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Die Frage ob, und wann sie Kinder wollen, treibt viele Frauen um. Bild: Shutterstock

Immer mehr Frauen lassen ihre Eizellen einfrieren – doch das Geschäft ist teuer

Social Egg Freezing: die Technik bietet Frauen neue Möglichkeiten in der Lebensplanung. Viele Kliniken in der Schweiz bieten den Eingriff mittlerweile an. Unter Feministinnen läuft eine Debatte.

Zara Zatti / ch media



Jasmins Entscheid ist eigentlich keiner - sie hat ihn bloss aufgeschoben. Eben hat ihr die Frauenärztin eröffnet, was alle Frauen ohnehin wissen: Mit steigendem Alter wird es immer schwieriger, schwanger zu werden. Jede Frau hat nur eine bestimmte Anzahl Eizellen. Jasmin ist 36. Ihre Reserve ist bald aufgebraucht.

Es ist dieses Alter, in dem sich die Frauen am meisten rechtfertigen müssen. An jeder Geburtstagsparty, an jedem Familienfest lauert die Frage: Willst du keine Kinder?, wie eine Anschuldigung, eine Erinnerung an die eigene Vergänglichkeit. Doch jetzt gibt es die Methode, diese teure Technik, die ein besonders knappes Gut kauft: Zeit. Social-Egg-Freezing heisst ein Verfahren, das Frauen neue Möglichkeiten der Lebens­gestaltung beschert. Und die Gefahr birgt, dass der weibliche Körper noch besser ökonomisiert wird.

Die rückläufige Eizellreserve belastet die Beziehung

Jasmin (Name geändert), inzwischen 40, kommt etwas zu spät zum vereinbarten Treffen bei ihr zu Hause. In engen Yoga-Hosen räumt sie eilig ein paar Tassen in den Geschirrspüler. Gerade war sie beim Sport. Sie spricht schnell und klar. Ihre Tage sind voll, sie hat keine Zeit zu verlieren. Mit ihren dunklen Haaren und den raschen Bewegungen wirkt sie jünger, als sie ist. Am Gartentisch erzählt sie ohne Hemmungen, wie sie sich alle Optionen offenlassen wolle.

Nach der Geburt der Tochter hätte Jasmin gern ein zweites Kind. Sie ist sehr eng mit ihren Geschwistern aufgewachsen und wünscht sich dasselbe für ihre Tochter. Ihr Partner hat bereits einen Sohn aus einer früheren Beziehung und möchte eigentlich kein drittes Kind mehr. Er ist 16 Jahre älter. Mehr und mehr belastet der unterschiedliche Kinderwunsch die Beziehung. Sie probieren es, doch es klappt nicht.

Mit 36 stellt sich heraus, dass Jasmins Eizell­reserve zurückgeht. Das Thema belastet, Jasmin weiss nicht, ob die Partnerschaft halten wird. Unabhängig davon wünscht sie sich noch immer ein Kind.

«Ich wollte keine Chance verpassen»

Für Jasmin ist klar: Ihr bleiben vielleicht ein paar Jahre, vielleicht nur Monate. Sie willigt ein, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Ihr Partner steht nicht hinter dem Eingriff, sie geht allein zu den Untersuchungen. Gleichzeitig lässt sich Jasmin in einer Klinik in Schweden für eine Befruchtung mit Samenspende beraten. In der Schweiz ist eine Befruchtung durch einen anonymen Spender den Singlefrauen nicht erlaubt. «Meine grösste Angst war es, dass ich irgendwann einen Mann kennen lerne, mit dem ich Kinder will, es aber nicht mehr geht.

«Ich wusste damals nicht, ob das je passieren wird, doch ich wollte einfach keine Chance verpassen.»

Ein Social-Egg-Freezing braucht Zeit. Um genügend reife Eizellen für die Entnahme zu erhalten, müssen die Frauen Tabletten einnehmen und sich über knapp zwei Wochen ein Hormonpräparat in den Bauch spritzen. Alle paar Tage müssen sie zur Kontrolle. Die Entnahme findet unter Narkose statt, weil sie sonst sehr schmerzhaft wäre.

