Warum erschliesst man sensible Orte in den Bergen für Touristen so gut?
Letzte Woche gab es wieder eine Meldung von Overtourism in den Bergen: Der Sorapissee in den Dolomiten wird von Touristen belagert. Es dürfte nicht die letzte dieser Entwicklungen gewesen sein. In der Schweiz hört man die Rufe von Massentourismus oder Overtourism ebenfalls immer wieder. Im Alpstein werden seit diesem Sommer Ranger eingesetzt, auf dem Gratweg Stoos wird nach Lösungen für die Touristenmassen gesucht.
Tourismusverbände wollen hierzulande nicht von Overtourism sprechen. Es gäbe einige Peak-Tage, ja. Das kann man so sehen und trifft im Vergleich mit dem Sorapissee oder anderen internationalen Hotspots wohl zu. Christoph Schmidt, drückt es so aus: «Wir haben Hochfrequenztage, aber kein Overtourism.» Er ist Verwaltungsratspräsident der Flims Laax Falera Management AG, Gemeindepräsident von Flims und Hotelier des Schweizerhofs im Ort. Hier oben ist der 54-Jährige aufgewachsen. Er muss es wissen.
Ich treffe mich mit ihm bei der Talstation des FlemX, dieser Gondelbahn mit dem weltweit einzigartigen «Rope Taxi»-System. Sie bringt Gäste seit Dezember 2024 in wenigen Minuten direkt an den Rand des unteren Segnesbodens im UNESCO-Weltnaturerbe Tektonikarena Sardona. Der untere und obere Segnesboden sind ein Moor- und Auengebiet von nationaler Bedeutung auf über 2000 Metern über Meer und stehen unter besonderem Schutz.
Der FlemX fährt seit Dezember 2025 auch hoch zum Cassons am nördlichen Ende des Flimsersteins. Die alte Gondelbahn auf den Cassons wurde seit 2015 nicht mehr betrieben. Der Untere Segnesboden war zuletzt im Sommer von 2017 bis 2022 durch die alte Pendelbahn zum Grauberg erschlossen, die Station lag allerdings rund einen Kilometer weiter oben. Die Erreichbarkeit des unteren Segnesbodens wurde jetzt mit dem FlemX praktisch für jedermann gewährleistet.
Das markante und geneigte Hochplateau des Flimsersteins wird zudem seit diesem Sommer von Süden her mit der Milchseilbahn von Fidaz aus erschlossen. In den Jahren zuvor musste man mindestens 90 Minuten wandern, um den Flimserstein zu erreichen.
Warum hat man die beiden Orte einfacher als zuvor zugänglich gemacht? Der eine ist hochsensibel, der andere über ein Jahrzehnt nur für ausdauernde Wanderer erreichbar. Hätte man das nicht so belassen können? Dieser Frage gehe ich heute nach.
Schmidt erklärt auf der wunderbaren Terrasse der Segneshütte – die jetzt über eine eigene Gondelstation verfügt –, dass Flims schon immer eine Sommerdestination war. Den Wintertourismus entdeckte man erst in den 1960er Jahren, ist aber eigentlich mehr auf Laaxer Gebiet.
Es war also nicht so, dass der Segnesboden früher «unberührt» war. Aber sicher weniger häufig frequentiert. «Ja, früher warst du auch mal alleine da. Da hat dann aber auch niemand kontrolliert, was getrieben wurde. Heute haben wir auf dem Segnesboden zwei Stellen markiert, an welchen man ans Wasser kann», erklärt Schmidt.
Der Rundweg über den Segnesboden ist gut markiert, Hinweisschilder mahnen auf dem Weg zu bleiben, zwei Ranger sind unterwegs, teilweise hat es auch Abschrankungen mit Seilen, damit niemand vom Weg abkommt. Ein besonders heikler Abschnitt wird so umgangen, dass der Rundweg knapp 120 Höhenmeter ansteigt. «Beim Bau der Bahn wussten wir: Es braucht unter anderem Besucherlenkung und ein Wildtierschutzkonzept», sagt Schmidt, man habe die Pläne mit Parteien bis hinauf zum BAFU ausgearbeitet.
So werden mit 14 Zählsystemen auf dem Gebiet die Frequenzen gemessen. Eine richtige Analyse wird man wohl nach dem Sommer 2027 machen können. Für die Sommersaison 2026 dürften rund 30 Prozent mehr Besucher hier gewesen sein. Insgesamt gab es bei der FlemX-Bahn 150'000 Eintritte verteilt über rund 200 Tage. «An Spitzentagen hatten wir 2500 bis 3000 Gäste im Gebiet», sagt Schmidt. An diesem schönen Tag im späten September werde ich danach auf der Wanderung über den Flimserstein zwar einige Leute treffen, «voll» ist's aber bei weitem nicht.
Der Segnesboden liegt im UNESCO Welterbe Sardona. Da ist Schutz wichtig, aber auch Sensibilisierung und Wissensvermittlung. So steht ein Besucherpavillon zur Entstehungsgeschichte hier oben. Die Ranger kontrollieren nicht nur, sie leisten auch Wissensvermittlung.
Denn hier oben sind die Verantwortlichen überzeugt: Was man kennt und versteht, das schützt man auch. Es gibt am Weekend kostenlose Geoguide-Touren und «Meet the Ranger» für Wildtierbeobachtungen. «Das Angebot kommt gut an, das werden wir ausbauen», blickt Schmidt voraus.
