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Abgemacht waren 200 – leider hat der Koffer 680 Franken gekostet. Bild: watson

Warum ich 680 Franken für den alten Koffer eines Fremden bezahlt habe und deshalb um meinen Job bangen musste

Wie man einen Koffer verlieren kann? Keine Ahnung! Warum man den Koffer einer fremden Person ersteigern will? Weiss ich auch nicht. Um Letzteres herauszufinden – und selber so ein Teil zu ergattern, war ich bei einer Fundsachen-Versteigerung. Ob sich das gelohnt hat, wird sich erst noch zeigen.



Als ich um kurz nach 11 Uhr das «Volkiland» – ein Einkaufszentrum in Volketswil ZH – betrete, ist die Versteigerung bereits in vollem Gange. Angeboten wird gerade eine elektrische Fliegenklatsche, Startpreis: Ein Franken. Für wie viel Geld das Teil seinen Besitzer wechselt, bekomme ich nicht mit, denn ich muss mich in dem ganzen Trubel erst noch zurecht finden.

Die 200 Sitzplätze sind längst alle vergeben – logisch, der Event hat schliesslich schon vor fünf Minuten angefangen. Um die Stuhlreihen herum stehen schätzungsweise weitere 200 Leute, die das Treiben gespannt beobachten – und natürlich fleissig mitbieten. Wer hier ein Schnäppchen machen will, muss schnell und aufmerksam sein, denn jede einzelne Versteigerung dauert nicht länger als 20 Sekunden:

«1 Franken! 5 Franken! Wer bietet 10? Der Herr sagt 10! Höre ich 20? Da ist die 20! 30! 30 zum Ersten, 30 zum Zweiten und 30 zum Dritten!»

Zack, und schon sind die beiden alten Holztennisschläger verkauft. Anschliessend folgen eine Umhängetasche, eine Damenarmbanduhr und zwei Kuscheltiere. Dann ist es endlich soweit: Der erste Koffer – ein Fundstück vom Flughafen Zürich, dessen Inhalt absolut unbekannt ist – wird versteigert. Einige Tage vor der Gant habe ich meinen Chef gefragt, wie viel Kohle er für das Projekt «Koffer ersteigern» locker macht. «Och, bis auf 200 Franken kannst du da schon hochgehen», hat er in grosszügigem Ton erwidert.

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Egal, ob Fliegenklatsche oder Armbanduhr – Auktionator Roland Widmer gibt alles. bild: claudia senti

«Dann wollen wir doch mal sehen, was so ein Koffer kostet und ob ich von dem Restgeld noch was anderes ersteigern kann.» Bevor ich diesen Gedanken zu Ende gefasst habe, ist es auch schon passiert: Das erste prall gefüllte Gepäckstück ist verkauft. Für geschlagene 450 Franken. «Oh ... Okay ... Ich glaube ... Ich muss mal kurz telefonieren», stottere ich und wähle die Nummer vom Chef.

Ich habe es wohl mit echten Profis zu tun

Na super, wenn man ihn mal wirklich braucht, geht er natürlich nicht an sein Handy. Um diesen ersten Schock zu verdauen – und um einen neuen Plan zu schmieden, schaue ich mich ein bisschen um. Hinter der kleinen Bühne stehen Schaukästen. Dort können alle Schätze, die heute noch unter den Hammer kommen, begutachtet werden. Jeder Gegenstand ist mit einer kleinen Nummer versehen.

Langsam aber sicher wird mir klar, dass ich furchtbar schlecht vorbereitet bin: Denn die anderen Besucher halten alle die Gantliste, die man sich offenbar im Vorfeld hätte ausdrucken können, in der Hand. Die besonders strebsamen Teilnehmer sind zudem mit einem Kugelschreiber – oder besser noch mit einem Leuchtstift – bewaffnet, schleichen um die Schaukästen herum und notieren auf der Liste, bei welchen Gegenständen sie mitsteigern wollen.

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Gant-Profis auf Schnäppchen-Jagd. bild: watson

Höchste Zeit, mit den echten Profis ins Gespräch zu kommen! Dabei stellt sich schnell heraus: Die Koffer sind besonders begehrt. Das beweist mir unter anderem der 35-jährige Tom. Was genau er ersteigern will, weiss er noch nicht. Aber bei den Koffern will er sicher mitbieten. Wie viel Geld er hier und heute investieren will? «500 Franken bestimmt!»

