Angriffe auf ÖV-Personal häufen sich – viele Fälle bleiben ungemeldet
Beleidigungen, Drohungen und sogar körperliche Gewalt gehört für das Personal des öffentlichen Verkehrs zum Alltag. Die Zugbegleiterin Janine Truttmann sagt gegenüber dem Blick: «Ich höre jeden Tag eine Beleidigung.»
Ein Angriff auf das Personal des öffentlichen Verkehrs gilt als Offizialdelikt. Wenn das Personal Gewalt erlebt, muss der Vorfall intern gemeldet werden. Dann wird abgeklärt, ob eine Anzeige in die Wege geleitet wird. Das passiert allerdings selten. Die Bürokratie oder aber auch die Angst vor Rache schrecke das betroffenen Personal ab, erklärt Truttmann. «Viele Kollegen wollen keine Anzeige machen, weil der Name dann in den Verfahrensakten steht.»
Truttmann selbst war bereits in sechs Strafverfahren involviert. Solche Verfahren seien eine «langwierige Sache», die «Zeit, Mut und Nerven» kosten.
Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) bestätigen gegenüber dem Blick eine spürbare Hemmschwelle bei den Mitarbeitenden, Fälle zu melden. Auch die Rhätische Bahn beobachtet fehlende Meldungen. Sie führen das Ausbleiben darauf zurück, dass Mitarbeitende Vorfälle als Bagatelle betrachten oder den Aufwand eines Verfahrens scheuen.
Laut der polizeilichen Kriminalstatistik wurden 2025 insgesamt 718 Vorfälle von Gewalt oder Drohung gegen Beamte im öffentlichen Verkehr zur Anzeige gebracht.
Aggressiveres Verhalten der Passagiere
Schon Anfang September schlug die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) Alarm: Seit der Corona-Pandemie habe die Zahl der Angriffe auf das ÖV-Personal deutlich zugenommen. Allein bei der SBB soll es demnach pro Tag zu zehn Angriffen auf das Personal kommen.
Auch bei Postauto Schweiz stellt man ein aggressiveres Verhalten der Passagiere fest. Laut einem Sprecher des Unternehmens wurden im vergangenen Jahr insgesamt 65 Übergriffe auf das Fahr- und Kontrollpersonal erfasst. Bis Ende Juli dieses Jahres wurden bereits 145 Fälle gemeldet, also etwas mehr als doppelt so viele wie im gesamten letzten Jahr.
Wenn sich ein Vorfall im Fern- oder überregionalen Verkehr ereignet, ermittelt die Bundesanwaltschaft. Im vergangenen Jahr verzeichnete sie einen Anstieg der Delikte gegen Beamte im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl soll um rund ein Drittel gestiegen sein. «Ein Grossteil betrifft dabei Delikte gegen Beamte im öffentlichen Verkehr», sagt ein Sprecher zum Blick.
(pem)