Was weniger gut ankommt, ist der Preis für den FlemX. Flims-Cassons retour kostet ohne Halbtax 150 Franken. Das Budget für eine Familie wird da arg strapaziert. «Nächstes Jahr gibt es wohl dynamische Preise. Ab einer Hotelübernachtung gibt es das Wanderticket jetzt schon für 39 Franken», sagt Schmidt. Ziel seien natürlich Übernachtungsgäste, da diese auch mehr Wertschöpfung in die Region bringen. «Wir können und wollen hier nicht Touristengruppen mit Bussen hinkarren, die nur für kurze Zeit bleiben. Das würde nicht gehen», ist der Gemeindepräsident überzeugt.
Er ist zufrieden mit der neuen Anlage. «Ohne diese Bahn wäre es für Flims eine Katastrophe gewesen. Die Frage war nie ob, sondern wie wir die Erschliessung des Wandergebiets lösen. Ohne Bahn hätte es nicht funktioniert. Die Ausgangslage ist jetzt hervorragend, aber wir müssen das alles noch erfolgreich machen», sagt Schmidt. Es braucht eine funktionierende Gastronomie, Bikestrecken, Besucherlenkung und vielleicht auch ein Besucherzentrum im Dorf.
Die Akzeptanz für den Tourismus im Dorf sei hoch. Schmidt sieht die Einheimischen hinter sich: «Natürlich müssen wir den Einwohnern auch zeigen, wie sie profitieren. Dafür führen wir auch Roundtables in verschiedenen Alterskategorien durch und basteln an der Zukunft für Flims.»
Was passiert, wenn zu viele Leute an einen Ort wollen, das kennt man in Flims spätestens seit dem Boom am Caumasee. Da gibt es im Sommer eine tägliche Besuchergrenze, um die Belastung für die Natur zu steuern. «Schon in meiner Jugend hatte es da viele Leute, es hat sie einfach niemand so genau gezählt», sagt Schmidt lächelnd. Jetzt seien die Gäste internationaler geworden. Aber die Einheimischen wüssten noch immer Zeiten, wann sie ihre Naturschönheiten für sich haben und kennen Orte, welche die Touristen nicht finden.
Einer dieser Orte, die nicht mehr so einsam sind wie früher, ist der Flimserstein. Seit Ende August wurde mit der Milchseilbahn ab Fidaz der Zugang massiv vereinfacht. Durch die Cassonsbahn im Norden kann man da jetzt in zwei Stunden über die herrliche Hochebene mit dem schönen Fil-de-Cassons-Gratweg wandern und dann spektakulär mit der neuen Gondel ins Tal. Da stockt dem einen oder anderen vielleicht auch kurz der Atem.
Früher war dieses Gebiet für viele zu weit weg. Die Station Cassons ermöglicht auch einen deutlich einfacheren Zugang zum oberen Segnesboden, den man dann umrunden und zum unteren Segnesboden absteigen kann.
Das ist ja alles super. Aber es stellt sich die eingangs gestellte Frage: Warum muss man solche Gebiete auch noch erschliessen? Es ist die Frage nach dem Gleichgewicht zwischen Ermöglichen und Bewahren. Schützt man die grossartige Natur besser, wenn diese für die Menschen auch zugänglicher wird oder sperrt man sie aus, wo möglich? Kann man die Besucher so sensibilisieren, dass sie die Abfälle wieder ins Tal nehmen und auf den Wegen bleiben, wo dies gefordert wird?
Und wie werden Unfälle verhindert, wenn diese Gebiete einfach erreichbar werden? Beim eindrücklichen Wasserfall vom oberen auf den unteren Segnesbogen führt ein Trampelpfad gefährlich nahe an den Abgrund. Bei meinem Besuch im Sommer wagt sich ein Teenager in Turnschuhen auf dem schmalen Weglein so nah an den Fall, bis seine Eltern ihn fast panisch zurückrufen.
Schmidt entgegnet auf meine Erzählung: «Durch die Bahnen kommen hier auch Leute her, die weniger Erfahrung in solchen Gegenden haben. Sensibilisierung für die Gefahren in den Bergen ist darum das A und O. Die Leute überschätzen sich. Du kannst Prävention machen, aber verhindern kannst du solche Szenen nicht. Das ist ein gesellschaftliches Problem.»
Für Schmidt hat die bessere Erschliessung des Segnesbodens und des Flimsersteins noch eine Auswirkung: Die Angebotsdichte in der Region wird erhöht. «Wenn wir wollen, dass die Leute länger hier bleiben, müssen wir ihnen auch mehr bieten. Mit dem Caumasee, dem Crestasee, der Ruinaulta, dem Segnesboden und dem Flimserstein oder Bargis haben wir viele Highlights und die Besucher verteilen sich besser. Nur auf den Caumasee zu setzen, wäre der falsche Ansatz, wenn wir wollen, dass die Gäste länger bleiben. Es muss sich für sie lohnen, länger in der Region zu bleiben. Das kommt am Ende der ganzen Region zugute.» Denn auch in Flims gilt: Am Schluss hängen viele Arbeitsstellen zumindest indirekt mit dem Tourismus zusammen.
Und was kommt denn nach dem FlemX und der Milchseilbahn als nächstes? Schmidt winkt ab: «So wie jetzt muss es reichen. Die Bahnen sind gebaut. Jetzt müssen wir die Qualität für den Aufenthalt liefern.»