Also gut, wenn der Chef weder zurückruft, noch auf meine panische SMS reagiert, muss ein anderer Plan her. Meine Begleitung und ich beschliessen Folgendes: «Wir nehmen die 200 Franken aus der Redaktionskasse, legen je 100 Franken drauf und teilen uns nachher den Inhalt.» Mit diesen 400 Franken im Kopf bringen wir uns in Position, denn die ersten 55 Gegenstände haben bereits ihren Besitzer gewechselt und die Nummer 60 auf der Liste (inzwischen habe ich sie mir auch aufs Handy geholt) ist wieder ein Koffer.

Jetzt geht's ans Eingemachte

Als Auktionator Roland Widmer diesen ankündigt, geht ein Raunen durch die Menge. Obwohl der Koffer für alle sitzenden Teilnehmer gut zu sehen ist, hält es die Herrschaften kaum auf ihren Stühlen: Ein paar von ihnen stehen kurz auf, um das Objekt der Begierde noch besser sehen zu können. Dann geht es auch schon los: Bei 200 Franken wird gestartet – und ich halte mich schön zurück: «Sollen erst mal die anderen bieten», denke ich mir. Bin ja schliesslich nicht von vorgestern.

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Über die gesamte Dauer der Versteigerung ist die Halle prall gefüllt. bild: watson

Genau bei 400 Franken hebe ich den Arm und für einen ganz kurzen Moment scheint es so, als hätte ich tatsächlich Glück: «400 Franken für die Dame zum Ersten!», hallt die Stimme durch den Raum. Die Pause, die Widmer dann macht, fühlt sich an wie eine halbe Ewigkeit. Mein Herz rast und ich denke «Los, zum Zweiten und zum Dritten – jetzt sag es schon!» Doch dann streckt doch noch jemand anderes seinen Arm in die Luft und plötzlich bricht ein Battle zwischen zwei Herren aus, das bei einem Preis von 660 Franken ein Ende findet.

Ein paar getragene Unterhosen und was noch?

Daniel Schiebel heisst der glückliche Käufer. Der 37-jährige Mann aus Deutschland lebt seit 12 Jahren in der Schweiz und nimmt heute zum ersten Mal an einer solchen Versteigerung teil. Auch für ihn war klar: «Wenn, dann muss es ein Koffer sein!» Damit keine persönlichen Gegenstände der Vorbesitzer mit verkauft werden, muss das Gepäckstück hier und jetzt geöffnet werden. Eine Dame vom Auktionsteam kontrolliert den Inhalt – Schiebel schaut neugierig zu.

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Getragene Unterhosen – Schiebel ist sichtlich erfreut. bild: watson

Die Ausbeute: Eine Menge getragener Herrenklamotten, ein Ne­ces­saire mit Zahnpasta und Co – aber auch: ein Nexus-Tablet, ein Nikon-Objektiv und eine Sony-Kamera. Schiebels Fazit: «Das ist schon okay. Die Wertsachen werde ich verkaufen und den Koffer behalte ich – ich brauche nämlich unbedingt einen Neuen.»

Nach diesem Ergebnis steht fest: Der letzte Koffer – Gegenstand Nummer 120 auf der Gantliste – muss meiner sein! Bleibt also genügend Zeit, an meinem Plan zu feilen. Weil Chef Nummer eins noch immer nicht reagiert hat, telefoniere ich mich durch die halbe Teppich-Etage von watson. Kurz bevor ich aufgeben will, geht doch noch einen meiner Vorgesetzten an die Strippe.

Aus 200 werden 600 Franken – immerhin

«Hallo Viktoria!», höre ich ihn sagen. «Na endlich!», denke ich. Schnell schildere ich die Situation und entlocke ihm am Ende folgendes Statement: «Ja, also, bis fünf-, sechshundert kannst du schon gehen, aber weiter würde ich nicht.» Weil das letzte Exemplar für 660 Franken verkauft wurde, bleiben meine Begleitung und ich bei dem Plan, aus eigener Tasche etwas draufzuzahlen, und setzen unser Limit bei 700 Franken.

Jetzt – da das geklärt ist – bleibt wieder etwas Zeit, um das muntere Treiben zu verfolgen: Ein Mann ersteigert einen Riesenschleckstengel für 15 Stutz, eine junge Frau ergattert einen portugiesisch sprechenden Plüschhund für schlappe 25 Tacken und ein älterer Herr blättert 100 Franken für ein Trikot von Manchester City hin. So hat zumindest der Auktionator den Gegenstand angekündigt. Blöd nur, dass es sich in Wahrheit um ein Dress von Manchester United handelt. Na, wenn das zuhause keine böse Überraschung gibt ...