Nur eine 50:50 Chance, ob die Eizellen zu einem Kind werden

Jasmin hat zwei Stimulationen durchführen lassen. Insgesamt konnten so elf Eizellen entnommen werden. Gekostet hat sie das knapp 10?000 Franken. Ein teurer Eingriff, ein Wagnis auch. Wie viele Eizellen entnommen werden können, lässt sich vor der Stimulation nicht genau sagen. Auch lässt sich anhand von Erfahrungswerten nur abschätzen, wie hoch danach die Chancen auf ein Kind sind. Klar ist: Je älter die Frau bei der Entnahme, desto mehr Eizellen müssen entnommen werden, um eine hohe Wahrscheinlichkeit einer Lebendgeburt zu haben.

Nach Berechnungen, die am Unispital Basel herangezogen werden, liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Kind bei Jasmin mit ihren elf entnommenen Eizellen bei etwa 55 Prozent. Die Uniklinik betont, idealerweise müssten 25 Eizellen entnommen werden: Dann steige die Wahrscheinlichkeit auf über 80 Prozent.

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Ob aus den befruchteten Eizellen tatsächlich eine Schwangerschaft entsteht, ist unklar. Auch längst nicht alle Frauen tauen die Eizellen überhaupt auf. bild: Birgit Groh / MAN

Jasmin war sich bewusst, dass der Eingriff keine Garantie auf ein zweites Kind sei: «Wenn es nicht klappt, dann ist es so. Aber ich wollte alles in meiner Macht Stehende dafür tun. Und nicht aus mangelndem Einsatz der Möglichkeit beraubt werden.» Eine dritte Stimulation wollte sie allerdings nicht mehr durchmachen:

«Ich hatte keine Lust mehr auf einen blauen Bauch durch die Spritzen, auch war mir der zeitliche Aufwand zu gross.»

Immer mehr Frauen entscheiden sich für ein Social Freezing

In der Schweiz entscheiden sich schätzungsweise 400 Frauen pro Jahr dazu, ihre Eizellen einzufrieren. Viele Fertilitätskliniken bieten den Eingriff mittlerweile an, immer mehr Frauen interessieren sich dafür. Das merkt auch Ursula Gobrecht-Keller, Kaderärztin am Kinderwunschzentrum am Unispital Basel. Ein Grund sei die seit einigen Jahren verbesserte Einfriertechnik für Eizellen: Gemäss internationaler Datenlage gibt es heute keinen Unterschied mehr zwischen frischen und eingefrorenen Eizellen bezüglich der Rate an Schwangerschaften, Aborten und Lebendgeburten.

Anders als die gängige Meinung sind es meist nicht karriereorientierte Frauen, die sich ihre Eizellen einfrieren lassen, um noch schwanger werden zu können, wenn es der Job zulässt. Laut Studien ist bei 88 Prozent der Frauen ein fehlender Partner der Grund. «Oft kommen Frauen nach einer Trennung zu uns. Sie sind schon über dreissig und haben plötzlich Angst, dass es zu lange dauert, bis sie einen neuen Mann gefunden haben, um dann noch Kinder mit ihm zeugen zu können», sagt Gobrecht-Keller. Vielen Frauen nehme das Social-Egg-Freezing den Druck.

Auch die Zeitspanne für ein Social Freezing ist nicht gross

Laut dem Unispital Basel liegt das optimale Alter für die Entnahme von Eizellen zwischen 32 und 37 Jahren, wobei die Wahrscheinlichkeit auf genügend und qualitativ hochwertige Eizellen vor dem 35. Lebensjahr am besten sei. Bei Frauen über 38 sei eine Entnahme von Eizellen nach Stimulation zwar technisch möglich, aber: «Kommen Frauen über 40 zu uns oder solche mit stark eingeschränkter Eierstockreserve, dann raten wir von einem Eingriff ab», sagt Gobrecht-Keller. Zu gering sind dann die Aussichten auf eine spätere Schwangerschaft.

