwiegender persönlicher Härtefall» nicht begründet werden. Das öffentliche Interesse an der Wegweisung der Betroffenen sei «sehr gross».
Die weiterhin unsichere Rechtslage sowie die erlittenen Traumata verursachten eine Reihe persönlicher Krisen bei Mutter und Tochter. Zwar kämpfte Iwona L. mit Beschwerden gegen Entscheide der Behörden, zog diese weiter, doch sie erlitt unter anderem einen Zusammenbruch und musste stationär behandelt werden. Auch aktuell ist sie in einer stationären Therapie in einer Zürcher Psychiatrie. Auch Tochter Paula kämpft bis heute mit dem Erlebten und der Situation. Unter anderem musste sie ihre angefangene Lehre abbrechen und leidet unter erheblichen psychischen Problemen. (vro/con)