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Ein portugiesisch sprechender Plüschhund – kann man haben, muss man nicht. bild: watson

Um kurz vor 13 Uhr kommt es dann zum grossen Finale: Der letzte Koffer wird auf die Bühne gebracht. Wieder sind 200 Franken als Startpreis gesetzt und wieder schaukelt sich dieser innert kürzester Zeit hoch auf 500 Stutz. Bei 540 bin ich die Meistbietende und für einen Moment sieht es wieder so aus, als wäre die Versteigerung vorbei. Ich spüre, wie mehr als 100 Blicke auf mich gerichtet sind, balle die Faust – bereit zum Jubeln – und schaue den Auktionator mit grossen Augen an.

Doch dann schnellt wieder eine Hand in die Luft. Ein Mann, der es offenbar nochmal wissen – oder mich bloss ärgern will. Nur noch er und ich sind übrig, der Rest hat aufgegeben. Bei Preisen in dieser Höhe geht der Auktionator in 20er-Schritten vor. Er zeigt abwechselnd auf mich und den gegnerischen Bieter: 560, 580, 600 ... Wenn Blicke töten könnten, wäre mein Kontrahent längst erledigt ... 620, 640 ... Boah – echt jetzt?! Gib endlich auf! 660, 680!

«Die Dame sagt 680! 680 zum Ersten! 680 zum Zweiten! Uuuuund ...... 680 ..... zuuuum ..... Dritten!»

Mein erster Gedanke: «Juche! Der Koffer gehört mir!» Und der zweite: «Moment mal! 680 Franken? Habe ich gerade 680 Franken für einen benutzten Koffer mit irgendwelchen Sachen von irgendeiner fremden Person ausgegeben?!» Egal, die Menge applaudiert, wildfremde Menschen strahlen mich an und feiern mich wie eine Heldin.

Welche Meinung vertrittst du?

Für die Leute hier im Raum scheint das Spiel völlig klar zu sein: Man versucht zwei Stunden lang irgendwelchen Kleinkram zu Schnäppchenpreisen zu ergattern, die richtigen Highlights sind aber die Koffer. Da macht das Mitsteigern ebenso wie das Zuschauen Spass. Weil die Überraschung am Ende so wahnsinnig aufregend ist und man sich mit den «Gewinnern» freuen – oder sie herzlich auslachen kann.

Und so stürmen wieder alle nach vorne, weil sie wissen: Jetzt wird das Ding geöffnet. Nur ich bleibe im Hintergrund zurück. «Aber warum denn? Das ist doch Ihr Koffer! Sie müssen da doch jetzt zuschauen!», rufen mir alle zu.

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Alle wollen wissen, was in meinem Koffer steckt. Nur ich nicht. Bild: watson

Sei dabei, wenn der Koffer geöffnet wird!

Doch ich möchte mich überraschen lassen. Und vor allem will ich, dass alle watson-User live dabei sein können, wenn das Geheimnis gelüftet wird. Falls mein Chef mir also bis heute Nachmittag nicht den Kopf abgerissen hat, weil ich einen Koffer für 680 Franken (statt für 200 😰) ersteigert habe, lade ich euch herzlich dazu ein,

um 15 Uhr bei der Koffer-Öffnung im Live-Stream dabei zu sein!

Bis dahin könnt ihr im Kommentarfeld raten, was wohl so im Koffer auf mich wartet. Ich persönlich hoffe ja auf jede Menge Hightech-Produkte – oder wenigstens einen Goldbarren – damit ich aus der Sache irgendwie heile wieder rauskomme.

Nachtrag:

Inzwischen ist das Geheimnis gelüftet – hier geht's zur Auflösung >>

Infobox

Bei den Versteigerungen, die drei bis vier Mal im Jahr stattfinden, kommen Gegenstände unter den Hammer, die in Zügen der SBB, in Postautos und an den Flughäfen von Zürich und Genf gefunden worden sind. Das Unternehmen fundsachenverkauf.ch kauft den Verkehrsunternehmen die Fundsachen ab, um sie anschliessend weiterzuverkaufen. In den zwei Stunden, die ich am Samstag in Volketswil mitverfolgt habe, sind laut Geschäftsleiter Roland Widmer schätzungsweise zwischen 6000 und 8000 Franken in die Kasse gekommen.

Ein paar Eindrücke von der Versteigerung:

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