Warum diese Aargauer Familie ihre Kinder nicht mehr zur Schule schickt
Montagmorgen. Paul*, Ramon* und Jana* sind aufgeregt. Wegen des angekündigten Besuchs einer Journalistin. Kaum ist deren Wagen vor dem Haus im Aargauer Weiler zum Stehen gekommen, wird sie von den drei Geschwistern umzingelt. «Magst du Kuchen?», fragt Ramon. «Ich zeige dir meinen Modellzug!», ruft Paul. «Schau, wie ich frische Eier hole!», sagt Jana.
Eigentlich hätten sie jetzt Unterricht. Hier, zuhause. Homeschooling durch Mutter Christina Bauer*, die zur Sicherung der Privatsphäre ihrer Kinder anonym bleiben möchte.
Seit der Pandemie ist die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die in der Schweiz zuhause unterrichtet werden, stark angestiegen. Von 2461 auf 4120 Kinder im Schuljahr 2024/25. Weshalb, das hat die kantonale Konferenz der Erziehungsdirektoren (EDK) noch nicht systematisch untersucht.
Die Antwort der Familie Bauer* auf diese Frage ist eindeutig. Vor einem Jahr hat sie sich dazu entschieden die beiden Söhne aus der Schule zu nehmen und die Tochter gar nicht erst einzuschulen. «Seither geht es der ganzen Familie besser», sagt Christina.
Lernen mitten im Leben
Gleich zu Beginn stellt Christina klar: «Auch bei uns ist der Unterricht nicht freiwillig.» Trotzdem zwängt sie ihre Kinder an diesem Morgen nicht sofort in den Unterrichtsalltag. Sie weiss: Dafür sind sie gerade zu aufgeregt. Stattdessen gibt sie jedem Kind ein Zeitfenster, in dem es erzählen kann, was es loswerden muss.
Der 10-jährige Paul darf anfangen. Er nutzt seine Zeit, um über seine An- und Verkäufe von Spielsachen auf Ricardo zu reden. Zuletzt hat er einen Modellzug gekauft. Doch dieser stellte sich als deutlich kleiner heraus als erwartet. Darum will er ihn erneut auf Ricardo inserieren. «Je tiefer man den Anfangspreis setzt, desto mehr Leute bieten», sagt Paul. Seine Verkaufstätigkeit ist Teil des Unterrichts. «Wir möchten den Kindern so den Umgang mit Geld lehren», sagt Christina.
Der 8-jährige Ramon liebt es, zu kochen. Darum zeigt er die marokkanischen Töpfe, in denen er schon für die ganze Familie Znacht zubereitet hat. Ausserdem ist es ihm wichtig, dass der Besuch ein Stück Gugelhopf probiert. «Den hab ich gestern mit einem YouTube-Video gebacken», sagt er. Christina ergänzt stolz: «Er sucht sich die Rezepte selbst heraus. Die Mengen muss er allein auf die Anzahl Personen hochrechnen.»
Die 6-jährige Jana will die Tiere auf dem Grundstück zeigen. Zuerst im Hühnerstall, dann im Teich vor dem Haus. Sie legt sich auf den Bauch und beginnt mit den Händen nach Kaulquappen zu fischen. «Sie haben schon Hinterbeine und bald werden sie zu Fröschen», ruft Jana, schiesst auf und fängt an zu hüpfen.
Christina sagt: «Ich versuche den Unterricht, wann immer es geht, nahe am Leben zu gestalten.» Unterrichtsstoff finde sich hier auf dem Land genug. Dank der Hühner habe sie etwa bereits grosse Fragen über Leben und Tod behandeln können. Und seither weigere sich Ramon, Poulet zu essen.
Langsam legt sich die Anfangsaufregung, die der Besuch verursacht hat, und Christina schickt die Geschwister auf ihre Zimmer. Sie wissen, was ansteht: Mathe für Paul, Englisch für Ramon, Deutsch für Jana. Und sie wissen, wie sie selbstständig lernen. Obwohl das eigentlich nie so geplant war.
Druck und Absenzen
Eigentlich hatte sich Christina auf die Einschulung ihrer Kinder gefreut. Darauf, wieder mehr Zeit für sich zu haben und ihr Arbeitspensum aufzustocken. Doch schon nach den Herbstferien 2022, kurz nachdem der Älteste eingeschult worden sei, habe die Klassenlehrerin die Eltern ins Klassenzimmer zitiert.
«Sie meinte, Paul habe Mühe mit Deutsch», sagt Christina. Wenn er vor der Klasse vorlesen müsse, fange er an zu stottern, lasse Wörter aus, übersehe manchmal sogar ganze Sätze. Die Lehrerin empfahl deshalb einen Besuch bei einer Logopädin sowie eine Abklärung auf Legasthenie. Aus Christinas Sicht erfolgte diese Empfehlung viel zu früh: «Es ist doch normal, dass manche Kinder ein bisschen länger brauchen als andere.»