Auch Frauen unter 30 werden am Unispital Basel eher von Social-Egg-Freezing abgeraten. Denn in der Schweiz dürfen Eizellen maximal zehn Jahre aufbewahrt werden, danach werden sie vernichtet oder müssen ins Ausland transportiert werden. Bei jungen Frauen sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Eizellen eines Tages tatsächlich benutzen, sehr gering:

«Wir wollen die Frauen davor schützen, sich unnötig medizinischen Risiken auszusetzen und unnötig Geld zu investieren.»

Der Körper der Frau als Geschäft

Das Kinderwunschzentrum am Unispital nehme also nicht Geld um jeden Preis an. Es ist aber kein Geheimnis, dass das Geschäft mit der Zeit durchaus lukrativ geworden ist. Das Marktvolumen der reproduktiven Medizin wächst seit Jahren. Marktforschungsinstitute aus den USA schätzen das Volumen für das Jahr 2026 zwischen 25 und 50 Milliarden US-Dollar. Der Körper der Frau ist ein Geschäft.

In feministischen Kreisen wird die Möglichkeit des Social-Egg-Freezing unterschiedlich beurteilt. Zum einen könne es den Frauen Freiheit und Selbstbestimmung verschaffen. «Das Einfrieren von Eizellen bringt das Ticken der biologischen Uhr nicht zum Verstummen. Vielmehr dämpft es das Ticken, sodass wir verschnaufen und die richtigen Lebensentscheidungen treffen können», schreibt die amerikanische Journalistin Sarah Elizabeth Richards in ihrem Buch «Motherhood, Rescheduled».

Endlich hätten die Frauen, genau wie die Männer, auch mehr Zeit. So wird das Social-Egg-Freezing gelegentlich auch als Pille 2.0 bezeichnet: Während die Antibabypille den Frauen die Möglichkeit gab, zu entscheiden, ob sie Kinder wollen, ermöglichen die eingefrorenen Eizellen, zu entscheiden, wann sie Kinder wollen.

Grosskonzerne in den USA bezahlen den Eingriff

Doch es gibt auch eine Kehrseite. Kritikerinnen argumentieren, dass mit «der Möglichkeit des Social-Egg-Freezing das heutige gesellschaftliche Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Frau abgeschoben werde. «Sie allein müsste die körperliche, soziale und finanzielle Last tragen, um Chancengleichheit zu erzielen», schreiben die Philosophin Barbara Bleisch und die Juristin Andrea Büchle in ihrem Buch «Kinder wollen».

In den USA gibt es mittlerweile mehrere Grosskonzerne, die ihren Mitarbeiterinnen ein Social-Egg-Freezing bezahlen und das als Gleichstellungsmassnahme propagieren. Für sie ist es offenbar lukrativ, wenn sie ihre Arbeitnehmerinnen in deren reproduktiver Zeit zwischen 30 und 40 ohne Unterbruch halten können. Frauen können damit unter Druck gesetzt werden, ihren Kinderwunsch auf spätere Jahre zu vertagen. Nicht ohne Folgen für die Frauen: Nebst den Strapazen eines Egg-Freezing birgt eine Schwangerschaft über 40 ein höheres Komplikationsrisiko für Mutter und Kind.

Das Egg Freezing ist keine Versicherung für ein Kind

Ursula Gobrecht-Keller warnt noch vor einer anderen Gefahr. So ­könne das Social-Egg-Freezing eine falsche Sicherheit vermitteln: «In der heutigen Zeit, in der man sich gegen alles ver­sichern kann, haben einige Frauen das Gefühl, der Eingriff gebe ihnen gegen Geld die Garantie auf ein Kind.» Das könne dazu führen, dass Frauen Entscheidungen immer weiter ver­schieben oder überhaupt nicht nach einem Partner suchen, der sich auch für Kinder eignet.

Jasmin glaubt nicht, dass sie ihre Eizellen je auftauen wird. Bereuen tut sie es trotzdem nicht. Es hat ihr damals das Gefühl gegeben, frei entscheiden zu können. Heute lebt sie von ihrem Partner getrennt. Der passende Mann ist bis anhin nicht gekommen. Mittlerweile ist Jasmin zufrieden mit ihrem Leben, ein zweites Kind will sie nicht mehr um jeden Preis. (aargauerzeitung.ch)

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