Besser mit oder ohne ADHS-Diagnose durchs Leben?
Ich fand Nacht ja schon immer besser als Tag. Nicht nur, weil man dann weniger Gründe braucht für lange Hosen und verzutzelte Haare. Alles Tolle ist einfach noch ein bisschen toller in der Nacht: Serien, Ideen, Cornflakes, Sex, Konzerte. Ausserdem sind da viele Menschen einfach im Bett und allein deshalb schon mal still. Das magi. Nicht weil ich Menschen nicht mag, aber solange andere wach sind und Dinge fragen und reden, kann ich meine eigenen angefangenen Gedanken nicht zu Ende denken.
Die Nacht ist deshalb wie der schönste Teil im Yoga, wenn man da nur noch so liegt wie ein umgenieteter Pappaufsteller seiner selbst, alle haben aufgehört mit ihren Geräuschen, vielleicht ein Augenkissen im Gesicht und jede und jeder ist im eigenen Kopf. Und während andere da innerlich zu einem Enya Soundteppich über weite Felder fliegen, fliege ich über meine To Do Liste ungelöster Fragen. Und ganz oben steht da heute:
Brauche ich eine Diagnose?
Es ist drum so, dass nicht selten, wenn ich eine Insta-Story poste, mir Menschen ein ADHS diagnostizieren. Das stört mich nicht, weil vielleicht stimmt es tatsächlich: Ich verhühnere oft meine Sachen, ich kann in 3 Minuten 17 ineinander verwobene Geschichten erzählen und ohne Deadlines und Agenda wäre ich verloren.
Wenn ich die Küche putze und da ein Kabel finde, das eher in die Nähe des Laptops gehört, lasse ich fünf halb ausgeleerte Schubladen fünf halb ausgeleerte Schubladen sein und bringe das Kabel dahin, wo es hingehört, überprüfe dort kurz meine Notizen und entscheide mich spontan, ein Gedicht zu schreiben und recherchiere derweil, wo ich es einreichen könnte. Plötzlich ist drei Stunden später, es klingelt, die Kinder sind schon da, der Zmittag aber nicht und die Küche sieht aus wie nach einem Überfall — und ich weiss nicht, ob das Salz in meinem Gesicht Tränen, Bouillon oder Schweiss als Ursprung hat.
Wenn ich das dann analysiere (nachts im Internet, nachdem ich den Test «Welche Kartoffelsorte bist du?» absolviert habe), kann mein Verhalten entweder alles oder nichts sein:
- Perimenopause (da denkt man nachts plötzlich so viel).
- Stress (da flattert das Herz und es glüht die Wut)
- Eisenmangel (da ist man müde und es ist einem trümmlig)
- Z vill Fernseh gaffet (alles flirrt)
- Hormone falsch dosiert (von einem permanenten Zwischenbrustrinnsal aus Schweiss bis hin zu fast lebensmüden Gedanken alles dabei)
- Oder einfach zu wenig Schlaf (keine Konzentration und drum überall blaue Flecke und immer überall zu spät)
Wer soll dieses Chaos bitte entwirren und das alles richtig zuordnen? Und wofür? Am Ende müssen wir ja alle einfach irgendwie dieses Leben leben, mit mehr oder weniger Anleitungen und Post-its, die uns an all das erinnern, was zwingend zu tun ist.
Ich leide nicht darunter, wie ich bin. Der einzige Schmerz sind vielleicht die verdrehten Augen von Mann und Mutter, die nicht fassen können, dass mein erster offizieller Termin auch in diesem Jahr das Fundbüro ist (Hausschlüssel that is).
Lost and Found
Was ist mit den Kindern?
Nun habe ich da ja aber diese Kinderleins. Und beobachte, wie eines davon ins Zimmer geht, nur um im Zimmer bereits vergessen zu haben, warum es ins Zimmer ging. Und während ich darauf warte, dass es mit dem Bleistift für die Ufzgi zu mir zurückkommt, höre ich plötzlich Speed Metal hinter der Zimmertür erklingen und als ich reingehe, sortiert es eifrigst die dunklen Farben der Stifteschachtel, um gleich das Cover seiner Gruselgeschichte zu malen. Ganz verdutzt schaut es mich an, als ich es unterbreche und schlägt sich dann mit der flachen Hand an die Stirn.
Das klingt nicht tragischer als mein Küchenchaos. Aber im Laufe eines Kinderlebens sagt man zu so einem Kind viel öfter chum etz, aber etz mömmer, was tusch etz wieder und all sowas. Und mit der Zeit vermittelt das dem Kind allenfalls, es stimme etwas nicht mit ihm (wobei ihm das ja auch genau so vermittelt werden kann, wenn man es abklären lässt. Weil: Wenn ja nichts wär, gäb' es auch nichts abzuklären. Weisch, wieni mein). Es ist irgendwie kompliziert.
Das Ziel von allem ist ja einfach nur, dass man Kinder dahingehend begleitet, dass sie sich selber gut leiden können. Weil wenn man sich selbst nicht gut leiden kann, wird man entweder ein Arschloch oder lässt sich von einem ebensolchen das Leben vermiesen. Und das möcht ich nicht für die Welt; für die ganze und besonders für ihre nicht.
So gesehen würde eine Abklärung meiner selbst vielleicht schon auch Sinn machen, dann wüsste das Kind nämlich, dass es nicht allein komisch ist (ich meine komisch in kauzig und knaufelig, nicht komisch in gestört) oder dass wenigstens ich Schuld bin (wobei ich aus vorpubertärer Kindersicht sonst grad schon genug Schuld bin an Dingen, für die ich eigentlich gar nicht so viel kann).
Aber was, wenn ich mich abklären lasse und dann sagen die mir da: Nein, Sie haben nichts. Dann bin ich einfach wirklich komisch, ganz ohne Diagnose und muss ja trotzdem als diese Verpeilung auf zwei Beinen weiterleben. Und bei denen abgucken, die das haben, von dem ich denke, dass ich es vielleicht auch haben könnte. Und wenn ich das sowieso mache, wofür brauch ich dann eine Diagnose?
Und während ich so hin und her werweisse, höre ich tapsende Schritte im Flur. Es ist eben dieses Kind — und Mittwoch und 23:48. Es kann nicht schlafen. Ich ziehe also die Matratze unter seinem Bett hervor und schlafe bei ihm im Zimmer. Wir halten uns im Dunkel an den Händen und erzählen uns noch je 17 Geschichten in unter drei Minuten und schlafen dann ein (also nur einer von uns. Ich muss noch ganz kurz schauen, ob es schon weiterführende Analysen dazu gibt, warum Timothée Chalamet seine Freundin Kylie Jenner partner (und nicht girlfriend oder einfach Kylie) genannt hat bei seiner Dankesrede letzte Woche. Aber dann schlafi. Wük).
P.S.: Die einzige Diagnose, die ich bisher habe, besagt: Ich bin eine Mandelkartoffel. Aussen hart, innen mehlig.