Mit der Zeit kamen jedoch weitere Probleme hinzu. Paul störte den Unterricht. Bekam während der Hausaufgaben Wutausbrüche. Verstand sich nicht mit seinen Klassenkameraden. Oder wie es sein Bruder Ramon später am Mittagstisch beschreiben wird:
Als Ramon ein Jahr später eingeschult wurde, sollen die beiden Buben jeweils völlig überreizt und aggressiv aus der Schule zurückgekehrt sein. «Wir hörten sie schon von Weitem auf dem Heimweg schreien und streiten», sagt Christina.
In der dritten Klasse stand schliesslich die Frage im Raum, ob Paul eine Lernschwäche hat. Christina ging zu einer Kinderärztin. Diese stellte fest: Paul hatte Absenzen. Plötzliche Aussetzer von einigen Sekunden, in denen er nicht mehr ansprechbar war und an die er sich im Nachhinein nicht erinnern konnte.
Zu Pauls Absenzen kamen bald «Migräneanfälle» hinzu, wie sie Christina mit Anführungszeichen nennt. Ob ihr Sohn damals wirklich schlimme Kopfschmerzen gehabt hat oder einfach nicht mehr zur Schule gehen wollte, kann Christina nicht sagen. Sie weiss nur: «Er erzählte oft, dass er den Erwartungen der Lehrerin entsprechen wolle und es einfach nicht schaffe.» Ihre Lösung, um diesen Leistungsdruck von Pauls Schultern zu nehmen: Homeschooling.
Kantonale Unterschiede
Beim Homeschooling gilt Kantönligeist. Im Tessin ist Homeschooling beispielsweise nicht erlaubt. Im Kanton Zürich müssen Eltern eine abgeschlossene Lehrerausbildung vorweisen, um ihre Kinder langfristig zuhause unterrichten zu können. Verglichen damit sind die Hürden im Aargau tief: Eltern mit einem Abschluss der Sekundarstufe 2 dürfen ihre Kinder auf Primarstufe selbst unterrichten, solange sie den Lehrplan 21 einhalten und das gegenüber des kantonalen Bildungsamts nachweisen können. Stellen die Behörden bei ihren regelmässigen Kontrollen fest, dass die Qualität des Unterrichts unzureichend ist, können sie den Eltern die Bewilligung fürs Homeschooling entziehen.
Christina hat sich vor Ende des Schuljahrs 2025 mit zwei Kursen des Vereins Bildung zu Hause (BZH) auf den Heimunterricht vorbereitet. Im ersten Kurs lernte sie die Theorie hinter dem Lehrplan 21, im zweiten ging es um die praktische Umsetzung. «Das Wichtigste ist, dass die Kinder am Ende des Schuljahrs die nötigen Kompetenzen vorweisen können», sagt Christina. Wie sie sich diese aneigneten, lasse der Lehrplan relativ offen.
Christina versucht den Unterricht möglichst praktisch und nach den Interessen ihrer Kinder auszurichten. Trotzdem darf die Arbeit am Schreibtisch nicht zu kurz kommen. Das Aargauer Bildungsamt hat nämlich genau das kritisiert, nachdem es im Frühling die erste Kontrolle im Hause Bauer durchgeführt hat. «Wir haben zu wenig gut nachweisen können, was wir wie gelernt haben», sagt Christina. Deshalb arbeite sie jetzt mehr mit Arbeitsheften. Denselben, welche die Kinder auch in der Schule bekommen würden.
Mit einem solchen Arbeitsheft kommt Paul zu Christina an den Gartentisch. «Ich versteh's einfach nicht», sagt er. «Was genau verstehst du nicht?», fragt Christina. «Alles.» Paul schnaubt frustriert. «Lesen wir doch erst mal die Aufgabe ganz in Ruhe durch, ok?» Pauls Blick richtet sich nur wenige Sekunden auf den Text. Dann schweift er ab. «Lies vor», sagt Christina. Paul liest: «180 Franken und 216 Franken kann man zum Beispiel auf drei, vier, fünf, acht, zehn oder 20 Personen aufteilen. Ergänze die Tabelle.»
Manche Felder hat Paul bereits korrekt ausgefüllt, wie Christina lobend feststellt. «Wie hast du es denn bei diesen berechnet?», fragt sie. Paul erklärt. Sein rechtes Bein wippt dabei nervös.
Die Kinderärztin hat vor einem Jahr noch eine weitere Auffälligkeit bei Paul festgestellt: ADHS. Doch von dieser Diagnose will Christina bis heute nichts wissen: «Meine Kinder sind eben lebhaft. Mein Mann war auch so. Das ist nichts Negatives. Das muss man nicht wegbehandeln.» Im Gegenteil, diese Lebhaftigkeit, diese Begeisterungsfähigkeit könne man nutzen, findet Christina. Nur den ganzen Tag in der Schule stillsitzen, das sei für ihre Kinder schwierig.
Spitze der Individualisierung
Stefan Schönenberger ist Dozent für Unterrichtsentwicklung und -forschung an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz und sagt: «Homeschooling ist die individuellste Form der Bildung von Kindern.» Ob man das positiv oder negativ finde, sei eine politische Frage, die aktuell jeder Kanton anders beantworte.
Die Gründe, weshalb sich Familien für Homeschooling entschieden, seien genauso individuell. Es gebe Eltern, die sich aus Überzeugung und ohne äusseren Druck für diese Schulform entschieden hätten. Eltern, die durch die Pandemie bemerkt hätten, dass Homeschooling ihnen und ihren Kindern guttue. Und es gebe Fälle, da würden Kinder durch die Maschen der Volksschule fallen und davon profitieren, wenn sie eine engere Betreuung erhalten würden.
Aber können Kinder nicht auch im Homeschooling durch die Maschen des Systems fallen? «Kinder können im dümmsten Fall in jedem System nicht die benötigte Förderung erhalten», sagt Schönenberger. Regelmässige behördliche Kontrollen sollten das aber verhindern.
Grosse Sorgen der Gegner
Mit einem Anteil von 0,4 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in der Schweiz ist Homeschooling nach wie vor ein Randphänomen. Trotzdem gibt es Kritik am Konzept. Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Verbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, äusserte im Tages-Anzeiger etwa die Sorge, dass Homeschooling den Kindern die Möglichkeit nimmt, zu lernen, wie sie mit Menschen umgehen, die andere Ansichten haben als sie.
Diese Angst ist gemäss Pädagoge Stefan Schönenberger jedoch unberechtigt. Zwar sei die Forschungslage, was Homeschooling in der Schweiz angehe, sehr dünn und das Feld generell schwierig zu untersuchen. Bisherige Forschung im In- und Ausland zeige jedoch: «Kinder, die zuhause unterrichtet werden, stehen den Volksschulkindern in nichts nach. Weder in der schulischen Leistung noch bei der Sozialisation.»
Auch Christina hatte zunächst Sorge: «Die Schule hat den Vorteil, dass die Kinder Abstand von der Familie bekommen und sie eine andere Rolle ausleben können.» Sie versuche das zu kompensieren, indem sie die beiden Buben in den Fussballverein und Jana in die Jugi schicke. Daneben nehmen die Geschwister regelmässig mit anderen Kindern, die zuhause unterrichtet werden, an Exkursionen teil, welche der Verein Bildung zu Hause organisiere.
Aus der Praxis weiss Schönenberger, dass die meisten Homeschooling-Familien auf diese Weise sicherstellen, dass ihre Kinder zu genügend sozialen Kontakten kommen. «In einigen britischen Studien zeigt sich, dass Homeschooling-Kinder gemessen an der Häufigkeit zwar weniger soziale Kontakte haben, jene, die sie haben, jedoch tiefer und intensiver sind», sagt Schönenberger.
Unabhängig davon, wie der Unterricht aussehe, gilt gemäss Schönenberger grundsätzlich: «Je interessierter und engagierter die Eltern sind, desto mehr sind es auch die Kinder.» Diesen Effekt würde Homeschooling verstärken. In beide Richtungen. Der Vorteil von Homeschooling – die Individualisierung – sei also gleichzeitig sein Nachteil. Ein gutes Elternhaus sei entscheidender als der Unterrichtsort.
Schönenbergs Fazit lautet deshalb:
Mehr Familienzeit
Seit die Familie Bauer sich für Homeschooling entschieden hat, haben die Eltern bei Paul nach eigenen Angaben keine weiteren Absenzen beobachtet – und Ramon soll abends nicht mehr völlig überdreht sein. «Die ganze Familie ist zur Ruhe gekommen», sagt Vater Martin*. Trotz Schichtarbeit hat er heute beim Zmittagkochen Zeit mit seinen Kindern verbringen können. Etwas, was während der Volksschule nicht möglich gewesen sei. Deshalb finden die Eltern Bauer:
Nur bei der Jüngsten plagt Christina manchmal das schlechte Gewissen. Eigentlich habe sie Jana regulär einschulen lassen wollen, damit sie ihre eigene Erfahrung hätte machen können. «Aber dann hätte ich mich im Alltag trotzdem nach der Schulagenda richten müssen. Das wäre mir zu viel gewesen», sagt sie am Mittagstisch.
Würden die Kinder irgendwann den klaren Wunsch äussern, zurück an die Volksschule zu wollen, dann dürften sie das, hält die Mutter fest. Jana spitzt die Ohren. Wollen die drei Geschwister denn zurück an die Schule? «Nein!», ruft Paul und Ramon schüttelt vehement den Kopf. Nur Jana sagt:
«Nein, das willst du nicht!», ruft Paul dazwischen. Ramon sagt: «Du willst nur in die Schule, weil du glaubst, da kann man den ganzen Tag spielen. Aber das stimmt nicht.» Und Paul fügt an:
«Warum würdest du gern in die Schule?», fragt Christina ihre Tochter ruhig. Jana kichert verlegen. Dann sagt sie: «Zum Spielen.»
*Namen von der Redaktion geändert.
